Seit 39 Jahren führt das Ehepaar Ekkehard Faude und Elisabeth Tschiemer den Libelle-Verlag zwischen Lengwil und Konstanz. Nun ziehen sie sich aus dem Geschäft zurück.

Von Sascha Erni

Ekkehard Faude ist Kenner und scharfer Beobachter der Buchbranche. Seit er in Konstanz als Buchhändler gearbeitet hat, hält er sein Auge auf die Branche. Er schrieb viele Jahre lang eine Medienkolumne und äussert sich auch heute noch fundiert zum Markt. Die Liebe zum Buch ist ihm im Gespräch mehr als nur anzumerken – er lebt sie förmlich. 1979 gründete er den Libelle-Verlag in Konstanz. Nach 12 Jahren kam er mit der Journalistin Elisabeth Tschiemer zusammen, die Desktop-Erfahrung mitbrachte und den Verlag früh ins Internet brachte. Seit 1994 sitzt Libelle im thurgauischen Lengwil. Nun, nach 39 Jahren Verlagstätigkeit und hunderten von Publikationen, ziehen sich die zwei langsam, mit noch wenigen Novitäten, aus dem Geschäft zurück.

«Ich kam nie in Versuchung, das Verlagsprofil zu schärfen.»

Schon nach den ersten Büchern hatte sich abgezeichnet, dass Libelle ein Vollprogramm-Verlag sein würde. Von Mittelalterkunde über Bodensee-Literatur, Pädagogik bis zu Krimi, Theater und Wissenschaftssatiren findet sich praktisch alles im Programm. «Diese Varietät hing mit meinen eigenen Interessen und mit menschlichen Zufällen zusammen», erklärt Faude. «Zudem hatte mein grosses Vorbild Klaus Wagenbach bereits vorgemacht, wieviel Abwechslung man Lesern zutrauen kann.» Er bezeichnet das Verlagsprogramm als einen Zickzackflug, der mit der Libelle als Signettier mehr als eine gute Passung erhalten habe. Dieser Zickzackflug ist Teil des Konzepts – der Verlag wendet sich besonders an «Wildleser», wie es Faude nennt: Menschen, die sich für gute Bücher interessieren und sich dabei nicht gross durch eigene Genre-Präferenzen beeinflussen lassen. Eine Herausforderung für einen Verlag. «Man muss entschlossen auf hervorragende Texte reagieren, egal, ob sie ins bisher bewirtschaftete Gebiet passen.»

Vollprogramm für Wildleser – ein Ausschnitt aus dem Büchergestell des Libelle-Verlags. Bild: pd

Aus solch raschen Entschlüssen kam Libelle zum Beispiel ab 1996 zu den Theaterstücken der französischen Autorin Yasmina Reza (u.a. «Der Gott des Gemetzels» und «KUNST»). Und als Faude 2012 in Allensbach am Bodensee für Fritz Mühlenweg ein eigenes Museum gestalten konnte, war dies der Höhepunkt von zwanzig Jahren Editionsarbeit um einen einst vergessenen Erzähler, wie Faude erzählt. In die gegenwärtige Buchbranche scheint dieser Zickzackflug nur schwer zu passen. Selbstoptimierung und das Schlucken von Konkurrenten gehören heute zum Geschäft, viele Verlage versuchen sich mit einem besonders klaren Profil zu positionieren. «Wenn mich damals ein Verlagsprofiler beobachtet hätte, er hätte heftig abgewinkt» lacht Faude. Heute macht diese Vielfalt den Reiz von Libelle aus.

Wildwuchs für wilde Leser

Nicht nur den Reiz von Libelle, wie Faude ausführt. Er und Tschiemer sind starke Befürworter der Independent-Szene, der so genannten Indie-Verlage. Das Wort «Kleinverlage» hört er nicht gerne. «Niemand nennt Buchhandlungen Kleinbuchhandlungen, auch wenn nur zwei Leute drin arbeiten.» Die Arbeit ist dieselbe wie in einem Konzern, der Anspruch an Professionalität ebenso. Aber Indie-Verlage seien unabhängiger von Sachzwängen und vor allem Moden. Es gäbe eine lebendige Szene von jüngeren Enthusiasten bei diesen Verlagen, sagt Faude – und damit eine erfreuliche Vielfalt für Wildleser.

Die Möglichkeiten, die das Internet neuen Autorinnen und Autoren bietet, kommen hinzu. Erstmalig in der Menschheitsgeschichte können Millionen einzelne Schreibselige aus Texten Büchern machen. «Dass sie sie dann nicht verkaufen können, dass ohne Werbung nichts läuft, das merken dann 99 Prozent von ihnen auch irgendwann.» Aus Faude spricht da die jahrzehntelange Erfahrung im Buchhandel, aber ohne den geringsten Zynismus. Dass die Buchbranche sich im sachten Abtrudeln befände könne man aus den Druckereien erfahren – durch die sinkenden Auflagen auf breiter Front. Trotzdem werde eher mehr gelesen als früher. Die grundlegende Veränderung der Buchbranche und der Lesewelt bewirke einen Wildwuchs, den sich keiner habe vorstellen können. Das Angebot in diesem Wildwuchs muss also, wie bis anhin, auch erst einmal sein Publikum finden.

Neue Häfen für wichtige Werke

Angesprochen auf den Abschied vom Buchgeschäft sagt Faude, dass es genügend Verleger gäbe, die zu lange einfach weitermachen wollten. «Man wird aber nicht unbedingt besser jenseits der 60», meint der heute 71-Jährige gelassen. Die Zeremonie des Abschieds begann vor Jahren mit dem Verzicht auf Teilnahme an den grossen Buchmessen und der schrittweisen Reduzierung der Anzahl an Novitäten. Dass sich im Abschied aber überraschende Verzögerungen ergeben können, beweist eine Anfrage aus Vorarlberg im Januar 2018: Ob Libelle nicht doch noch die Franz Michael Felder-Edition um zwei abschliessende Bände ergänzen könne?

