von Michael Lünstroth, 21.02.2019

Wie gerecht ist die Kunstwelt?

Wie gerecht ist die Kunstwelt?
Hat klare Ansichten: Gioia Dal Molin. Seit 2015 ist sie die Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. | © Sascha Erni

Seit Jahren gibt es Klagen über Ungerechtigkeit in der Kunstwelt. Aber kann es Gerechtigkeit hier überhaupt geben? Gioia Dal Molin, Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau findet: ja. Man muss es nur wollen. Ein Gespräch über Chancengleichheit, Auswahlprozesse und Gleichberechtigung.

Frau Dal Molin, rund um Ausstellungen hört man immer wieder den Vorwurf, die Auswahl der Kunstwerke sei nicht gerecht gewesen. Aber: Kann Kunst überhaupt gerecht sein?

Ich finde diese Argumentation nach dem Muster „Ich fühle mich ungerecht behandelt“ schwierig. Aufmerksamkeit ist nun mal ein limitiertes Gut in unserer gegenwärtigen Gesellschaft und wenn ich nicht zum Zug komme, kann ich das zwar immer als ungerecht empfinden. Ich kann aber auch konstruktiv damit umgehen und versuchen, das Spiel um die Aufmerksamkeit virtuoser zu spielen. Auch meine ich, dass unterschiedenen werden muss zwischen dem Einzelfall und einem grundlegenden Problem: Nicht jede Ablehnung eines Werkes taugt dazu die grosse Gerechtigkeitsfrage zu stellen. Aber trotzdem bleibt die allgemeine Diagnose, dass es Ungerechtigkeit in der Kunst gibt, richtig.

Anders gefragt: Darf Gerechtigkeit ein Kriterium in der Beurteilung von Kunstwerken sein?

Die Kunst ist wie die meisten anderen gesellschaftlichen Felder auch kompetitiv angelegt. Und in dem Sinne kann es immer Leute geben, die sich ungerecht behandelt fühlen. Grundsätzlich müssen wir achtsam mit möglichen Ungerechtigkeiten umgehen: Sei es nun im Hinblick auf Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund oder People of Color. In diesem Kontext ist die Gesellschaft dazu verpflichtet Regeln zu definieren, die mehr Gerechtigkeit garantieren.

Wie könnte das aussehen?

Grundsätzlich finde ich, dass sich im Kunstfeld Qualität durchsetzen muss. Aber wenn wir auf die Kunstgeschichte gucken, sehen wir, dass gewisse Gruppen von Menschen in Ausstellungen oder anderen Formaten untervertreten sind. Und ich weiss, dass diese nicht-sichtbaren Künstlerinnen und Künstler nicht die schlechteren Künstlerinnen und Künstler sind. Deshalb halte ich Quoten zum Beispiel im Bereich der Frauenförderung für zentral. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass sich genau gleich viele gute Künstlerinnen finden liessen wie Künstler. Vielleicht müssen wir einfach ein bisschen besser gucken. Eine Quote kann das garantieren. Und das Argument, dass manch Ausstellungsmacher nennt, er finde leider keine guten Künstlerinnen zu diesem oder jenem Thema, ist Bullshit. Da muss man einfach besser suchen.

«Das ist Bullshit. Da muss man einfach besser suchen.»

Gioia Dal Molin, Beauftragte der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, zu dem Argument, dass man manchmal keine guten Künstlerinnen zu diesem oder jenem Thema findet 

Das Thema betrifft ja nicht nur Frauen. Auch ältere Künstlerinnen und Künstler beklagen sich gelegentlich, dass sie im Jugendwahn unserer Zeit vergessen oder übersehen werden.

Das sind Tendenzen, die gibt es im Kunstfeld, aber auch gesamtgesellschaftlich. Unsere Aufgabe in der Förderung sehe ich zum Beispiel darin, diese ausschliessenden Mechanismen zu erkennen und zu versuchen, ihnen etwas entgegen zu setzen. Viele Fördergefässe sind als Nachwuchsförderung konzipiert und richten sich dementsprechend an jüngere Künstlerinnen und Künstler. Ich denke aber, dass es nicht klug wäre, nur noch oder mehrheitlich Nachwuchsförderung zu machen. Auch ältere Kunstschaffende müssen in der Förderung berücksichtigt werden. Auf Bundesebene wurden die Altersgrenzen für die Swiss Art Awards bereits vor einigen Jahren aufgehoben, was zu einer wichtigen Diversität unter den ausgezeichneten Künstlerinnen und Künstlern führt. Bei der Kulturstiftung haben wir in keinem Bereich unserer Förderung Altersgrenzen.

