von Inka Grabowsky, 08.10.2020

Museen in der Krise: Der Letzte macht die Tür zu

Museen in der Krise: Der Letzte macht die Tür zu
Abgeschlossen: Als wäre die Corona-Krise nicht schon dramatisch genug für viele Museen im Thurgau, jetzt quälen sie auch noch Nachfolgesorgen. | © Canva

Überalterung der Ehrenamtlichen, knappe Kassen: Die Corona-Pandemie stellt besonders die kleinen Museen im Thurgau vor grosse Probleme. Nicht alle Häuser werden das überstehen. Ein Blick nach Amriswil, Romanshorn und Arbon.

„Zehn Museen im Thurgau haben um eine Ausfallentschädigung gebeten, keinem wurde sie verweigert“, heisst es in einer Auskunft des Kulturamts. Welche Summen als Corona-Hilfe ausbezahlt wurden, könne man noch nicht sagen, weil einige Museen ein zweites Gesuch eingereicht hätten und diese noch in Bearbeitung seien. Doch Geld allein ist nicht alles.

Der Verein MUSE.TG führt 73 Museen auf seiner Website auf. Nur wenige davon sind von Profis geführt und finanziell unabhängig. Fast überall ist man auf ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen, die den Einlass kontrollieren, die Aufsicht führen, das Café betreiben oder im Shop Zusatzeinnahmen generieren. Und fast immer sind die Ehrenämtler fortgeschrittenen Alters. Pensionäre haben eben etwas mehr Zeit sich zu engagieren.

«In einigen Museen besteht ein Nachfolgeproblem.»

Sibylle Zambon, Geschäftsführerin des Vereins MUSE.TG

Gleichzeitig gehören sie zur Corona-Risikogruppe, die man womöglich schonen sollte - ein Dilemma, das Museen nur dann lösen können, wenn sie jüngere Mitarbeiter rekrutieren. „Tatsächlich besteht in einigen Museen ein Nachfolgeproblem“, sagt die Geschäftsführerin von MUSE.TG, Sibylle Zambon. „Das betrifft insbesondere jene, die ausschliesslich mit Ehrenamtlichen arbeiten. Es gibt aber Museen, die das Problem nicht kennen, insbesondere jene, die bezahlte Pensen haben.“ Sie verweist beispielhaft auf das Schulmuseum Mühlebach in Amriswil.

Co-Museumsleiterin Frauke Dammert begrüsst die Gäste im Schulumuseum Amriwsiwl bei der Vernissage zur aktuellen Ausstellung #zuhausemachtschule. Bild: Claudia Koch

Amriswiler Schulmuseum hat sich rechtzeitig professionalisiert

Dort hatte gerade zu Beginn der Corona-Krise die Historikerin und Kulturvermittlerin Frauke Dammert den langjährigen Leiter Hans Weber abgelöst. Dammert ist mit einem dreissig Prozent-Pensum angestellt. „Sie war gerade in der Einarbeitungsphase und hatte mehr als genug zu tun. Deshalb haben wir sie nicht in Kurzarbeit versetzt“, sagt Hans Weber, der nun Präsident des Stiftungsrats ist.

Viel Arbeit gab zudem der Mal- und Schreib-Wettbewerb zu den Erlebnissen der Kinder im Home-Schooling, den Frauke Dammert gemeinsam mit der Museums-Vermittlerin Yvonne Joos lancierte. Der Rücklauf war mit gut 700 Einsendungen weit über den Erwartungen. Rund zwanzig Mitarbeitende im Schulmuseum sind ehrenamtlich tätig. „Fast alle im Betriebsteam sind wegen ihres Alters in der Risikogruppe. Wir wollten und konnten den Dienst niemandem zumuten.“

„Fast alle im Betriebsteam sind wegen ihres Alters in der Risikogruppe. Wir wollten und konnten den Dienst niemandem zumuten.“

Hans Weber, Präsident des Stiftungsrats Schulmuseum Amriswil

Das Museum schloss also zunächst bis Ende Mai, später bis Ende August. „Wir hatten uns schon gedacht, dass die Pandemie länger dauert. Reservierte Führungen für Juni waren nach und nach abgesagt worden. Und während der Sommerferien im Juli kommen ohnehin keine Gruppen.“ Nur Gruppen zahlen im Schulmuseum für die Führung, der Einzeleintritt - normalerweise mittwochs und sonntags am Nachmittag - ist gratis. „Trotzdem muss ein Mitarbeiter als Aufsicht da sein. Der Aufwand lohnte sich einfach nicht.“  

Ein Problem: Die zahlungskräftigen Fördermitglieder sterben aus

Das Schulmuseum hat die Schliessung finanziell sehr getroffen. „Wir haben knapp 11‘000 Franken Ausfallentschädigung beantragt, weil gebuchte Führungen abgesagt wurden, weil Gruppen nicht kommen konnten und weil dadurch natürlich auch Shop und Café keine Einnahmen hatten. Achtzig Prozent davon wurden uns rasch zugestanden.“ Doch für die Amriswiler Institution ist die Krise damit noch lange nicht vorbei.

