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Kipppunkte

Kipppunkte
«Manche Bilder kippe ich über ein Jahr hin und her.» Die Künstlerin Ute Klein in ihrer Ausstellung im Kunstverein Frauenfeld. | © Michael Lünstroth

Ute Klein zeigt im Kunstverein Frauenfeld einen Querschnitt aus ihrem langjährigen Schaffen. Ihr Werk ist ein Plädoyer dafür, aus Zufällen zu lernen. Es stellt auch die grosse Frage: Wie viel Kontrolle ist in der Kunst möglich? (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Als Kipppunkte bezeichnet man allgemein jene Momente, in denen sich eine Entwicklung verselbstständigt und nicht mehr aufzuhalten ist. In den vergangenen Jahren waren solche Kipppunkte vor allem in Bezug auf die Klimakrise definiert worden. Das Umkippen des Amazonas-Regenwaldes in eine Savennen-Region etwa, das Auftauen des Permafrostbodens oder auch das Schmelzen des grönländischen Festlandeises zählten dazu.

Klimawissenschaftler haben auf die Gefahr hingewiesen, dass die Kipp-Elemente wie Dominosteine agieren können: Ein Stein fällt und stösst den nächsten um. Schon der Fall einzelner Steine hat demnach weitreichende Auswirkungen.

Ein Tanz am Rande des Kontrollverlustes

Ein bisschen so ist das auch bei der Arbeit der in Amriswil lebenden Künstlerin Ute Klein. Sie kippt ihre Farben auf die Leinwand und bewegt das Bild dann so, dass ganz unterschiedliche Farverbläufe und -effekte entstehen. Eine Aktion verändert die nächste und immer so weiter. Kippgeschwindigkeit der Farbe, Kippwinkel der Leinwand und eine grosse Lust am Experimentieren beeinflussen das Ergebnis am Ende.

Wenn man so will, gleicht Ute Kleins Werk einem Tanz immer ganz nah an Kipppunkten vorbei. Kippwinkel der Farbe, Fliessgeschwindigkeit und Neigungsgrad der Leinwand: Die Künstlerin experimentiert, reizt aus, was geht, will dabei aber stets die grösstmögliche Kontrolle behalten. Ein Stück weit geht es da auch um die Beherrschung des Zufalls. Eine Verselbstständigung der Verläufe ist jedenfalls nicht vorgesehen. „Das Beliebige ist uninteressant, den Zufall als Naturmacht kennenzulernen und einzubeziehen zeitgemäss“, beschreibt Ute Klein ihre Arbeit.

 

Arbeiten von Ute Klein im Kunstverein Frauenfeld. Bild: Michael Lünstroth

Ein Querschnitt des Schaffens der vergangenen neun Jahre

Jetzt stellt die im vergangenen Jahr mit dem Amriswiler Kulturpreis ausgezeichnete Künstlerin im Kunstverein Frauenfeld aus. Unter dem Titel „uniting“ zeigt sie 61 verschiedene Arbeiten aus den vergangenen neun Jahren ihres Schaffens.

Der Titel ist mit Bedacht gewählt, schliesslich soll die Ausstellung die verschiedenen Strömungen von Kleins Werk zusammenbinden. „Mich hat es interessiert, auch ältere Arbeiten einzubeziehen, um einen grösseren Bogen über mein Werk schlagen zu können“, erklärt die Künstlerin beim Besuch in ihrer Ausstellung wenige Tage vor der Vernissage.

So kann man in der Frauenfelder Ausstellung nun auch nachvollziehen, wie sich Ute Klein diese Technik Stück für Stück angeeignet und perfektioniert hat. Dabei experimentierte sie mit verschiedenen Materialien, um die unterschiedlichen Auswirkungen testen zu können. Inzwischen weiss sie, wie sie mit welchen Farben in welcher Geschwindigkeit sie auf welchen Untergrund kippen muss, um bestimmte Effekte oder Farbverläufe zu erzielen.

