von János Stefan Buchwardt, 07.05.2021

Erfüllen, was der Kern will

Erfüllen, was der Kern will
Knapp und ausdrucksstark: Carl Roesch, Grossmutter, 1901; Öl auf Papier, 26 x 25 cm, Sammlung Stadt Diessenhofen, Museum kunst + wissen, Oberes Amtshaus | © János Stefan Buchwardt

#Lieblingsstücke, Teil 13: Ein Jugendwerk aus der Hand des Diessenhofener Künstlers Carl Roesch betört unseren Autoren.

Wir schreiben das Jahr 1901. Ein Siebzehnjähriger bannt die Omama auf Papier. Eine für seine Umstände nicht weiter ungewöhnliche Motivwahl, ist er doch in ihrem Hause aufgewachsen und von ihr massgeblich bei den Weichenstellungen seines Wegs hin zur Suche nach endgültigen Formen unterstützt worden.

Woran sich der junge Carl Roesch versucht, ist für einen gestandenen Schweizer Maler ganz anderer Provenienz längst Teil seiner unspektakulären Szenerien: Die Sujets eines Albert Ankers, verstorben 1910, setzen wiederholt Grossmütter in Szene.

Mit Strickzeug, Kaffee oder Bibel. Wohlgeratene Sittenbilder – genau das ist keine Option für den Heranwachsenden aus dem thurgauischen Grenzstädtchen am Rhein, dessen künstlerische Sprache Tradition, Rigorosität und Poetik in Einklang zu bringen trachtet.

Rhythmisch und bildwürdig: Carl Roesch, Zwei Bäuerinnen auf der Strasse (Ausschnitt), Tempera, 1922 | Bild: János Stefan Buchwardt

Mystik und Esprit

Das reife Werk des sich anfangs noch grün hinter den Ohren bewegenden Künstlers zeugt gerne von den alltäglichen Momenten einer ländlichen Bevölkerung. Man erkennt gestaltete Ernsthaftigkeit, ergänzt um Komponenten einer geistvollen Auslotung von Archaischem. Oder, wie eben bei dem frühen Bildnis der vitalen Alten: die Leichtfüssigkeit charmanter Gewitztheit neben einem urbildhaft selbstsicheren Esprit.

Schon dem jugendlichen Roesch-Charakter widerstrebt ein rein nostalgisches Idealbild. Genremalerei, so das Fachwort, war nicht sein Ding. Mit der früh hingeworfenen Oma mag sich ein liebevoll persönliches Beziehungsmoment dokumentieren.

Gleichzeitig wird sie zur frohen Gesandten eines geerdeten Individualitätsbegriffes, vielleicht sogar Vorbild für weitere luftig gefestigte Figurenkompositionen Roeschs.

Blockhaft und mythisch: Carl Roesch, Bäuerin mit Kopftuch, Öl auf Leinwand, 1962 | Bilder: János Stefan Buchwardt

Kuriose Trouvaille

Besonders liebenswert, gerade auch im Wissen um das Gesamtwerk, wird die mit einfachem blauem Kopftuch Ausgestattete durch die ironische Korrespondenz mit den ebenso hellblau eingefärbten Brillengläsern. Schmunzelnd möchte man, aus heutiger Sicht, darin einen verfrühten Hippie-Ethno-Style ausmachen. Und keck wird so dem kleinen Bild der Stempel einer kuriosen Trouvaille aufgedrückt.

Es bereitet Vergnügen zu sehen, wie sich die vermutlich einzige Sehhilfe, die Roesch in seinem Œuvre hinterlässt, zwischen Blauäugigkeit und Weitsichtigkeit wiegt. Auch hat er etwa im Gemälde «Stillleben mit blauen Tüchern» von 1921 den so gearteten Textilien Ehre erzeigt. Über Tuch, Rock und Schürze werden Schablonen gelegt: die der Naturkräfte, der wuchtigen Empfindungen des Seins.

Über Assoziationen zum Erleben eines blauen Wunders oder mit Blick auf die Redewendung «Mit einem blauen Auge davonkommen» liessen sich vielfältige und die Fantasie animierende Schnittstellen konstruieren. Zu weit hergeholt? Jedenfalls sollte sich die sich fortschreitend verbergende Körperlichkeit zu einem der stimulierenden Markenzeichen des Malers entwickeln.