Im August und September wurden wieder viele Führungen abgesagt, aus denen sich das Museum finanziert. „Wir haben ein zweites Gesuch gestellt für Ausfälle, mit denen wir bis Oktober rechnen“, sagt Weber. Die Beiträge der rund 300 Stiftungsmitglieder reichen allein nicht aus, alle Kosten zu decken. „Sie sind uns zum grossen Teil schon sehr lange treu. Leider werden auch sie älter, so dass deren Zahl von Jahr zu Jahr leicht sinkt. Im Bestand ist unser Schulmuseum aber vorläufig nicht gefährdet.“ 

„Das ist schwieriger als einen neuen Kassier zu finden.“

Max Brunner, Präsident der Museumsgesellschaft Romanshorn, über die komplizierte Suche nach einem Nachfolge (Bild: Michael Lünstroth)

Das Museum in Romanshorn ist im Sommer 2009 im Dachstock des alten Zollhauses eröffnet worden. Engagierte Bürger hatten sich zur Museumsgesellschaft zusammengeschlossen, um aus dem kleinen Museum am Hafen eine Institution zu machen, die die Entwicklung der Stadt zur Verkehrsdrehscheibe zeigt.

Max Brunner, Präsident der Museumsgesellschaft und pensionierter Sek-Lehrer und ehemaliger Gemeindeammann, kennt ebenfalls Nachwuchssorgen. „Ich bin seit über zehn Jahren Präsident, aber irgendwann kommt die Zeit, in der ich das Amt abgeben muss. Das ist schwieriger als einen neuen Kassier zu finden. Das machen meist ehemalige Profis nebenbei. Das Sekretariat ist schon aufwändiger. In der Vergangenheit hatten wir immer Glück, jemanden dafür zu finden.“ Natürlich hat er sich schon überlegt, wer für die Aufgabe geeignet wäre. Er werde bei Gelegenheit das Gespräch suchen, meint er.

Zielgruppe: JungpensionärInnen aus der Region

Im dreissigköpfigen Museums-Team seien derzeit nur zwei oder drei noch erwerbstätig. Für sporadische Arbeitseinsätze fänden sich aber immer Aktive, auf die man bei Bedarf zurückgreifen könne. „Für längerfristiges Engagement sprechen wir gezielt Jungpensionäre an“, so Brunner. „Nach der Pensionierung suchen viele eine Tätigkeit, in der sie sich nützlich machen können. Das geht gut bei uns im Museum. Die Arbeitsbelastung ist überschaubar.“

Aufgrund der Altersstruktur der Mitarbeitenden hatte das Museum im Zollhaus freiwillig bis nach den Sommerferien geschlossen. Das riss ein Loch von 6.500 Franken in die Kasse. Zwar verlangt das Museum keinen Eintritt, aber nach jedem Besuch wird um eine Spende gebeten. Führungen sind kostenpflichtig. Der Antrag auf Erstattung beim Kulturamt läuft. 

«Die Schliessung hat geschmerzt.»

Vreni Schawalder, bis 2019 Präsidentin des Vereins «Feines Kino» (Im Foto gemeinsam mit Roxy-Geschäftsführerin Andrea Röst)

Hart getroffen hat der Lockdown am 17. März Vreni Schawalder. Sie hatte im Museum in Romanshorn gerade am 9. Februar die Sonderausstellung „Die Welt im Kino“ eröffnet. „Die Schliessung hat geschmerzt – auch wenn es wie zum Ausgleich eine angenehm ruhige Zeit gab, in der alle möglichen Sitzungen plötzlich aus der Agenda verschwanden.“

Prinzipiell hat die über Siebzigjährige durchaus Verständnis für die rigorosen Massnahmen: „Die Umstände haben es erfordert – ich hatte selbst einen Krankheitsfall in der Verwandtschaft und gehöre ebenso wie viele der Mitarbeitenden zur Risikogruppe. Dementsprechend war der Lockdown irgendwie auch eine Erleichterung.“

Das Kino Roxy hat die Nachfolgeregelung lange geplant

Mehr als ein Jahr – seit Herbst 2018 – hatte sie mit einigen Helfern recherchiert und die Schau konzipiert.  2013 bis 2019 war sie Präsidentin des überregionalen Vereins „Feines Kino“, der das Romanshorner Roxy führt, und deshalb prädestiniert für die Aufgabe. Dort wurde sie von Franziska Mattes abgelöst: „Das Finden meiner Nachfolgerin im Präsidium war eine Teamarbeit. Wir machten das von langer Hand im Vorstand gemeinsam. Meine Nachfolgerin Franziska Mattes schnupperte zuerst im Vorstand, hatte Einblick in alle Aufgaben und war dann bereit, sich in den Vorstand und später als Präsidentin wählen zu lassen. Sie steht noch voll im Berufsleben, ist aber sehr gut organisiert und leitet den Verein vorzüglich.“

