von Michael Lünstroth, 22.07.2019

Die im Dunkeln sieht man nicht

Die im Dunkeln sieht man nicht
Die Künstler im Scheinwerferlicht und die stillen Helfer, die das Konzert erst ermöglicht haben, bleiben verborgen im Schatten. Warum es Zeit wird für eine Würdigung des Ehrenamts in Kulturinitiativen. | © By Ian T. McFarland from Los Angeles, USA - David & Kim, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39810707

Sie brauchen kein Rampenlicht und sind dennoch unverzichtbar: Ohne ehrenamtliche Helfer stünden viele Veranstaltungen vor dem Aus, das soziale Leben käme zum Stillstand. Zeit für eine Lobeshymne.

Bei Kulturveranstaltungen geht es in der Regel immer um die Menschen auf der Bühne und nicht um die dahinter. Wir wollen das an dieser Stelle mal umkehren. Schon klar - ohne Künstler keine Kunst. Genauso richtig ist aber auch - ohne ehrenamtliche Helfer keine Veranstaltung. Gerade jetzt im Sommer wird wieder offensichtlich, wie wichtig die Menschen im Hintergrund sind. Sei es beim Heizwerk-Festival in Arbon oder dem Out in the Green Garden in Frauenfeld, bei den Schlossfestspielen Hagenwil oder dem Mammern Classics oder auch bei ganzjährig aktiven Vereinen wie dem KAFF oder dem Kulturforum Amriswil - all diese Kulturorte kann es nur geben, weil es Menschen gibt, die sich dafür engagieren, ohne, dass sie dafür das Rampenlicht suchten.

Tatsächlich ist das eines der Dinge, die mich in den vergangenen drei Jahren, in denen ich Redaktionsleiter bei thurgaukultur.ch sein darf, am meisten beeindruckt haben: Fast ganz egal, wo man im Thurgau hinkommt - in fast jedem kleinen Dorf gibt es mindestens eine Initiative, die sich liebevoll um die Kulturpflege kümmert. Anerkennend und auch ein bisschen stolz schreibt das Bundesamt für Kultur (BAK) in seiner Taschenstatistik „Kultur in der Schweiz 2018“ dazu: „Es ist eine Besonderheit der Schweiz, dass viele kulturell aktive Laien in Verbänden und Vereinen organisiert sind. Die Tätigkeit dieser Laienverbände ist von grundlegender Bedeutung für die kulturelle Teilhabe der Bevölkerung.“

Wie aus Egoismus gesellschaftliche Werte entstehen

Nun gibt es besonders schlaue Leute, die behaupten, dass dieses Engagement eher aus egoistischen, denn aus altruistischen Motiven entspringt. Denn: Wer auf dem Land Kulturleben haben will, weil er es nicht für andere, sondern für sein ganz persönliches Leben wertvoll findet, der muss das schon selber initiieren. Selbst wenn dem so wäre, könnte man dieser Haltung ein gelassenes „So what?“ entgegen schleudern. Es zeigte ausserdem, dass aus egoistischen Motiven auch Werte für die gesamte Gesellschaft entstehen können. Denn genau das ist es ja, was in all diesen Projekten entsteht: Bedeutung für die Gesellschaft. Auch wenn nicht das ganze Dorf zur Aufführung kommt. 

Es ist doch so: All die vielen Menschen, die sich in so verschiedener wie vielfältiger Weise einbringen für das Gemeinwohl - die müssten das nicht tun. Sie könnten ja auch bequem daheim auf dem Sofa sitzen und die neuesten Netflix-Serien bingewatchen. Tun sie aber nicht. Stattdessen übernehmen sie Verantwortung für den Ort in dem sie leben. Sie helfen mit und zeigen so, dass ihnen nicht egal ist, was an dem Ort den sie vielleicht Heimat nennen, passiert. Sie ermöglichen Veranstaltungen, die neue Perspektiven vermitteln, sie bauen mit an Orten, die uns mal Gemeinsamkeit spüren lassen, mal herausfordern. Sie schaffen Räume, in denen Menschen sich begegnen können. Was so entsteht ist nichts anderes als Identität. Ein Stoff, der so wichtig ist für das Funktionieren unserer Gesellschaft. Und daran hat auch derjenige seinen Anteil, der das Bier verkauft oder die Tickets abreisst. 

Deshalb ist das hier für Euch, für all jene, die sonst nicht im Rampenlicht stehen. Jetzt ist der Spot mal auf euch: Ihr seid grossartig! Danke für euren stillen und unermüdlichen Einsatz!

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