Braucht man da also nicht nur eine, sondern mehrere Quoten? Eine für Frauen, eine für Ältere und eine für Menschen mit Migrationshintergrund. Hilft das der Kunst wirklich weiter?

Es gibt vielfältige Formen der Diskriminierung und die Kunst sollte, wie jedes andere System auch, allen Menschen zugänglich sein. Aus den Diskussionen zur Intersektionalität wissen wir, dass eine migrantische Frau mehr und anders benachteiligt ist als eine gut ausgebildete, weisse Frau. Als Frau mit einer feministischen Perspektive ist die Frauenquote für mich nun aber die wichtigste und dringendste Angelegenheit. Wir leben in einer Welt, in der etwa gleich viele Frauen wie Männer leben. Da sollten wir es doch mal hinbekommen, dass für alle die gleichen Möglichkeiten bestehen. 

Man könnte ja auch bei den Jurys ansetzen und diese vielfältiger besetzen.

Das finde ich auch zentral. Diversität in Jurys im Hinblick auf Alter und Geschlechter ist eigentlich die Grundvoraussetzung, das machen wir in allen Jurys so.

So ganz allgemein gefragt: Woran erkennt man gute Kunst?

Gute Kunst bewegt mich, irritiert mich, treibt mich um. Ich würde mir auch wünschen, dass die erfolgreichsten Künstler auch diejenigen mit den grössten Talenten sind, aber ich glaube das ist illusorisch. Das Netzwerk eines Künstlers, einer Künstlerin entscheidet heute massiv mit. Andererseits bin ich aber auch überzeugt, dass schlechte Künstlerinnen und Künstler wegen ihres Netzwerkes allein auch nicht erfolgreich werden.

«Jury-Prozesses sind dynamisch und spielen sich sehr im Kollektiv ab.»

Gioia Dal Molin  

Haben aber trotzdem diejenigen Künstlerinnen und Künstler bessere Erfolgschancen, die sich gut verkaufen können?

In der Tendenz wohl schon. In der Frage nach der Gerechtigkeit in der Kunst, in einem zusehends auch neoliberal strukturierten Feld, wo es um Aufmerksamkeit geht, könnte man sagen, es sind diejenigen am erfolgreichsten, die sich am besten verkaufen können. Oder diejenigen, die, besonders schicke Portfolios erstellen können. 

Das ist aber eine gefährliche Entwicklung, wenn die Verpackung wichtiger als der Inhalt wird.

Das höre ich auch immer mal wieder. Oft kommen da aber seltsame Argumente nach dem Motto „der geniale Künstler kann natürlich kein Portfolio machen, weil dies sich nicht mit seiner Genialität vereinbaren lässt“. Auffallend ist aber, dass insbesondere die jüngeren Künstlerinnen und Künstler inzwischen sehr geübt sind im Machen von Portfolios. Sie lernen das teilweise an den Kunsthochschulen und wissen, dass gute Ausstellungsansichten und eine aussagekräftige Homepage heute relevant sind. Die Künstlerinnen und Künstlern älterer Generationen tun sich damit vielleicht teilweise ein bisschen schwerer. Ich sperre mich aber gegen pauschal kulturpessimistische Aussagen. Die Dinge ändern sich einfach. Das heisst nicht automatisch, dass immer alles schlechter wird. Und was den Auswahlprozess betrifft:  Ich kann und will auch auf die KunsthisitorikerInnen, die KuratorInnen und die anderen Expertinnen und Experten vertrauen: Wir sind durchaus in der Lage, das künstlerische Potential zu erkennen, auch und gerade unter der Oberfläche von glänzenden Portfolios.

Der Ökonom und Kunstexperte Magnus Resch hat vorgeschlagen in der Kunst so genannte Blind Auditions einzuführen. Also die Auswahl der Werke zu anonymisieren. Er sieht darin eine Chance, mehr Gerechtigkeit in Jury-Prozesse zu bringen.

Ach, ich weiss nicht. In der Schweiz galt bei den nationalen Kunststipendien bis etwa in den 1960er Jahren das Prinzip der anonymen Eingaben. Danach wurde diese Vorgehensweise mit gutem Grund aufgegeben. Ich halte so was wie Blind Auditions für ziemlichen Quatsch. Letztlich ist es nur ein symbolischer Akt. Die Jury-Mitglieder kennen ja in der Regel die ‚Handschriften’ der Künstlerinnen und Künstler. Ob da nun ein Name im Dossier steht oder nicht, ändert nichts daran. Ich könnte beispielsweise bei der Werkschau bei vielen Eingaben inzwischen sagen, von wem sie stammen. Ich glaube, Blind Auditions würden eine Gerechtigkeit nur vorgaukeln. Und ich meine nicht, dass sie Auswahlprozesse demokratischer machen würden. Und im Hinblick auf Geschlechtergerechtigkeit würde es auch nichts bringen, weil man beispielsweise einem Gemälde ja wohl kaum ansieht, ob es von einem Mann oder einer Frau gefertigt wurde.

