Seite vorlesen

von Inka Grabowsky, 06.12.2022

Gärtnern für die Geschichte

Gärtnern für die Geschichte
Vereint für Gartenkultur (von links): Christina Egli, Markus Zeiler, Philipp Kuhn, Dominik Gügel, Hannes Geisser, Jack Rietiker, Markus Landert, Bettina Gräfin Bernadotte. An der Schaufel: Urs Leuzinger. | © Inka Grabowsky

Unter dem Motto «Grüne Fürsten am Bodensee» gibt es im Frühjahr 2023 fünf Ausstellungen, die sich dem Leben und Werk von Kaiser Napoleon III. und von Fürst Nikolaus II. Esterhazy widmen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

«Die Idee geistert schon lange durch unsere Köpfe», sagt Dominik Gügel, der Direktor des Napoleonmuseums Arenenberg, «aber erst seit 18 Monate bereiten wir das Projekt ernsthaft vor.» Gügel möchte gemeinsam mit vielen Partner erzählen, wie die Gartenkultur am Bodensee entstand und wie sie die Landschaft prägte.

Entscheidenden Anteil hatten Personen wie Personen wie Napoleon III., der als Prinz Louis Napoleon auf dem Arenenberg einen Grossteil seiner Jugend verbrachte, oder Nikolaus II. Fürst Esterhazy, der 1827 die Insel Mainau kaufte und zum Park umwandelte, nachdem er am österreichischen Kaiserhof wegen seines exaltierten Lebenswandels zur «persona non grata» erklärt worden war. 

Der 150. Todestag von Louis Napoleon 2023 gab den Anlass, das Projekt jetzt umzusetzen. Dass sich zeitgleich der Todestag von Nikolaus Esterhazy zum 190. Mal jährt, traf sich perfekt.  

 

Fürst Esterhazy - il Magnifico, wegen seines Hangs zur Pracht, liebte alles Schöne - auch Landschaftsgärten.

Grenzüberschreitende Kooperation

Je länger Gügel mit seinem Team recherchierte, desto mehr erzählenswerte Geschichten fand er. Und deshalb holte er andere Museen mit ins Boot. Schon 2020 hatten die Thurgauer Museen zusammengespannt, nun sind auch Partner am anderen Ufer des Bodensees mit von der Partie.

«Das Projekt passt zu unserer Museumstrategie», sagt der Leiter des Thurgauer Kulturamts Philipp Kuhn. «Wir wollen die Museen zusammenrücken lassen und freuen uns zusätzlich über die grenzüberschreitende Kooperation mit der Mainau und Schloss Salem.»

Esterhazy auf der Mainau

Die Fürsten Esterhazy sind Musikkennern vor allem in Zusammenhang mit Josef Haydn bekannt. Der Komponist stand über vierzig Jahre im Dienst der Familie, auch noch unter Nikolaus II. Doch die Insel Mainau konzentriert sich logischerweise auf Nikolaus’ Faible für den englischen Landschaftspark.

«Wir haben noch den Plan von 1830, den der Architekt Charles Moreau in Auftrag des Fürsten gezeichnet hat, und der vom Gärtner Ferdinand Schnetz ungesetzt wurde», so Markus Zeiler, der Gartendirektor der Mainau GmbH. Schnetz hätte auch die erste Gastwirtschaft auf der Insel betreiben, was im Rahmen des Projekts eine Schau im Palmenhaus unter dem Titel «Aus der Speisekammer des Schnetz’» inspiriert.

 

Der Mann im blauen Frack war der Hofgärtner Ferdinand Schnetz am Schloss auf der Insel Mainau. Bild: zVg

 

Vor allem aber werden virtuelle wie analoge Installationen im Schloss die Besucher in die Lebenswelt der Adeligen Anfang des 19. Jahrhunderts versetzen. Geschäftsführerin Bettina Gräfin Bernadotte freut sich schon jetzt auf das Besucherinteresse. «Die Recherchen haben neue Aspekte hervorgebracht, die die Mainau auf eine europäischen Gartenbühne heben.»

Die Gräfin betont die Verbindungen, die zu Esterhazys Zeit mit dem Arenenberg bestanden hätten. «Der Kulturraum am Bodensee war schon vor 200 Jahren vernetzt, und es ist schön, das jetzt erneut zu vertiefen.»