Das Verlegerpaar Faude/Tschiemer wird so oder so noch einige Jahre die Backlist mit ihren rund 100 lieferbaren Titeln betreuen und für wichtige Werke neue Häfen suchen. Für besagte Yasmina Reza ist dies bereits vor einiger Zeit geschehen, weitere Vermittlungen werden folgen. Kein leiser Abschied, sondern ein kontrollierter Rückzug also. Die Arbeit sei viele Jahre interessant geblieben, sie hätten eine gute Zeit mit ihrer Arbeit gehabt, sagt Ekkehard Faude. Und als Leser würde er dem Markt erhalten bleiben. «Also: Kein Jammern.»

 

REZENSION – «In Freiheit dressiert»

Von Sascha Erni

 

«Das ist unsere frischeste Novität», schrieb Ekkehard Faude, als er uns ein schmales Büchlein zuschickte. Mit 75 Seiten mag das Erinnerungsbuch des deutschen Künstlers, Goldschmieds und ehemaligen Jazz-Musikers Jan Dix zwar kurz sein, dünn an Substanz ist «In Freiheit dressiert – Eine Jugend im Dix-Haus» jedoch nicht.

 

Jan Dix wurde 1928 in Dresden geboren. Sein Vater Otto Dix, einer der bedeutendsten Maler des 20. Jahrhunderts, verlor nach der Machtergreifung der Nazis die Professur; seine Werke galten bald darauf als «entartete Kunst». Die Familie zog sich an den Bodensee zurück. In Hemmenhofen auf der Halbinsel Höri bauten sie ihre neue Heimstatt, das titelgebende «Dix-Haus». Bauen, während ein Krieg droht? Ja – die Mutter Martha Dix, aus grossbürgerlichen Kreisen, wollte eine Erbschaft krisensicher anlegen. Im Dix-Haus sollten die Kinder Nelly, Ursus und Jan ihre Kindheit und Jugend verbringen. Von diesem Leben berichtet Jan Dix’ Buch. Keine Autobiographie im eigentlichen Sinne, sondern ein «lustvoller Erinnerungsgang», wie es der Libelle-Verlag nennt.

 

Der schön aufgemachte Broschurband erzählt in schnörkelloser Sprache und mit vielen Familienfotos aus dem Leben der Dix-Kinder, von Jans erster Besichtigung der Baustelle bis zu seiner Rückkehr an den Bodensee, Jahrzehnte später, nun mit eigener Familie. Wir erfahren vom Verhältnis zwischen Süddeutschland und dem Thurgau in den (Vor-)Kriegsjahren – Deutsche Grenzgänger, die in Schweizer Fabriken Arbeit fanden, gab es schon damals, als die Dix-Jungs noch von einer Schmuggler-Karriere träumten.

 

Dix schwelgt in «Eine Jugend im Dix-Haus» nicht in Nostalgie. Sein Bericht ist nostalgisch, ja. Aber eben zuallererst das: Ein Bericht, keine romantisierende Memoiren-Sammlung. Das Dix-Haus bleibt dabei nicht einfach Szenerie, wird nicht zum Bühnenbild für die oft humorvollen und skurrilen Anekdoten. Es ist der eigentliche Protagonist in Dix’ «Erinnerungsgang». Dix schafft das Kunstwerk, durch seine sachliche, fast karge Sprache den Erinnerungsmotor der Leser anzuwerfen. Vieles erkennt man wieder, aus dem eigenen Leben oder zumindest aus Erzählungen der Eltern und Grosseltern: Dass man sich als Familie beim Heizen mit Stückholz mit Vorteil in nur einem Zimmer aufhält etwa, oder wie wichtig Besuche, Gespräche, Musik und Tanz besonders in düsteren Zeiten sein können. «In Freiheit dressiert» wirkt durch die vielen Erinnerungsstücke sehr persönlich und in seiner Zeit verhaftet, umgekehrt aber auch sonderbar zeitlos und universell. Das Buch hallt im eigenen Erinnerungsraum der Leser nach, noch lange nach der Lektüre. 

 

«In Freiheit dressiert» Eine Jugend im Dix-Haus. Jan Dix. Lengwil am Bodensee: Libelle Verlag, 2017. ISBN 978-3-905707-64-9. www.libelle.ch 

 

Weiterlesen:

In loser Reihenfolge porträtiert Sascha Erni für thurgaukultur.ch Kleinverlage aus der Ostschweiz. Bislang in dieser Reihe erschienen sind:

Vexer: Von der Kunst, Bücher zu gestalten: Seit 1985 betreibt Josef Felix Müller den Vexer-Verlag – und sieht ihn auch als Kunstprojekt. Thurgaukultur besuchte ihn anfangs Jahr in St. Gallen. Zum Text 

«Ein klares Profil ist entscheidend»: Am 13. Dezember erschien die 18. Publikation bei Triest, dem jungen Ostschweizer Fachverlag für Design, Typographie und Architektur. Thurgaukultur war in St. Gallen zu Besuch. Zum Text

Sprachkunst vom Bodensee: Der Nischenverlag Signathur aus Dozwil fällt durch seine Vielseitigkeit auf. Er konzentriert sich nicht auf ein spezielles Thema, die Nische liegt in der Sprache an und für sich. Zum Text

Die Reihe wird fortgesetzt.