von Bettina Schnerr, 18.10.2021

«Fahrt frei» in Bischofszell

«Fahrt frei» in Bischofszell
Die Hipp’sche Wendescheibe in Bischofszell war bis 1975 in Betrieb und regelte die Einfahrt zum Bahnhof von Nordosten her. | © Bettina Schnerr

#Lieblingsstücke, Teil 19: Fast könnte man das kleine Denkmal übersehen. Aber wer am Bahnübergang in Bischofszell die Augen offen hält, entdeckt ein altes Bahnsignal: Die Hipp’sche Wendescheibe. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Der Erfinder Matthäus Hipp (1813-1893), ein gebürtiger Blaubeurer Uhrmacher, lebte und wirkte so intensiv in der Schweiz, dass er es zum „Schweizer Edison“ brachte. Er verbesserte unter anderem die Telegrafiertechnik, entwickelte Geschwindigkeitsmesser und eine Uhrenanlage für Genf.

Und für den Bahnverkehr erfand er ein drehbares Signal, das entweder „Halt“ oder „Fahrt frei“ anzeigte. Es wurde nicht nur elektrisch ausgelöst, sondern meldete seine Signalstellung zudem elektrisch an die Station. Damit konnte auf den bis dahin nötigen Sichtkontakt zum Signal verzichtet werden.

Bis 1987 wurden die Scheiben genutzt

1862 wurde die erste Anlage in Winterthur in Betrieb genommen und das System begann daraufhin seinen Siegeszug quer durch die ganze Schweiz, bei den unterschiedlichsten Regionalbahnen. Die letzten gab es bis weit in die 1980er Jahre hinein: Das letzte Signal wurde erst 1987 von der Rhätischen Bahn durch eine Lichtanlage ersetzt.

Die Wendescheiben liessen sich bei Schneefall einfacher auslösen als Signale mit Drahtzügen. Zwei kleine, schwarz-weiss markierte Zusatzscheiben unterhalb der Hauptscheibe, die eigentlich zum besseren Erkennen des offenen Signals montiert waren, erleichterten auch das Drehen der rund ein Meter grossen Hauptscheibe bei Sturm.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938): Brücke bei Wiesen, 1926, Öl auf Leinwand, 120x120 cm. Die Wendescheibe links am Bildrand steht am westlichen Ende des Wiesener Viadukts und ist bis heute, stillgelegt, erhalten. Möglicherweise, weil dieses Signal durch eben dieses Gemälde berühmt wurde. Bild: Kirchner Museum Davos

 

Der Thurgau blieb der Scheibe lange treu

Ab 1930 wurden Lichtanlagen gängig und ab 1939 Standard und langsam verschwanden die Hipp’schen Wendescheiben von den Gleisen. Abgesehen von der Rhätischen Bahn übrigens waren just im Thurgau die Wendescheiben am längsten in Betrieb, nämlich in Kradolf, Bischofszell-Nord und Bischofszell-Stadt.

Das gute Stück in Bischofszell war seit 1876 in Betrieb und wurde bis 1975 genutzt. Seit ihrer Rente ist die Wendescheibe einige Male umgezogen. Es ist jene aus Bischofszell-Nord, die früher ungefähr am Nordost-Ende der heutigen Bitzihalle stand. Mehrere Jahre stand sie dann vor der Station und erst seit 2009 schmückt sie den Bahnübergang Hechtplatz/Steigstrasse. Der letzte Umzug war verbunden mit einer ordentlichen Restaurierung und seither gehört die Scheibe zum Fundus des örtlichen Verkehrsvereins.

Auch in Modellbahnanlagen findet sich die Scheibe

Warum mir die Wendescheibe überhaupt auffiel? Mit meinem Vater stand ich in den Wanderferien oft an kleinen Bahnhöfen und bekam Dampfloks und Läutewerke erklärt. Vielleicht auch mal eine Wendescheibe? Daran erinnere ich mich nicht mehr, aber es gab diese Signale definitiv zuhauf auf den Modellbahnanlagen, von denen ich wirklich eine ganze Menge gesehen habe.

An dem Original in Bischofszell kann ich mich also wortwörtlich erfreuen wie ein kleines Kind. Vielleicht entdeckst Du das Signal beim nächsten Mal, jetzt, wo Du weisst, dass da eines steht. Oder Du findest mal eines im Vorgarten eines Einsenbahn-Fans und erkennst das gute Stück präzise.

 

Die Serie #Lieblingsstücke und wie Du mitmachen kannst

In unserer Serie #Lieblingsstücke schreiben Thurgaukultur-KorrespondentInnen über besondere Kunstwerke im Kanton. Das ist der Start für ein grosses Archiv der beliebtesten Kulturschätze im Thurgau. Denn: Wir wollen auch wissen, welches ist Dein Lieblings-Kunststück aus der Region?

 

Skulpturen, Gemälde, historische oder technische Exponate, Installationen, Romane, Filme, Theaterstücke, Musik, Fotografie - diese #Lieblingsstücke können ganz verschiedene Formen annehmen. Einige der vorgestellten Werke stehen im öffentlichen Raum, manche sind in Museen zu finden, andere wiederum sind vielleicht nur digital erlebbar. Die Serie soll bewusst offen sein und möglichst viel Vielfalt zulassen.

 

Schickt uns eure Texte (maximal 3000 Zeichen), Fotos, Audiodateien oder auch Videos von euch mit euren Lieblingswerken und erzählt uns, was dieses Werk für euch zum #Lieblingsstück macht. Kleinere Dateien gerne per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch, bei grösseren Dateien empfehlen wir Transport via WeTransfer.

 

Oder ihr schreibt einen Kommentar am Ende dieses Textes oder zum entsprechenden Post auf unserer Facebook-Seite. Ganz wie ihr mögt: Unsere Kanäle sind offen für euch!

 

Alle Beiträge sammeln wir und veröffentlichen wir sukzessive im Rahmen der Serie. Sie werden dann gebündelt im Themendossier #lieblingsstücke zu finden sein.

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Wissen

Kommt vor in diesen Interessen

  • Geschichte
  • Technik

Ist Teil dieses Dossiers

Werbung

#lieblingsstücke

quer durch den Thurgau

Kultur für Klein & Gross #4

Der Newsletter für kulturelle Familien- & Kinderangebote.

49 Ideen für die Adventszeit:

alle Veranstaltung bis Ende 2021 auf einen Klick.

Stellenangebot Thurgauische Kunstgesellschaft

Leiter/-in Geschäftsstelle, 40% gesucht.

Ausschreibung «Jungsegler»

Junge Theaterschaffende können sich jetzt bewerben!

Wer wir sind

Alles rund um thurgaukultur.ch

Ähnliche Beiträge

Wissen

Der Geschichtenerzähler

Das Schaudepot St.Katharinental ist ein sehr besonderer Ort. Keiner hat ihn so geprägt wie der Volkskundler Peter Bretscher. Jetzt geht er in den Ruhestand. Rückblick auf ein Lebenswerk. mehr

Wissen

Die Wiederentdeckung der Textilindustrie

Was passiert, wenn man Kunst und Mode, Textilindustrie und Design zusammenbringt? Ziemlich viel, wie ein neues interkantonales Projekt in Arbon zeigt. mehr

Wissen

Gefährliche Liebschaft

Ein Historiker stöbert in einem Museum auf dem Estrich. In einem kleinen Raum macht er eine Entdeckung, von der jeder Historiker träumt. mehr