Napoleon III. auf dem Arenenberg

Als Esterhazy die Mainau umgestaltete, war Louis Napoleon gerade 19 Jahre alt. Auch er war ein Gartenfreund. Schon als Kind habe ihn seine Grossmutter Josephine mit dem Park von Malmaison vertraut gemacht, berichtet die Arenenberger Kunsthistorikerin Christina Egli. Im Exil am Bodensee plante er dann gemeinsam mit seiner Mutter Hortense die Anlage am Arenenberg.

Zu Hochform auflaufen aber konnte er, nachdem er zum Kaiser gekrönt worden war. «Er wollte Paris zur schönsten Stadt Europas machen», so die Expertin. «Er liess zigtausend Häuser abreissen und stattdessen Grünflächen und Alleen einrichten. 600.000 Bäume sollen damals gepflanzt worden sein.»

Das Napoleonmuseum bietet über Fotos und Illustrationen von damals und heute Gelegenheit zu einem imaginären Spaziergang durch die französische Hauptstadt.

Des Kaisers Ausgrabungen im Archäologiemuseum

Napoleon III. war nicht nur Gartenfreund, er war auch Fan von Julius Caesar. «Er hat seine Biographie geschrieben», sagt der Leiter des Museums für Archäologie, Urs Leuzinger.

«Und er liess 1862 die Spuren der Schlacht von Alesia, die die Gallier unter Vercingetorix gegen Caesar verloren hatten, ausgraben.» Der gebürtige Arboner Eugène Baron Stoffel bekam den kaiserlichen Auftrag. Das ist jetzt Stoff für eine Sonderausstellung in Frauenfeld.

 

Vor 200 Jahren tauschten die grünen Fürsten untereinander Pflanzen - heute schenkte die Mainau GmbH dem Arenenberg einen Küstenmammutbaum. Bild: Inka Grabowsky

«Royales Halali» im Naturmuseum

Zum Lebensstil eines ordentlichen Adeligen gehört der kunstvolle Garten ebenso wie die Jagd. «Diese Steilvorlage hat uns Dominik Gügel gegeben», sagt Hannes Geisser, der Leiter des Naturmuseums Thurgau.

«Nur mussten wir dann feststellen, dass zur Zeit Napoleons des Dritten bei uns im Thurgau eigentlich nur noch das sogenannte Niederwild zu jagen war. Rehe, von denen heutzutage 40.000 jedes Jahr zur Strecke gebracht werden, waren durch die Übernutzung des Waldes quasi ausgestorben.» Wildschweine habe es damals auch nicht gegeben, einzig Hirsche standen als Beute zur Verfügung – in einem geschützten Revier auf dem Bodanrück. Diese Zusammenhänge macht das Naturmuseum in einer Kabinettsausstellung klar.

Gärten durch die Jahrhunderte in Ittingen

«So schillernde Persönlichkeiten wie Fürst Esterhazy oder Napoleon den Dritten hat es bei uns in der Kartause nicht gegeben», meint der Direktor von Kunstmuseum und Ittinger Museum Markus Landert. «Trotzdem hatten die Gärten immer eine grosse Bedeutung.»

Die Kartause wird sich in ihrem Beitrag zum Projekt der Entwicklung der Gärten von der Zeit der Mönche bis in die Gegenwart widmen. Die Kartäuser hatten den Kreuzgarten zur Kontemplation und Küchengärten für die Versorgung. Erst Victor Fehr, der 1867 hier ein Gut einrichtete, legte einen Park an. «Heute sind wir stolz auf unsere Flächen nicht nur zur Selbstversorgung, sondern auch zur Förderung der Biodiversität», so Landert.

Im Baden-Württembergischem Schloss Salem kann man eine vergleichbare Entwicklung sehen. Im Zisterzienserkloster gab es Nutz- und Ziergärten, später dann extra «Kuchel und Kräutelgarten» oder «Blumengarten», und schliesslich nach der Aufhebung des Konvents 1804 einen englischen Landschaftspark.

 

Die Kartause Ittingen zu Zeiten der Familie Fehr. Bild: zVg

Der grüne Faden

So unterschiedlich alle Ausstellungsorte sind, eines verbindet sie während des Projekts: «Zentrales Element an allen Standorten sind grosse Silhouetten von historischen Figuren», berichtet Dominik Gügel. «Diese Scherenschnitte versehen wir mit einem QR-Code. Und über den kann man sich im Internet Anekdoten zum Garten erzählen lassen».