Ursula Traber-Fischli, Roeschs Grossmutter mütterlicherseits in Vorder- und Rückansicht. Bilder: János Stefan Buchwardt

Eine Brücke schlagen

Wo das mit der Nummer 4 ausgewiesene Antlitzbild noch durch Transparenz, Unverblümtheit und Luzidität besticht, sind viele der späteren Werke – durch die Brille unserer Gegenwart betrachtet – ein tiefschürfendes Plädoyer gegen Selfie-Wahn und überzogene Selbstdarstellung.

Hier weiss einer um die beflügelnde Kraft der Blickbarrieren. Über das Verborgene lehrt Roesch uns kontemplative Hochspannung. Überdecken und Verhängen werden zur aparten Handlungsform.

Leichtigkeit und Schwere

Die Oma des Künstlers kann als erster verlockender Zugang zu den späteren Landfrauenfiguren alttestamentarisch anheimelnden Urgrunds herhalten. Sie baut eine frühe Brücke in eine Welt, in der Kleidungsstücke und Bekleidungen, mehr und mehr gesättigt, die Grenzen zwischen Himmel und Erde auskosten.

Eine prägende Bezugsperson als erste wegweisende Figur im künstlerischen Werk? Ein lebenslanger Ruhepol, über den Moderne und Klassik, Dynamik und Abstraktion verschmelzen? Vom Eindruck sphärischer Leichtigkeit getragen ist diese Ursula Traber-Fischli frohgemute und sehenswerte Vorbotin des Wechselspiels zwischen Simplizität und Schwere. Letzteres führt der erfahrene Roesch zu meisterschaftlichem Ausdruck.

Im direkten Nachstellen der Motivwahl kommt man Themenstellungen oftmals ein gutes Stück näher. Bilder: Selbstporträts des Korrespondenten János Stefan Buchwardt (mit Stoffserviette «Grand Hotel Locarno» und blauem Duschvorhang)

 

Weiterlesen: Eine der umfangreichsten Sammlungen von Werken des Künstlers Carl Roesch (1884-1979) und seiner Frau Margrit Roesch-Tanner (1880-1969) befindet sich im Museum kunst + wissen in Diessenhofen. Mehr zu Carl Roesch gibt es auch im Lexikon zur Kunst in der Schweiz.
 

Die Serie #Lieblingsstücke und wie Du mitmachen kannst

In unserer neuen Serie #Lieblingsstücke schreiben Thurgaukultur-KorrespondentInnen über besondere Kunstwerke im Kanton. Das ist der Start für ein grosses Archiv der beliebtesten Kulturschätze im Thurgau. Denn: Wir wollen auch wissen, welches ist Dein Lieblings-Kunststück aus der Region?

 

Skulpturen, Gemälde, historische oder technische Exponate, Installationen, Romane, Filme, Theaterstücke, Musik, Fotografie - diese #Lieblingsstücke können ganz verschiedene Formen annehmen. Einige der vorgestellten Werke stehen im öffentlichen Raum, manche sind in Museen zu finden, andere wiederum sind vielleicht nur digital erlebbar. Die Serie soll bewusst offen sein und möglichst viel Vielfalt zulassen.

 

Schickt uns eure Texte (maximal 3000 Zeichen), Fotos, Audiodateien oder auch Videos von euch mit euren Lieblingswerken und erzählt uns, was dieses Werk für euch zum #Lieblingsstück macht. Kleinere Dateien gerne per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch, bei grösseren Dateien empfehlen wir Transport via WeTransfer.

 

Oder ihr schreibt einen Kommentar am Ende dieses Textes oder zum entsprechenden Post auf unserer Facebook-Seite. Ganz wie ihr mögt: Unsere Kanäle sind offen für euch!

 

Alle Beiträge sammeln wir und veröffentlichen wir sukzessive im Rahmen der Serie. Sie werden dann gebündelt im Themendossier #lieblingsstücke zu finden sein.

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