Seite vorlesen

von Jana Mantel, 09.02.2026

Ausstellung mit Triggerwarnung

Ausstellung mit Triggerwarnung
Harmlos nur auf den ersten Blick: «Unsere kleine Stadt»: Acryl auf Holz von Valentin Magaro | © Valentin Magaro

Ein Löwe an der Kette, irritierende Bilder und bewegte Figuren: Die Doppelausstellung «An der Kette» von Werner Angst und Valentin Magaro im Kunstverein Frauenfeld fordert heraus, verführt zum Hinsehen – und bleibt im Kopf. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Das Frauenfelder Wappen zeigt genau diese Szene: einen aufgebäumten, grimmenden Löwen, der von einer ihm zugewandten Frau an einer Kette geführt wird. Beim genauen Hinsehen kamen denn auch einige Betrachter ins Grübeln, ob es sich dabei tatsächlich um das originale Stadtwappen handle. Zu deutlich scheint das Motiv heutige Diskurse zu berühren, zu sehr erinnert es an Bilder, die man eher in zeitgenössischen Debatten rund um Feminismus, Machtverhältnisse und Zuschreibungen verorten würde.

Die Frage stellte sich schnell: Handelt es sich um eine Neuinterpretation, um eine bewusste Fortschreibung des Symbols? Oder gar um einen Kommentar zur Gegenwart? Die Antwort lässt sich klar vorwegnehmen: Das Wappen ist korrekt dargestellt. Alles daran ist historisch belegt. Und gerade darin liegt seine eigentliche Brisanz. Denn dass dieses Bild heute Irritation auslöst, sagt weniger über das Wappen aus als über unseren Blick darauf – und über die Zeit, in der wir es betrachten.

 

Im Detail: Mehr über das Frauenfelder Stadtwappen

Die Deutung des Namens: Die Wortform «Frauen» in Frauenfeld ist der alte deutsche Genitiv Singular von «Frau»; Frauenfeld bedeutet also schlicht «Feld der Frau». Die Stadt entstand «auf unserer lieben Frauen Feld», einer kleinen Ebene also, die der Gottesmutter Maria gehörte. Da die Hauptkirche des Grundbesitzers von Frauenfeld, des Klosters Reichenau, Maria geweiht war und Landschenkungen an Kirchen und Klöster im Mittelalter stets dem namengebenden Heiligen zukamen, erinnert der Stadtname an die Patronin des einstigen Grundherrn.

 

 

Das heutige Gemeindewappen von Frauenfeld zeigt einen aufgebäumten grimmenden Löwen, der von einer ihm zugewandten Frau mit Kopftuch an einer Kette geführt wird. Die Figuren erscheinen – abgesehen von den in Gelb gehaltenen Hautpartien und Verzierungen in der Bekleidung der Frau sowie der Kette – in Rot auf weissem Grund. Dieses Wappen schliesst eng an das älteste noch erhaltene Stadtbanner aus dem 15. Jh. an. Auf dem gut zweihundert Jahre älteren Stadtsiegel jedoch, das zwischen 1286 und 1515 in Gebrauch war, hatte sich das «Fräuli» dem «Leuli» noch abgewandt und führte diesen auch nicht an einer Kette.

Die Deutung des Wappens… war stets umstritten und ist bis heute nicht restlos geklärt. Die Farben Rot auf Weiss bestimmen auch das Wappen des Grundherrn, des Klosters Reichenau. Der Löwe steht nach Ansicht der Forschung für die Habsburger, die zur Zeit des erstmaligen Auftauchens des Stadtwappens im Siegel als Nachfolger der Kyburger die reichenauische Vogtei über die Stadt ausübten. Kopfzerbrechen hat die weibliche Figur – eine anmutige Bürgersfrau ohne Nimbus (Heiligenschein) – bereitet. Doch ist der hochmittelalterlichen Bildsprache eine weltlich gekleidete, «bürgerliche» Gottesmutter nicht fremd, zeigt doch die Bibel selbst Maria als verheiratete Frau und Mutter. Kurz: Auch das «Fräuli» im Wappen dürfte die Herkunft des Stadtnamens spiegeln und an den einstigen Grundherrn, das Kloster Reichenau, erinnern. (Quelle: Webseite Stadt Frauenfeld)

Detailverliebt und lebensnah

Auch Martha Oehy, Mitglied im Vorstand des Kunstvereins Frauenfeld, bestätigt die Echtheit des Wappens und wartet mit einer weiteren und komplett wertfreien Erklärung auf: «Man nennt es hier in Frauenfeld ‹Das Fräuli mit dem Leuli›

Sie selbst war es, die vor rund zwei Jahren nach einem Besuch im Wiler Atelier von Werner Angst diese Ausstellung vorantrieb. Dass es am Ende eine Doppelausstellung mit Valentin Magaro aus Winterthur wurde, ist ein besonderer Glücksfall.