Er hofft, dass die kunstvollen Botschafter, die überall in der Region stehen werden, möglichst viele Besucher neugierig auf die fünf Spezial-Ausstellungen machen.

Lesestoff gibt's schon jetzt

Wer nicht bis zum Frühjahr 2023 warten mag, kann sich in das Thema einlesen. Bereits 1991 erschien – mit grossem Erfolg - die Pückler Biographie «Der Grüne Fürst». Gerade wird die 30. Auflage vermarktet. Der Titel prägte ein ganzes Rollenbild.

Nun also lernt das Publikum, dass es am Bodensee weitere «grüne Fürsten» gegeben hat. Dominik Gügel beschreibt sie in seinem Begleitbuch zum Ausstellungsprojekt, das für Juni 2023 angekündigt ist.

 

Alle Ausstellungseröffnungen «Grüne Fürsten am Bodensee» 2023 

Samstag, 25. März 2023

Eröffnung «Napoleon III. & Archäologie: Parkgestalter und Archäologiefreund»

Museum für Archäologie https://archaeologisches-museum.tg.ch/museum-fuer-archaeologie.html/6151

 

Donnerstag, 30. März 2023, 10.00 Uhr

Eröffnung «Die Gärten Kaiser Napoleons III.»

Napoleonmuseum Arenenberg https://napoleonmuseum.tg.ch

 

Sonntag, 16. April 2023, 11.30 Uhr

Vernissage «Gärten der Kartause – Zum Nutzen und zur Freude»

Ittinger Museum https://www.kartause.ch/de/ittinger-museum   

 

 

Samstag, 29. April 2023

«Royales Halali – Jagd als fürstliches Vergnügen» (Arbeitstitel)

Naturmuseum Thurgau https://naturmuseum.tg.ch

 

Sonntag, 28. Mai 2023

Eröffnung «Il Magnifico auf der Insel Mainau» (Arbeitstitel) https://www.mainau.de/de/

 

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Wissen

Kommt vor in diesen Interessen

  • Geschichte
  • Archäologie
  • Natur
  • Bildung
  • Bodensee

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

Hinter den Kulissen von thurgaukultur.ch

Redaktionsleiter Michael Lünstroth spricht im Startist-Podcast von Stephan Militz über seine Arbeit bei thurgaukultur.ch und die Lage der Kultur im Thurgau. Jetzt reinhören!

#Kultursplitter - Agenda-Tipps aus dem Kulturpool

Auswärts unterwegs im April/Mai - kuratierte Agenda-Tipps aus Basel, Bern, Liechtenstein, St.Gallen, Winterthur, Luzern, Zug und dem Aargau.

Austauschtreffen igKultur Ost

Für eine starke Kulturstimme im Kanton Thurgau! Dienstag, 11. Juni 2024, 18.00 Uhr, Kult-X Kreuzlingen.

Literaturpreis «Das zweite Buch» 2024

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum siebten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 30. April 2024

Atelierstipendium Belgrad 2025/2026

Bewerbungsdauer: 1.-30. April 2024 über die digitale Gesuchsplattform der Kulturstiftung Thurgau.

Kulturplatz-Einträge

Kulturorte

Ittinger Museum

8532 Warth

Kulturorte

Napoleonmuseum Arenenberg

8268 Salenstein

Kulturorte, Veranstaltende

Naturmuseum Thurgau

8510 Frauenfeld

Ähnliche Beiträge

Wissen

Der zähe Kampf ums Frauenstimmrecht im Thurgau

Ein Buch, neun Autorinnen und 53 Jahre Frauenstimmrecht: «Frauen stimmen – Frauenstimmen» beleuchtet den Weg zum Frauenstimmrecht im Thurgau. mehr

Wissen

1300 Jahre Kulturzentrum am Bodensee

Im Jahr 724 wurde das Kloster auf der Insel Reichenau gegründet. Es entstand ein gigantisches Wissens- und Beziehungsnetzwerk. Zwei Ausstellungen erinnern mit fulminanten Schätzen daran. mehr

Wissen

Von hohen Türmen und grossen Träumen

Kreuzlingen und Konstanz könnten heute ganz anders aussehen, wenn sich visionäre städtebauliche Projekte durchgesetzt hätten. Das Museum Rosenegg zeigt in einer neuen Ausstellung wie. mehr