von Brigitte Elsner-Heller, 04.10.2021

Beobachtungen aus dem Strebergarten

Beobachtungen aus dem Strebergarten
Raphael Kaufmann liebt es eher bitterböse. Und überzeugte damit das Publikum beim Thurgauer Abend. | © Brigitte Elsner-Heller

Zum Auftakt des KiK-Festivals im Kreuzlinger Dreispitz wurde am Thurgauer Abend um die Gunst des Publikums gekämpft. Mit verbalem Sinn und Unsinn. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Seit Menschengedenken werden „Sängerwettstreite“ ausgetragen, siehe nur Wagners entsprechende Oper. Aber im Kreuzlinger Dreispitz hat am Freitagabend sicher niemand an Wagner gedacht, an Walther von der Vogelweide oder sonstige Kollegen dieses Metiers. Obwohl der Poetry Slam doch eigentlich nicht viel Anderes ist als ein heutiges Erscheinungsbild derselben Sache.

Gekämpft wird nun im grossen Veranstaltungsraum auf offener Bühne – quasi auf offenem Feld mit offenem Visier. Und wessen „Blut fliesst“, das entscheidet das Publikum als Schiedsrichter, oder bleiben wir ebenfalls zeitgemäss: als Schiedsrichterin.

Mit offenem Visier

Also los dann. Im Dreispitz gab es den Startschuss zum KiK-Festival, das in diesem Jahr nun doch sein Jubiläum feiern kann. Geimpft, getestet, der Ausweis geprüft: Kombattanten und Publikum daher ohne Maske (siehe oben: mit offenem Visier).

Als Waffe in der Hand auf dieser für einen Einzelnen doch sehr grossen Bühne ist lediglich Papier zugelassen, doch die Kraft der Worte spielt sich ja bekanntlich wesentlich im Kopf ab. Auch die gesenkte Stimme kann bedrohlich sein, die warme unzuverlässig wirken und die laute hämmert oft so, dass sie den Verstand zugunsten von Reaktionen im alten limbischen System in die Ecke drängen. Attacke!

Jan Rutishauser nimmt die Schweiz aufs Korn. Bild: Brigitte Elsner-Heller

Das Opferlamm

Um das – sichtlich geneigte – Publikum bei der Auftaktveranstaltung mit Thurgauer Poetry-Recken auf Betriebstemperatur zu bringen, erklärt sich Sven Hirsbrunner, eigentlich Moderator des Abends, zum „Opferlamm“. Er übernimmt den Part, gegen wenig „Lohn“ (sprich: ohne überschwänglichen Applaus und ausserhalb der Konkurrenz) Stimmung zu machen. Bei Konzerten dient dazu bekanntlich die Vorband.

Wem es bislang nicht klar gewesen sein sollte: Es geht beim Poetry Slam irgendwie schon auch um Texte, aber sie sind eher Mittel zum Zweck, sie liefern den Markenkern einer Performance ohne weitere Requisiten. Die Slammer kehren dabei ihr Innerstes nach aussen – natürlich nicht wirklich, auch wenn individuelle Unterschiede erkennbar sind.

Jusef Selmann beschreibt die Bekanntschaft mit Ordnungshütern. Bild: Brigitte Elsner-Heller

Das Duell als Prinzip des Abends

Wie beim Fußball die Seiten, wird nun die Reihenfolge der Auftritte ausgelost – im Prinzip. Hier geschieht es durch Zuruf. Das „Schicksal“ setzt den zu Nervosität neigenden Jan Rutishauser auf Platz eins, und der muss sich dann mit Jusef Selmann als direktem Gegner messen, bevor das zweite Paar, bestehend aus Ivo Engeler und Raphael Kaufmann, zum zweiten Duell des Abends antreten wird.

Es gilt das K.-o.-System als Turnierform. „Es ist eine Art karikierter Wettstreit, wir tun so, als würden wir miteinander kämpfen“, hatte Sven Hirsbrunner im Vorfeld beruhigend kundgetan. Also: Die wollen nur spielen.

Das Thurgauer Turnier: Rutishauser, Selmann, Engeler und Kaufmann

Jan Rutishauser karikiert dann auch gleich sein Lampenfieber, was eine gute Strategie ist, die trefflich zu seinem Thema überleitet, als da wäre: Stress. Und der ist nicht nur in Rutishauser angesiedelt, sondern ist ein Kennzeichen der Schweizer Gesellschaft, wie er konstatiert.

Schweizer müssen sich nicht nur AKTIV entspannen, sie haben auch „das Sackmesser erfunden“, sie stehen früh auf, selbst in den Ferien. Summa summarum: „Die ganze Schweiz ist ein einziger Strebergarten“. Eine hübsche Wortschöpfung – und schon ist die Zeit der Exegese abgelaufen.