 

Werner Angst (li) und Valentin Magaro stellen zum ersten Mal gemeinsam aus im Kunstverein Frauenfeld. Bild: Jana Mantel

Nacktheit, Sexualität, Gewalt

Denn, beide Künstler zeigen sich in ihren künstlerischen Arbeiten detailverliebt und an lebensnahen Themen interessiert, nähern sich ihnen jedoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise. «An der Kette», so lautet der Titel der Ausstellung, die bis zum 9. März im Bernerhaus am Bankplatz in Frauenfeld zu sehen ist.

Der deutliche Hinweis am Eingang:

«Bitte beachten Sie, dass in der Ausstellung explizite Darstellungen von Nacktheit und Sexualität zu sehen sind sowie Themen wie Gewalt und Missbrauch behandelt werden, die möglicherweise als irritierend empfunden werden können.»

Dieser Hinweis mag durchaus sinnvoll sein. Während man sich bei den bewegten Objekten von Werner Angst eher spielerisch angesprochen fühlt, konfrontiert Valentin Magaro sein Gegenüber mit Zeichnungen, die relativ deutlich Lebenswelten zeigen, die nicht zwingend für jedes Auge geeignet scheinen – oder zumindest polarisieren.

Kunst ist Kommunikation

Schnell hätten sich beide Künstler im Vorfeld der Ausstellung verständigt, obwohl sie sich zuvor gar nicht kannten, erzählen sie. Gemeinsamkeiten hätten sie rasch erkannt: gute Kommunikation, gute Laune und ein reibungsloser Aufbau. Neben der Detailverliebtheit und einem sichtbaren Hang zur Präzision sind es auch ähnliche Lebensthemen, die sie umtreiben – darunter Religion, Sexualität und das Leben im Allgemeinen.

«Kunst ist für uns Kommunikation und letztlich auch ein Angebot für einen Perspektivwechsel», sind sich beide einig. Die Begegnung miteinander empfinden sie als Bereicherung. «Wir sind beide Zeichner», so Magaro. «Ich auf dem Papier, also in der Fläche, Werner Angst dagegen im Raum.» Gemeinsam beleben sie so die Räume des Kunstvereins und holen die Besucherinnen und Besucher mit ihren unterschiedlichen Ansätzen ab.

 

Auf dem Laufband: Installation von Werner Angst. Bild: Jana Mantel

Figuren aus Draht und Dosenresten

Einigkeit herrschte auch darüber, dass für diese Ausstellung ortsbezogene Arbeiten entstehen sollten. Deshalb begaben sich die Künstler auf einen gemeinsamen Streifzug durch Frauenfeld. «Ich dachte anfangs auch daran, ein Feld von Frauen zu zeigen», plaudert Angst eine seiner ersten Ideen aus. Am Ende jedoch fühlten sich beide vom Frauenfelder Wappen wie magisch angezogen. «Der Ausstellungstitel ‹An der Kette› war dann auch schnell gesetzt», erinnern sie sich – und der Blick auf das Wappen erklärt alles ohne Worte.

Mit einem Augenzwinkern nimmt Angst die Besucher mit in seine Welt aus Draht und Dosenresten, die zu beweglichen Figuren geformt sind. «Mich fasziniert die Bewegung», räumt er ein, und liefert zugleich einen Denkansatz zum Thema Kette, das zunächst durchaus unangenehme Assoziationen von Gefangensein und Unbeweglichkeit hervorrufen kann.

Frauenfiguren auf der Hühnerstange

So sitzen im ersten Raum uniforme Frauen wie Hühner auf der Stange – sozusagen als Frauenkette nebeneinander – und wackeln, sobald sich ein Besucher traut, den roten Knopf zu drücken. «Für diese Ausstellung habe ich zum ersten Mal Frauen hergestellt», erklärt Angst. Oft lasse er sich auf Reisen von Fundstücken inspirieren, wie eine Sardinendose im selben Raum zeigt.

Spielerisch und locker ziehen seine Figuren die Blicke auf sich, scheinbar harmlos dasitzend. Wäre da nicht wieder der Löwe, der nebenan an der Kette auftaucht und das Frauenfelder Wappen in Erinnerung ruft. «Wer hat hier eigentlich wen im Griff? Oder wer ist hier für wen die Bedrohung?», fragt man sich – und zugleich, ob man die Antwort überhaupt wissen möchte.

Auch Valentin Magaro hat das Wappenthema neu interpretiert. Seine Zeichnungen sind so exakt, dass sie beinahe wie technische Zeichnungen oder Bauanleitungen wirken. In ihrer scheinbaren Korrektheit und Nüchternheit entfalten sie eine enorme Dringlichkeit, die die Besucher zwingt, genau hinzusehen – selbst dann, wenn man den Blick lieber abwenden würde.