Schawalder räumt ein, dass es noch relativ einfach ist, junge Menschen als Freiwillige für die Arbeit im Kino zu gewinnen. „Die meisten unserer Mitglieder im Freiwilligen-Team meldeten sich selbst bei unserer Geschäftsführerin Andrea Röst, bei einem Vorstandsmitglied oder bis zu meinem Rücktritt bei mir. Manchmal sprach ich auch jüngere Kinogäste direkt an, bei denen sich das Interesse an Filmen und technisches Flair paarten. Im Kino Roxy lernen auch schon Kinder und Jugendliche ‚Kino machen‘ in Ferienpass-Angeboten und bei Roxy Junior. Wer weiss, vielleicht gehören diese Jugendlichen dann später auch zum Freiwilligen-Team.“

«Wir organisieren gezielt Aktionen, die ein jüngeres Publikum anziehen.»

Achim Schäfer, Präsident der Museumsgesellschaft des Historischen Museums Arbon

Schwieriger ist es da schon, junge Menschen für die Mitarbeit in einem historischen Museum zu begeistern. Trotzdem sagt Achim Schäfer, Präsident der Museumsgesellschaft, die das Historische Museum im Schloss Arbon betreibt «Wir kommen mit einem blauen Auge davon.»

Ein Vorteil der kleinen Museen ist ihre Verankerung in der Gemeinde. Das merkt auch die Museumsgesellschaft. „In Arbon stossen wir auf viel Goodwill. Unsere Arbeit wird geschätzt. Deshalb müssen wir uns keine Zukunftssorgen machen. Wir organisieren aber gezielt Aktionen, die ein jüngeres Publikum anziehen, um uns weiter breit aufzustellen“, erklärt Schäfer. Für den 7. November ist so der Kultur- und Museumstag geplant, gemeinsam mit den anderen Museen der Region. Die Zusammenarbeit habe sich bewährt.

Wie überall, gibt es auch hier weniger Besucher als in anderen Jahren

Schäfer arbeitet in Arbon ehrenamtlich, im Hauptberuf ist er Vizedirektor im Historischen und Völkerkunde-Museum in St. Gallen. Das Schreiben des Schutzkonzepts stellte für ihn als Profi also keine ernsthafte Herausforderung dar. Der Lockdown habe das kleine historische Museum Arbons grösstenteils in einer Zeit getroffen, in der es ohnehin nur sonntags geöffnet sei. „Als dann die Museen wieder öffnen durften, haben wir noch bis 14. Juli zugewartet und sind dann in unseren Sommermodus mit den täglichen Öffnungszeiten gewechselt. Natürlich gibt es weniger Besucher im Jahresdurchschnitt. 2000 haben wir in guten Jahren, dieses Mal hatten wir im Sommer rund tausend. Damit sind wir ganz zufrieden. Es waren ja mehr Touristen in der Ostschweiz, von denen der eine oder andere bei uns vorbeigeschaut hat.“

Hier sitzt das Historische Museum der Stadt Arbon. Bild: Michael Lünstroth

Eine weitere Corona-Konsequenz: Das Vereinsleben leidet

Das Historische Museum im Schloss verlangt 6 Franken Eintritt und erhebt Honorare für Führungen. Diese Einnahmequelle versiegte. „Ich muss den Behörden ein Kränzchen winden“, so Schäfer. „Nach einem Blick in die Statistik haben wir beim Amt für Kultur einen Antrag auf Ausfallentschädigung gestellt, der in weiten Teilen bewilligt wurde. Ein kleines Loch in Budget bleibt aber trotzdem.“

Problematisch ist für ihn der Erhalt des Vereinslebens. Eine Hauptversammlung für die derzeit 450 Mitglieder fiel aus, der Geschäftsbericht wurde nur schriftlich zur Kenntnis gegeben, der Vorstand ist noch nicht entlastet. „Wir hoffen, die Versammlung Ende Oktober nachholen zu können. Ich schätze den persönlichen Kontakt, aber zur Not muss es eben auch schriftlich gehen.“

 

Mehr zu den Museen und dem Lockdown

Die Ausstellung „Die Welt im Kino“ in Romanshorn ist bis 7. Februar 2021 verlängert. Es gilt ein Schutzkonzept. Das Rahmenprogramm konnte zum Teil verschoben werden. Vreni Schawalder erzählt Romanshorner Kinogeschichten am 5. November, die Camera Obskura wird am Nachmittag des 14. November gebaut.

 

Wie die Museen die Lage im Mai sahen, lest ihr hier:

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/zwischen-euphorie-und-zurueckhaltung-4445

 

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/die-lage-der-museen-nach-dem-shutdown-4440

 

 

 

 

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