von Inka Grabowsky, 14.01.2019

Die Essenz des Tanzens

Die Essenz des Tanzens
Darf ich bitten? In dem neuen Stück von Gisa Frank geht es um das Wesen des Tanzens. | © zVg

Gemeinsam mit elf Tanzschaffenden und vier Musikern zieht Choreographin Gisa Frank durch die Ostschweiz, Vorarlberg und Liechtenstein, um zu zeigen, warum Menschen tanzen und was sie dabei empfinden.

„Gemischte Beine – bewegte Gefühle“ heisst das Tanztheater. „Die Beine bewegen sich beim Tanzen“, erklärt Gisa Frank. „Die Bewegungen drücken immer ein Gefühl aus. Und da nicht jeder gerne tanzt, gibt es eben auch gemischte Gefühle.“ Es geht im Stück um Tanzlust, Tanzwut und Tanzsucht. Am Ende wissen die Zuschauer mehr über die tanzende Gesellschaft verschiedener Zeiten, Schichten und Stilrichtungen.

Die Recherche zum Projekt hat schon vor acht Jahren begonnen. „Damals bin ich durch die Region gefahren, um alte Tanzsäle zu besichtigen“, so Frank. „Ich wollte herausfinden, wo man zum Tanzen hingegangen ist, welche Feste zum Tanz animiert haben. Im Laufe der Zeit kam immer mehr Stoff zusammen. Immer wenn einzelne Orte viele Geschichten versprachen, habe ich sie genauer angeschaut und in Bibliotheken und Archiven recherchiert.“ Einiges davon ist jetzt in das Bühnenstück eingeflossen. In acht Bildern zeigt das Team, was das Abtanzen in einem Club heutzutage mit den rhythmischen Getreidestampfen von Urvölkern gemein hat. Es demonstriert den höfischen Tanz, versetzt die Zuschauer auf eine Almwiese und dann fix nach Südamerika und thematisiert auch Tanzverbote. „Als in der Nazi-Zeit der Swing verpönt war, haben die Menschen sich mit einem Fingerswing beholfen. Diese Gesten empfinden wir nach.“ Auch die Tournee selbst rekurriert auf Tanzgeschichte: Ein Ostschweizer Wirt war vor hundert Jahren mit Zelt und Musiker durch die Dörfer gezogen und hatte jeweils zum Tanz geladen.

Die Choreographin Gisa Frank. Bild: Christian Klaus


Das gesammelte Wissen steht den Zuschauern in einer Begleitzeitung zum Stück zur Verfügung. Dort erklären Anekdoten, warum man früher zum Tanzen ging und heute geht. Gleichzeitig bietet sie ein „emotionales Wörterbuch zum Tanz in der Gesellschaft“. Der Leser kann also von A wie Aliwander bis Z wie Zweifacher nachschauen, was in der Tanzwelt was bedeutet.

Gemischtes Team

Das Ensemble arbeitet seit einem Jahr an dem Projekt. Es besteht aus Profis und Amateuren im Alter zwischen 24 und 60 Jahren. Sie waren Gisa Franks Aufruf gefolgt, konnten sich mit ihrem Arbeitsstil identifizieren und brachten alle ihre eigenen Ideen zum Thema ein. Tänzer wissen naturgemäss am besten, was sie selbst auf das Parkett zieht. „Einen guten Humus“ nennt die Choreographin das. „Ich schöpfe aus dem, was das Team an Erfahrungen mitbringt.“ Beteiligt an der Inszenierung ist in gewissem Umfang auch das Publikum. Damit es mitmachen kann, gibt es an jedem der 13 Aufführungsorte eine Stunde vor Vorstellungsbeginn einen kleinen Tanzkurs.

Im Thurgau wird die Truppe an so unterschiedlichen Orten wie dem Saurer Areal in Arbon (19.1.), dem Löwen in Sommeri (27.4.) und dem Eisenwerk in Frauenfeld (30.4.) auftreten. Dazwischen geht es in Kirchen, Museen oder Kursäle. „Das ist für das Ad hoc Ensemble eine echte Herausforderung, denn der zur Verfügung stehende Raum ist immer anders – mal gross, mal lang und schmal – man muss sich darauf einstellen.“

Video: Trailer zum Projekt

Unterhaltsame Kunst

„Achtzig Prozent des Abends stehen fest“, erklärt Gisa Frank, „zwanzig Prozent entstehen spontan, weil wir an jedem Ort einen Gastmusiker eingeladen haben, der spielen kann, was er möchte“. Ansonsten reist das Ensemble mit vier eigenen Musikern. „Die Livemusik ermöglicht ein unmittelbares Zusammenspiel von Musik und Bewegung“, ist die Tanzpädagogin überzeugt. „Wir haben den Musikern Themen vorgegeben, regelrechte Klischees, und sie hatten die Aufgabe, sie weiterzuentwickeln und zu verfremden. Unsere Hauskapelle ist also viel mehr als eine blosse Cover-Band. Jetzt reichen die Klänge vom Rummelplatz bis zum röhrenden Hirschen.“  Erkennbares wechselt sich mit Eigenkompositionen ab. Das Prinzip gilt auch für die Tanzszenen. Gisa Frank bewegt sich mit ihren Projekten nach eigener Einschätzung immer an einer Grenze. Sie will ein breites Publikum erreichen, aber auch die Kunst des zeitgenössischen Tanzes zeigen. „Wir holen das Publikum dort ab, wo es sich auskennt, und bringen es dann in unbekannte Gefilde. Es wäre toll, wenn es mitwandert!“
 
Termine: Alle Tourneedaten im Überblick gibt es hier 
 

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