von Inka Grabowsky, 12.09.2022

Bunte Präzision

Bunte Präzision
Der malende Musiker oder der musizierende Maler: Kurt Lauer ist beides | © Inka Grabowsky

Drei Jahre nach seiner letzten Ausstellung zeigt Kurt Lauer bis 29. September 49 seiner Ölgemälde im Bürogebäude der Firma Hugelshofer Logistik in Frauenfeld. (Lesezeit: ca. 3 Minuten)

Den ersten Applaus bei der Vernissage gibt es für die Musik von Kurt Lauers Swiss-German-Dixie-Corporation. Doch eigentlich ist der Sonntagvormittag Kurt Lauer als Maler gewidmet: «Die Pandemie hatte insofern Wirkung auf mein Schaffen, als dass ich weniger abgelenkt war», erzählt der Künstler. «Wir hatten zwei Jahre keine Auftritte – und der Mensch ist von Natur aus faul, also habe ich auch nicht geübt.» Stattdessen widmete er sich visuellen Entdeckungsreisen: «Ich sehe mich als Kolumbus der Malerei. Und kaum hat man was entdeckt, weiss man: Es gibt noch mehr.»

Fast eine Retrospektive

49 Werke hat er ausgesucht, um sie dem Publikum zu präsentieren. Sie sind bei weitem nicht alle neu. «Immer nur Sex» – eine akribisch angeordnete Gruppe von unzähligen Sechsen – stammt aus dem Jahr 2000. Die Werkschau über die Jahrzehnte eröffnet interessante Einblicke, denn einiges bleibt immer gleich: «Bei 98 Prozent der Bilder verwende ich Rot», sagt Lauer. «Und ich mag es bunt. Das ist in der Kunstszene ein heikles Thema. Es gibt so einen akademischen Lehrsatz, nach dem man nicht mehr als drei Farben dominieren lassen soll. Mir hingegen kann es oft nicht bunt genug sein.»

Regierungsrätin Cornelia Komposch überzeugte sich vor ihrer Laudatio von der Qualität der Bilder. Hinter ihr «Loorby» für 2400 Franken
Regierungsrätin Cornelia Komposch überzeugte sich von der Qualität der Bilder: hier «Loorby». Bild: Inka Grabowsky

Alles, ausser akademisch

«Mein Kunststudium war der Beruf», erklärt der 77-Jährige. «Ich habe als Landvermesser Präzision gelernt. Und wenn man einmal das präzise Zeichnen gelernt hat, dann bleibt einem das ein Leben lang.» Die feinsäuberliche Signatur eines jeden Bilds verrät viel von der Biografie des Malers. Alles ist exakt, hat aber gleichzeitig eine eigene Note. Er beginnt die Vernissage extrem pünktlich – bewusst um 10.57 Uhr. Alles ist sauber angeschrieben, aber nicht von 1 bis 48 durchnummeriert, sondern mit Resten von Nummern-Aufklebern, die er noch zur Hand hatte. Die 13 ist doppelt und liefert damit zuverlässig ein gutes Gesprächsthema.

«Und ich mag es bunt. Das ist in der Kunstszene ein heikles Thema. »

Kurt Lauer

Mitten im Industriegebiet

Gastgeber der Ausstellung ist Fredi Hugelshofer, der von 1966 bis 2005 das Logistik-Unternehmen leitete. «Unser Büro-Gebäude ist ideal für eine Ausstellung. Rund 25 Künstler waren im Laufe der Zeit schon hier.» Auch Lauer sei vor 18 Jahren bereits einmal Gast gewesen. Unter die professionellen Galeristen wolle der Logistiker trotzdem nicht gehen: «Der Profit aus den Verkäufen reicht nicht für einen neuen Lastwagen, sondern vielleicht gerade einmal für ein Velo.» Die Motivation liegt vielmehr in der Imagepflege: «Wir wollen die sanfte Seite der angeblich so harten Fernfahrer zeigen», sagt er.

Breites Interesse

Zur Vernissage hatten sich viele Bekannte eingefunden. «Ich bin als Musiker und Freund gekommen», so zum Beispiel der Frauenfelder Bandleader Pepe Lienhard. Von Kunst verstehe er nicht viel, er sei eher Musik- als Kunstsammler. «Aber es ist schon toll, dass Kurt diese beiden Talente in sich vereint». Kurt Lauer selbst sieht das anders: «Meine Bilder sind gemalte Musik. In meinem Kopf brauche ich die gleichen Areale für Musik und für Malerei.» Regierungsrätin Cornelia Komposch hieb in ihrer Laudatio in die gleiche Kerbe: «Er komponiert ein Bild von einem Detail ausgehend bis zur Vollendung und ist vom Resultat immer wieder überrascht und begeistert.»

Nicht nur die Titel von Lauers Werken lassen schmunzeln, hier ist es auch die Hängung von «Nelly» (2006) direkt neben dem WC
Nicht nur die Titel von Lauers Werken lassen schmunzeln, auch die Hängung von «Nelly» (2006). Bild: inka Grabowsky

Anders als die Welt der Politik

Cornelia Komposch war Lauer vor einigen Jahren bei der Jazzmeile in Kreuzlingen das erste Mal begegnet. «Aber wir kennen uns so flüchtig, dass ich mir vor der Zusage für die Eröffnungsrede ausgebeten habe, die Bilder vorab zu sehen und ein Gespräch miteinander zu führen.» Dabei habe sie Lauer als bodenständigen Künstler kennengelernt. Zunächst hätte sie den Eindruck gehabt, die Kunst und die Politik seien in zwei verschiedene Welten zuhause. «Sollte Kunst politisch sein?», fragt sie. Für Kurt Lauer jedenfalls will sie ausschliessen, dass er den Betrachtern eine Botschaft vermitteln wolle oder Einfluss auf ihr Denken nehmen wolle. «Er malt für sich selbst. Die Werke – mal abstrakt, mal verspielt, mal geometrisch – berührten jeden Betrachter in unterschiedlicher Weise. Alle jeder dürfte es geniessen Details zu entdecken und sich in den Gemälden zu verlieren. Mir haben sie eine wunderbare Welt eröffnet.»

 

Kurt Lauer bei Hugelshofer Logistik

Die Ausstellung ist an Arbeitstagen von 9 bis 11 und 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Am Sonntag, 18. September, ist Kurt Lauer von 11 bis 16 Uhr anwesend.
Finissage am 29. September, 18.37 Uhr.

Juchstrasse 45 in Frauenfeld

 

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