«Ich halte so was wie Blind Auditions in der Kunst für ziemlichen Quatsch.»

Gioia Dal Molin

Hinter solchen Vorschlägen liegt ja oft auch der Wunsch nach mehr Transparenz in Jury-Prozessen.

Vielleicht, ja. Für die Kulturstiftung kann ich sagen, dass wir eigentlich sehr offen sind. Wir kommunizieren die Zusammensetzung der Jury und wir klären über den Ablauf des Selektionsverfahrens auf. Anlässlich der Werkschau 2016 haben wir zudem alle eingegangenen Dossiers in den Räumlichkeiten der Stiftung zugänglich gemacht. Interessierte Besucherinnen und Besucher konnten so also auch die nicht selektionierten künstlerischen Positionen angucken und sich zur Auswahl der Jury eine eigene Meinung bilden.

Wie laufen solche Jurierungen denn üblicherweise ab? 

Jury-Prozesses sind dynamisch und spielen sich sehr im Kollektiv ab. Da wird diskutiert, sich widersprochen. Das sind immer auch Prozesse, die nicht vorhersehbar sind. Für die Werkschau kann ich zum Beispiel auch ganz klar sagen, dass wir jedem eingereichten Dossier unsere Aufmerksamkeit widmen. Es werden keine Portfolios einfach vorab ausgesiebt – wir nehmen jedes Dossier in die Hand. Zudem haben wir die Heterogenität der Jury nochmals erweitert: Neu wird neben VertreterInnen der Stiftung und der Ausstellungsorten mit einer Kuratorin aus Genf auch eine externe Expertin dabei sein, die eine klare Aussenperspektive mit sich bringt und wohl viele der sich bewerbenden Künstlerinnen und Künstler noch nicht kennt. Diese Erweiterung ist im Übrigen auch eine Reaktion auf die Rückmeldungen zu den letzten beiden Werkschauen.

Gibt es noch mehr Neuigkeiten bei der Werkschau Thurgau?

Das Wichtigste: Sie beginnt Ende Oktober! Wir feiern die Eröffnung am Samstag, 26. Oktober. Zudem haben wir für diese dritte Ausgabe die Zahl der Ausstellungsorte reduziert, wir konzentrieren uns auf die vier wichtigen professionell geführten und nicht kommerziell ausgerichteten Orte im Kanton: Kunsthalle Arbon, Kunstraum Kreuzlingen, Shed im Eisenwerk und das Kunstmuseum Thurgau. 

Weniger Ausstellungsorte beutetet auch, dass eine strengere Auswahl notwendig sein wird.

Ja, das ist so. Und so wird es wohl auch in diesem Jahr wieder Enttäuschte geben. Das lässt sich bei dieser Form der Ausstellung nicht vermeiden. Wir haben das so entschieden, weil wir bei der letzten Werkschau vor drei Jahren viele Rückmeldungen hatten, die sagten, dass es zu viel war, das Angebot war kaum zu bewältigen. Deshalb wollten wir es in diesem Jahr stärker fokussieren.

Bewerbungen für die Werkschau Thurgau (27.Oktober bis 17. November 2019) sind noch bis 28. Februar bei der Kulturstiftung möglich. Alle Infos dazu gibt es hier.

Weiterlesen: Eine Bestandsaufnahme zum Thema Geschlechtergerechtigkeit in der Kunst können Sie hier lesen: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/allein-unter-maennern--3802 

Das ist Gioia Dal Molin

Gioia Dal Molin (*1981) ist Kunstwissenschaftlerin und Historikerin. 2014 promovierte sie an der Universität Zürich mit einer Arbeit über die öffentliche und private Förderung der bildenden Kunst in der Schweiz zwischen 1950 und 1980. Seit Herbst 2015 ist sie als Beauftragte für die Kulturstiftung des Kantons Thurgau tätig. Daneben ist sie Kuratorin des Zürcher Ausstellungs- und Gesprächsformates Le Foyer und der BINZ39 und schreibt als freie Autorin über zeitgenössische Kunst. 

 


 
 

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