von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 11.07.2025
Häsch mal e Million?

Ein ungewöhnlicher Schritt: Weil dem Kanton das Geld für die Erweiterung des Kunstmuseums fehlt, ruft er nun private Unterstützer:innen und Unternehmen zu Spenden auf. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Üblicherweise läuft es in der Thurgauer Kulturpolitik so ab: Man trifft sich irgendwo in einem Hinterzimmer, macht etwas miteinander aus und ob es dann wirklich so kommt, hängt davon ab, ob sich die beiden Seiten auf einen gemeinsame Weg einigen können. In die Öffentlichkeit dringt davon eher selten etwas, Hans Jörg Höhener, Präsident der Thurgauer Kulturkommission, hat diese stille Diplomatie und Diskretion in einem Interview mal als ein Thurgauer Erfolgsrezept bezeichnet. Insofern ist das, was jetzt rund um das Kunstmuseum Thurgau passiert, ziemlich ungewöhnlich.
In einer Medienmitteilung haben das Departement für Bau und Umwelt und das Departement für Erziehung und Kultur Ende Juni gemeinsam zur Suche nach privaten Unterstützer:innen für die Erweiterung des Kunstmuseums in der Kartause Ittingen aufgerufen. Offenbar ist die Lage rund um die lange geplante Erweiterung des Hauses so kompliziert, dass die Regierung nun diesen Schritt wagt. Das Museum müsse dringend saniert werden, heisst es in der Mitteilung: „Zum einen geht es um den Erhalt der Bausubstanz, zum anderen um Fragen der Sicherheit sowie die Sicherstellung eines zeitgemässen und effizienten Museumsbetriebs“, schreiben die beiden Departemente.
Der Wille ist da, das Geld eher nicht
Das Problem ist nur: Während das Geld für die Sanierung noch vorhanden ist (laut Kanton rund 20 Millionen Franken), fehlen weitere fünf Millionen Franken für die geplante Erweiterung des Museums um einen unterirdischen Ausstellungsraum. Der soll rund 200 Quadratmeter gross sein, Geld dafür will der Kanton angesichts der angespannten Haushaltslage aber keines mehr ausgeben.
Das ist auch insofern etwas überraschend, als in einem Papier für den Kantonsrat deutlich gemacht wird, weshalb die Erweiterung notwendig ist: „Sowohl der Regierunsgrat, wie auch die kantonale Kulturkommission, die Thurgauer Kunstgesellschaft, die Stiftung der Kartause Ittingen, das Kulturamt und das Kunstmuseum sind überzeugt vom Projekt Scala (das ist der vorliegende Architektenentwurf, d. Red., mehr dazu hier) und sehen die einmalige Chance, die mit dieser moderaten Erweiterung realisiert werden könnte“, heisst es.
Und: „Dies würde das Haus auch deutlich attraktiver machen für private Sammlerinnen und Sammler oder auch für mögliche künftige Schenkungen. Das Kunstmuseum Thurgau würde wieder an Strahlkraft gewinnen und könnte sich im Wettbewerb mit anderen Kunsthäusern wieder besser positionieren“, steht in der Dokumentation für den Grossen Rat. Mit anderen Worten: Alle finden das Projekt super, aber keiner will eigenes Geld investieren.
Bislang wurden rund 1,2 Millionen Franken eingeworben
Stattdessen sollen private Unterstützer:innen und Unternehmen die finanzielle Lücke von fünf Millionen Franken schliessen. Um das zu erreichen, hat der Regierungsrat eine Arbeitsgruppe unter der Leitung der früheren Regierungsrätin und heutigen Vizepräsidentin der Stiftung Kartause Ittingen, Monika Knill, eingesetzt.
Inzwischen kann die Gruppe erste Erfolge vorweisen. Es seien bereits Zusagen „in Höhe von 1,22 Millionen Franken sowie weitere Zusagen in noch nicht bezifferter Höhe“ eingegangen, schreibt der Kanton in seiner Medienmitteilung. Damit fehlen aber weiterhin rund 3 bis 3,5 Millionen Franken. Das Ziel sei, diese Summe bis Frühjahr 2026 einzuwerben. Sollte das gelingen, könnten die Umbaupläne wie geplant vorangetrieben werden. Was passiert, wenn die Millionensuche scheitert, steht in den Sternen.
