von Brigitta Hochuli, 11.04.2016

Haus zur Glocke voll erklungen

Haus zur Glocke voll erklungen
Rauminstallation "Aufspürer des Schattens" von Claudia Schmid im Haus zur Glocke in Steckborn | © Christine Forster

In STECKBORN ist das Kunstfestival Transfer mit grossem Publikumszuspruch angelaufen. Nicht nur die moderne Kunst im uralten Haus zur Glocke ist stimmig, auch die Musik trug das ihre zum Erfolg bei.

Brigitta Hochuli

Am Freitag stand zur Vernissage rumänische Gemüsesuppe auf der Menükarte, am Samstag vor dem Konzert mit „Europa: Neue Leichtigkeit“ Schmurgelsuppe, am Sonntag haben wir „Neumond über dem Untersee“ mit Sellerie und Birnen gekostet. Alles freundlich serviert hauptsächlich von einheimischen Steckbornerinnen, die früher im Haus zur Glocke zum Teil den Gloggelade betrieben hatten oder im Turmhof Kuchen servieren. Über dieses lokale Engagement freuen sich Judit Villiger und Christoph Ullmann, die Initianten des Kunstfestivals Transfer, ganz besonders.

Menü Steckborn von sarah Gasser im Haus zur Glocke

"Menü Steckborn" von Sarah Gasser. ©Christine Forster

 

Gastlichkeit steht hoch im Kurs. Tritt man ein ins Erdegeschoss, lädt der gedeckte Tisch der Künstlerin Sarah Gasser zum ästhetischen Genuss - ein aus Papier nachgebauter wunderbarer „skulpturaler Kommentar zum kulinarischen Angebot der Stadt“. Im Kellerraum dahinter ein sprechendes Objekt von Andrea Gerster und Sylvia Hostettler.

Wir steigen die engen steilen Treppen hinauf und vorbei an der „Gloggebeiz“ und den Installationen von Claudia Schmid, Noemi Egloff, Nora Schiedt und Miriam Strauss bis ins Dachgeschoss, wo Lika Nüssli und Herbert Weber während zehn Tagen „ohne Worte“ eine Langzeitperformance durchführen. Sie arbeiten auch weiter, als die Sängerin Irina Ungureanu und die Jazzpianistin Vera Kappeler ihr Wanderkonzert durch das Haus bis an den See beginnen. Von hier aus übrigens spannt sich eine Lichtskulptur aus weissen Fäden über die Seestrasse zum Wohnhaus der Initianten direkt gegenüber.

Auftritt der Sängerin Irina Ungureanu (re) und der Jazzpianistin Vera Kappeler auf der Rückseite des Hauses zur Glocke. ©Christine Forster

 

15 Lieder singt Irina Ungureanu aus der 24-teiligen Winterreise Franz Schuberts. Vera Kappeler begleitet sie auf dem Harmonium, dem Toy- oder dem Cyberpiano. Beides höchst anspruchsvoll, nicht nur der Bedingungen wegen. Nebengeräusche von der Strasse oder zum Schluss die Seebise beim Turmhof gehörten zum Konzept, sagte die Sängerin zur Einführung. Es gehe um ein Abenteuer und bei Schubert um den „inneren Winter“, der in uns allen zeitweise herrsche. Irina Ungureanu ist eine Ausnahmesängerin, vor allem bekannt durch ihre Interpretationen Neuer Musik und bei deren differenzierender Winterreise es einen tatsächlich manchmal friert. Dem warmen, sonnigen Steckborner Frühlingstag und dem vergnügt gurrenden Täubchen im Turmhofgebälk konnte die Winterreise trotzdem nichts anhaben.

 

Pionierin und Bewohnerin

Als eigentliche Begründerin des Gloggeladens hat Suzanne Trautweiler als langjährige Hausbewohnerin bereits in den 80er Jahren Produkte aus sogenannten Drittweltländern angeboten. Die Bildeindrücke dieses Verkaufsraumes sind vor dem Hochwasser von 1984. Die hölzernen Einbauschränke und der Boden mussten danach wegen Wasserschäden entfernt und durch schimmelsichere Materialien ersetzt werden. Davon zeugt der Betonboden bis heute. Suzanne Trautweiler ist dankbar, dass das Haus zur Glocke nun sanft und respektvoll restauriert wird.Übrigens stammt der Kern des Hauses gemäss Judit Villiger aus dem 17.Jahrhundert oder früher und die Riegelfassade aus dem 18.Jahrhundert. (pd/ho)

 

Bildstrecke vom Sonntag, 10. April 2016


 

Noch bis Sonntag, 17. April
Das Kunstfestival Transfer steht für die Verwandlung des Steckborner Hauses zur Glocke in ein Kunstprojekt mit einer temporären Wirtschaft. Veschiedene, interdisziplinäre Teilprojekte eröffnen dieses Kunstprojekt über zwei verlängerte Wochen­ enden. Die Stiftung Turmhof Steckborn öffnet dazu das Foyer; hier lädt tagsüber ein Kuchenbuffet zum Stelldichein und an zwei Samstagabenden ein Doppelkonzert.

***

Frühere Beiträge auf thurgaukultur.ch

Transfer im Haus zur Glocke - Interview mit Judit Villiger

Von traditionell bis neu und atonal - Irina Ungureanu

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