Raphael Kaufmann liebt es eher bitterböse. Moderator Sven Hirsbrunner wagt sich dazwischen. Bild: Brigitte Elsner-Heller

Jusef Selmann legt den Finger in die Wunde

Jusef Selmann ist Rutishauser durchaus ebenbürtig, was seine Nervosität anbelangt. Wie dieser performt er seine Texte sonst meist auf Hochdeutsch, dem Thurgauer Abend geschuldet aber nun auch in heimischer Zunge. Was gleich den Finger in seine (gefühlte, geschminkte?) Wunde legt: Selbst die „richtige“ Sprache, die Sozialisation als Schweizer, kann Rassismus nicht ausschliessen, der sich an äusserlichen Merkmalen festmacht und auch von Vertretern der Obrigkeit ausgeht.

Heiter stimmt daran lediglich, dass sich Selmann bei seinen Einlassungen verbal in einen ziemlich bekifften Zustand fantasiert.

Während sich die beiden tatsächlich in ihren von Nonsens durchsetzten Texten noch eine sozialkritische Note geben (Anmerkung am Rand: Rutishauser wird Sieger), legen Ivo Engeler und Raphael Kaufmann anders los.

Ivo Engeler favorisiert kurze Nonsenstexte. Bild: Brigitte Elsner-Heller

Skurrilitäten und bitterböse Pointen

Engelers kurze Texte stehen jeweils für sich, drehen sich um Zug fahrende Kühe, um Kompass-Nadeln im Heuhaufen, um zufällige Weltentwürfe in der Suppenschale. Das Vergnügen am Skurrilen, an Schöpfungen nicht erfahrbarer Wirklichkeiten steht hier im Vordergrund.

Auf die fortlaufende Attacke setzt dagegen Raphael Kaufmann, der mit ganzem Körpereinsatz (ja, der ist erlaubt, wenn der Gegner nicht nahe ist) die Alltagswelt aufs Korn nimmt. Bitterböse geht er dabei zu Werke, auch und gerade, wenn er mit „Oh Thurgau, du Heimat, wie bist du so schön“ einsetzt. Dann gilt es, den Kopf einzuziehen. Sein Text ist lang.

And the winner is ...

Spiel, Satz und Sieg heisst es für ihn auch nach dem Stechen, in dem er noch einmal gegen Jan Rutishauser zu Felde zieht. Der Saal ist längst auf Betriebstemperatur, honoriert Kaufmanns sich immer schneller drehenden Wirbel um Worte und Laute. Das Älterwerden, Kinder, kindisches Gehabe: wie bescheuert! Und dann die Allergie gegen Väter, die in Vaterschaftsurlaub gehen. Ja, da erscheint Alkohol als Siegerprämie doch angemessen.

The winner takes it all: Alkohol als Siegerprämie für Raphael Kaufmann. Bild: Brigitte Elsner-Heller

Lara Stoll kämpft allein

Pause. Ziemlich lange Pause. Und dann Lara Stoll, die die zweite Hälfte des Abends ganz ohne Battle, nur mit sich und dem Publikum verbringt. Professionell wirkt bei der erfahrenen Slammerin die Selbstverständlichkeit, mit der sie in den Ring steigt, um unter Beobachtung „Solitaire“ zu spielen. Kann auch spannend sein.

Bei ihr kommt Corona kurz ins Spiel, aber nur, um quasi einem anderen Keim als „Opferlamm“ zu dienen. Nun geht es nämlich gestenreich um die Magen-Darm-Grippe, die ja auch nicht vergessen werden sollte. Andere Themen drängen sich zusätzlich auf: Wie sieht es mit dem Platz für den Staubsauger aus? Und was ist mit dem Scheiss-Kapitalismus?

Lara Stoll hat ein Solo mit dem Publikum. Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

Lara Stoll stellt die Fragen, die die Welt bewegen, ziemlich zielsicher, ziemlich selbstbewusst. Die geborene Performerin glänzt auch als Gitarristin (nun ja, es glänzt die Gitarre im Scheinwerferlicht). Die Gitarre in die Hand zu nehmen, Luft zu holen und das Wort „KURZ“ für eine Sekunde zu Liedtext und Melodie werden zu lassen, bevor die Gitarre wieder ihre angestammte Bodenposition einnimmt, das hat schon was. Lange dagegen das Lamento über „die Pizza, die nicht kam“.

Merke: Unser Leben ist schon – sagen wir: sonderbar. Vielleicht muss es statt „Brot und Spiele“ künftig „Pizza und Spiele“ heissen, wenn es darum geht, eine Gesellschaft bei Laune zu halten.

Nach dem Auftakt folgen weitere Termine beim KIK-Festival: Alle im Überblick gibt es hier.

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