Als Argument für die Erweiterung führt der Kanton auch an, ein zusätzlicher Ausstellungsraum würde „erstmals einen eigentlichen Besucherrundgang im Kunstmuseum ermöglichen, da sämtliche Ausstellungsräume miteinander verbinden und durchschritten werden könnten.“ Regierungsrätin Denise Neuweiler zeigt sich in der Medienmitteilung zuversichtlich: „Nun gilt es aber, weitere Kreise für die Realisierung der Erweiterung des Kunstmuseums zu begeistern und die noch bestehende Finanzierungslücke möglichst zu schliessen. Beispiele aus anderen Kantonen haben gezeigt, dass dies funktioniert. Wir hoffen, das ist im Kanton Thurgau auch der Fall.“
Wir haben auch die Sektion Thurgau der IG Kultur Ost um eine Stellungnahme zum Thema gebeten. Die gesamte Erklärung dazu veröffentlichen wir hier im Wortlaut.
Stellungnahme der IG Kultur Ost zur Einsetzung einer Arbeitsgruppe für die Suche nach privater Unterstützung für das Kunstmuseum Thurgau
«Die IG Kultur Ost zeigt sich äusserst besorgt über den Entscheid der Thurgauer Regierung, den Ausbau des Kunstmuseums Thurgau aufzuschieben, bzw. nur dessen Sanierung umzusetzen. Dass nun aus parlamentarischen Kreisen eine private Initiative ins Leben gerufen wurde, um die fehlenden Mittel für eine qualitative Entwicklung für das Kunstmuseum bereitzustellen unterstreicht die Kurzsichtigkeit und Tragweite dieses politischen Entscheids.
Die IG Kultur Ost dankt der privaten Initiative ausdrücklich für ihre Zivilcourage und ihr Engagement. Auch wenn private Mitfinanzierung nicht dem kulturpolitischen Ideal entspricht, ist sie in diesem Fall ein wichtiger Rettungsanker, um gravierende Fehlentscheide abzufedern und den Kunst- und Kulturstandort Thurgau zu stärken.
Ein Museum von heute braucht mehr als nur eine energetische Sanierung, es braucht Räume und Konzepte, die das volle Potenzial entfalten lassen: für künstlerische Produktionen, öffentliche Diskurse und eine Museumslandschaft mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. Eine Minimallösung bremst diese Entwicklung und gefährdet das vielfältige kulturelle Leben im Kanton und darüber hinaus.
Die IG Kultur Ost fordert daher eine Wiedererwägung der politischen Entscheide sowie konstruktive Lösungen, nicht nur für das Kunstmuseum, sondern für die gesamte Museumslandschaft im Thurgau. Denn betroffen sind auch zahlreiche Kunst- und Kulturschaffende, Künstler:innen, ein breites, interessiertes Publikum und nicht zuletzt die nachkommenden Generationen.
Die IG Kultur Ost engagiert sich für ein lebendiges, zukunftsfähiges Kunstmuseum – ein visionäres Projekt wie ein unterirdischer Erweiterungssaal wäre ein klares Zeichen in diese Richtung. Sie dankt allen, die sich privat, politisch oder ideell für die Kultur im Kanton einsetzen und deren gesellschaftlichen Wert anerkennen und verteidigen.»
Ist das jetzt ein Befreiungsschlag oder pure Verzweiflung?
Was diesen Schritt in die Öffentlichkeit auch so ungewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass die Idee mit der Finanzierung der Erweiterung des Kunstmuseums über private Gelder nicht neu ist. Seit der Bekanntgabe der Sparmassnahmen bei den Museumsbauten im März 2024 kursiert diese Idee.Der offensive Schritt in die Öffentlichkeit legt nahe, dass man in den Bemühungen darum bislang offenbar nicht so weit vorangekommen ist, wie man damals hoffte.
Die grosse Frage jetzt ist: Kann das ein Befreiungsschlag sein? Oder zeigt der Schritt nur, wie verfahren die Situation um das Kunstmuseum ist? Kurt Schmid ist da eher skeptisch. Er sagt: „Das Modell Sponsoring gibt es bislang vor allem im städtischen Kontext. In Basel beispielsweise trifft man diese Finanzierungsform häufig an. Aber ob das hier bei uns im ländlichen Raum ebenfalls funktioniert, da setze ich mal ein Fragezeichen.“
Schmid beobachtet das Geschehen im Thurgauer Kulturleben schon lange. Er war Mitinitiant der Ausstellung Kunstgrenze 1984, der Kulturstiftung 1991 sowie des Kunstraums Kreuzlingen 1993. Zur Debatte um die Einsparungen bei den Museen hat er bei thurgaukultur.ch einen ausführlichen Text geschrieben.
Wie gross ist der Wille wirklich?