 

Die Stille im Kopf: Lithografie auf Papier von Valentin Magaro. Bild: Jana Mantel

Eine malerische Falle

Genaues Hinsehen ist auch bei dem auf den ersten Blick harmlos wirkenden, grossformatigen Wimmelbild mit dem ebenso harmlosen Titel «Unsere kleine Stadt» gefragt. «Ich greife hier unter anderem das Thema auf, dass man im Leben, in der Politik oder auch in der Religion immer wieder Versprechen erhält, die am Ende nicht gehalten werden», erzählt Magaro. Absichtlich führe er die Besucher aufs Glatteis, stelle ihnen sozusagen eine Falle.

Denn beim genauen Hinsehen entpuppt sich das bunte Wimmelbild als sein Gegenteil. Dazu muss man nicht einmal wissen, dass die chinesischen Schriftzeichen auf dem Bild «Ich bin ein Idiot» bedeuten. Wer damit gemeint ist? Auch das möchte man vielleicht gar nicht so genau wissen.

Im Wechselspiel der beiden künstlerischen Positionen

Ganz und gar nicht idiotisch ist hingegen die gemischte Präsentation der Arbeiten in den einzelnen Räumen. Der Wechsel zwischen den künstlerischen Positionen lässt den Besuchern Raum zum Hinsehen, Luft zum Atmen und Stoff zum Nachdenken.

Man kann sich spielerisch-poetisch treiben lassen und den bewegten Objekten hingeben oder sich konfrontativ mit Zeichnungen und Acryl-Arbeiten auseinandersetzen. Am stimmigsten jedoch fühlt man sich – wie von einer Welle getragen – genau in diesem Wechselspiel der beiden künstlerischen Positionen abgeholt.

Aufs Detail kommt es an

Dazu passt auch ein Satz von Werner Angst, der sich zwar auf seine Arbeiten bezieht, aber auf die gesamte Ausstellung übertragen werden kann: «Die funktionierende Mechanik zeigt, dass alles gut ineinandergreifen muss. Wenn auch nur ein Detail nicht funktioniert, geht gar nichts mehr.»

So greifen auch hier die Arbeiten ineinander. Wäre das nicht der Fall, hätte die Ausstellung nicht funktioniert. Aber wie heisst es doch so schön: Hätte, hätte, Fahrradkette.

 

Ein Schiff namens Frauenfeld tauchte vor dem Atelier von Valentin Magaro auf. Bild: Jana Mantel

Die Künstler und ihre Ausstellung

Die Ausstellung «An der Kette» ist bis zum 9. März im Kunstverein Frauenfeld zu sehen. Die Öffnungszeiten: Sa 10 bis 16 Uhr, So 14 bis 17 Uhr. Am Mittwoch, 18. Februar, 18.30 Uhr gibt es einen dialogischen Rundgang mit den Künstlern, moderiert von Aline Ostergaard, Vorstandsmitglied im Kunstverein Frauenfeld und Spezialistin für Kulturkommunikation. Mehr. 

 

Valentin Magaro (*1972) wohnt und arbeitet in Winterthur. Er absolvierte 1996 die Fachklasse für wissenschaftliches Zeichnen an der Schule für Gestaltung in Zürich. Seither arbeitet er als freischaffender Künstler. In seinen Arbeiten treffen hochemotionale Inhalte auf eine nüchterne Darstellungsweise und faszinieren durch ebendiese Spannung. Mehr über den Künstler auf seiner Website.

 

Werner Angst (*1964) ist Kunstschaffender aus Will. Nach seiner Ausbildung an der höheren Schule für Kunst und Gestaltung in Zürich (1996-99) beschäftigt er sich mit bewegten Geschichten. Häufig handelt es sich um Drahtgebilde, die von einem kleinen Motor angetrieben werden. Thematisiert werden in seinen Arbeiten alltägliche bis emotionale Themen. Mehr über den Künstler auf seiner Website.

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kritik
  • Bildende Kunst

Werbung

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026

Dazugehörende Veranstaltungen

Führung

Valentin Magaro & Werner Angst - An der Kette

Kunst

Valentin Magaro & Werner Angst - An der Kette

Frauenfeld, Bernerhaus

Kulturplatz-Einträge

Veranstaltende

Kunstverein Frauenfeld

8500 Frauenfeld

Ähnliche Beiträge

Kunst

Wie zeigt man Staatenlosigkeit?

Das Museum Schaffen und die Coalmine in Winterthur zeigen bis zum 22. März die Langzeitprojekte von vier Fotojournalist:innen. Unterstützt hat die Arbeiten das Förderprogramm True Picture. mehr

Kunst

Kunstkreuzfahrt auf dem Bodensee

Im Mai startet die erste Ausgabe des grenzüberschreitenden Ausstellungsprojekts «hänne und dänne» in drei Gemeinden am Bodensee. Erlebnisse gibt es dann auch auf dem Wasser. mehr

Kunst

„Die Leidenschaft für Kunst verbindet uns!“

Miteinander statt gegeneinander: Der Kunstverein Frauenfeld zeigt, wie wertvoll es ist, wenn Jung und Alt zusammenarbeiten. Ein Gespräch über Generationenklischees, Wandel und die Kunst des Ehrenamts. mehr