Die jetzt vorliegenden Dokumente zur Mäzen:innen-Suche hat er genau gelesen. Sein Fazit: „Einerseits kann man anerkennen, dass seitens aller Beteiligter der Wille da ist, das Problem zu lösen. Andererseits frage ich mich schon, wie gross dieser Wille wirklich ist, wenn dann doch der Mut zur Umsetzung fehlt. Das ist auch ein Stück weit inkonsequent.“
Er übt auch Kritik an den konkreten Plänen: „Was im Moment vor allem fehlt aus meiner Sicht, ist das planerische Know-how, das es konzeptuell für solch ein Projekt bräuchte. Im Schreiben an den Grossen Rat des Kantons geht es beispielsweise mit keiner Silbe um Inhalte, dabei bräuchte es vermehrt klare programmatische und kuratorische Arbeit, um das Kunstmuseum neu zu profilieren. Und diese ist mit den vorhandenen personellen Ressourcen wohl nicht zu leisten.“

„Die Pläne tönen für mich so als strecke man in der verzweifelten Situation den Finger nach dem Möglichen aus, aber nicht nach dem, was es jetzt eigentlich bräuchte - ein modernes Museum, das sich mit gesellschaftsrelevanten kulturellen Fragen auseinandersetzt.“
Kurt Schmid, Kulturexperte
Darüber hinaus sollte die Politik auch nicht den Eindruck erwecken, „dass man mit 200 Quadratmetern mehr und einem neuen Erschliessungskonzept plötzlich ein zeitgemässes Kunstmuseum hat. 200 Quadratmeter sind nicht viel, da hat der Kreuzlinger Kunstraum mehr. Wie soll auf der Fläche ernsthaft eine neue Profilierung gelingen?“, meint Kurt Schmid.
Seine Analyse der vorliegenden Ideen: „Die Pläne tönen für mich so als strecke man in der verzweifelten Situation den Finger nach dem Möglichen aus, aber nicht nach dem, was es jetzt eigentlich bräuchte - ein modernes Museum, das sich mit gesellschaftsrelevanten kulturellen Fragen auseinandersetzt.“
Lieber voller Fokus auf das Themenhaus in Arbon?
Die vorliegenden Pläne für das Themenhaus Museum Werk Zwei findet er deshalb nach wie vor richtig. Unter diesem Titel soll in Arbon ein Museum entstehen, das sich mit aktuellen Fragen auseinandersetzt. Die Eröffnung des Hauses wurde wegen der angespannten Finanzlage des Kantons im März 2024 auf das Jahr 2037 verschoben. Bis dahin soll das Gebäude mit verschiedenen Zwischennutzungen bespielt werden. Den Auftakt machte das „Heimspiel“, im nächsten Jahr soll ein gemeinsames Ausstellungsprojekt der kantonalen Museen über Sagen und Mythen dort gezeigt werden.
Kurt Schmid plädiert dafür, sich auf dieses Themenhaus zu konzentrieren, wenn die Finanzierung des Erweiterungsbaus am Kunstmuseum über private Mäzene nicht klappt: „Mein Vorschlag für diesen Fall wäre, die Basteleien am Kunstmuseum endgültig zu beenden, dort nicht zu erweitern und stattdessen alle Energie und Ressourcen auf das Themenhaus in Arbon zu verlegen. Die Studien zu einem neuen Museumskonzept des Kantons zeigen: ein Museum, das heute sein Publikum erreichen will, das muss themenorientiert und im Dialog mit den Kunstschaffenden arbeiten. In Arbon gibt es dafür die besten Voraussetzungen“, so Schmid.
„Das Potenzial ist da, das Geld im Lotteriefonds ist da, aber in der Politik fehlt es aktuell am Mut zu klaren Entscheidungen.“
Kurt Schmid, Mitgründer des Kunstraum Kreuzlingen
Und sollte der Politik irgendwann auch die Luft für das Themenhaus-Projekt ausgehen, hat Schmid noch eine weitere Idee, um das neue Museum doch noch zu eröffnen: „Wenn dem Kanton finanziell die Hände gebunden sind, ist damit nicht ausgeschlossen, dass beispielsweise ein Themenhaus Werk II mit einer andern Trägerschaft als Stiftung oder Verein alternativ realisierbar wäre.“ Die Chancen, die das neue Haus biete, sollte man nicht vorbeiziehen lassen, findet Schmid: „Das Potenzial ist da, das Geld im Lotteriefonds ist da, aber in der Politik fehlt es aktuell am Mut zu klaren Entscheidungen.“
Wie es weitergeht, wird sich spätestens im Frühjahr 2026 entscheiden, wenn die Millionen-Suche für den Erweiterungsbau am Kunstmuseum abgeschlossen sein soll.

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