 

„Es geht auch das Zusammenspiel von Zufall und Lenkung. Mich interessiert das sichtbare Arbeiten mit dem Zufall.“

Ute Klein, Künstlerin

Und trotzdem ist nicht immer alles komplett kalkulierbar. „Es geht auch das Zusammenspiel von Zufall und Lenkung. Mich interessiert das sichtbare Arbeiten mit dem Zufall. Mein malerisch gestaltender Umgang mit dem Zufall ist Vorbereitung und Auswahl, mein räumlich gestaltender Umgang mit dem Zufall Übertragung: beim gemalten Bild erkennt man, dass die Formen ‘nur’ gekippt wurden also zufällig entstanden, bei den Wandmalereien scheinen die Flecken direkt geflossen sind aber haarklein abgemalt“, erklärt die Künstlerin ihre Arbeit.

Ihr Grundinteresse gilt dabei immer dem Fliessen. Farbwahrnehmung, Übergänge und Wechselwirkungen stehen im Zentrum ihres Werkes. Die meisten ihrer Arbeiten sind abstrakt, es gibt aber auch Werke, die Landschaften abbilden. Oder besser gesagt: Formen, die die Betrachter:innen an konkrete Landschaften erinnern können.

Famos zum Beispiel in dem Werk „Grüner Berg“ (2016/19). Blaue, grüne, gelbe und petrolfarbene Farbflächen formen eine Landschaft, die ebenso ein Berg sein könnte, wie der Blick aus einer Höhle auf eine Schnee- und Eislandschaft bei Nacht oder eine Unterwasserwelt.

 

Grüner Berg im Ganzen und im Detail. In der Detailansicht erkennt man die Spuren, die die Farbpigmente auf der Leinwand hinterlassen. Bilder: Michael Lünstroth

Je länger man schaut, um so mehr Formen ergeben sich

Daneben gibt es aber auch abstrakte Farbverläufe, die topographischen Landschaftskarten ähneln. Und selbst bei den komplett abstrakten Arbeiten gilt: Je länger man sie betrachtet, um so eher erkennt man Formen oder glaubt sie zu erkennen. Aber vielleicht ist dies nur eine Bestätigung dessen, was Marcel Proust einst vermutete: Dass jeder Leser, wenn er liest, nur ein Leser seiner selbst ist, und somit Kunst ganz allgemein, immer vor allem eines ist - eine Reise zu sich selbst.

Die Künstlerin selbst ist auf ihrer Reise nie stehen geblieben. Sie hat ihren Stil weiter entwickelt und experimentierte mit anderen Techniken. Ihre lithografischen Arbeiten in der Ausstellung stehen stellvertretend für diese Lust am Ausprobieren.

Anders als bei der Malerei kann sie hier verschiedene Schichtungen im Druckprozess herausnehmen und daran weiter arbeiten. Im Kunstverein ist so eine grosse Wandinstallation entstanden, die einzelne Elemente aus einzelnen Arbeiten neu arrangiert und so in einen anderen, grösseren Kontext setzen.

 

Collage als Wandinstallation. Bild: Michael Lünstroth

Hommage an Helen Frankenthaler

Dass sie sich in ihrem Schaffen auch von anderen Künstler:innen inspirieren lässt, daraus macht Ute Klein keinen Hehl. Der amerikanischen Künstlerin Helen Frankenthaler widmet sie im Kunstverein Frauenfeld sogar eine eigene Hommage. „Natur und Landschaft waren elementare Inspirationsquellen in ihrem Werk, sie bildet die Natur jedoch nie direkt ab; es sind mehr atmosphärische Referenzen“, erklärte die Kunsthistorikerin Anabel Roque Rodriguez bei der Ausstellungseröffnung in Frauenfeld.

Frankenthaler, irgendwo zwischen Abstraktem Expressionismus der 1950er Jahre und Farbfeld-Malerei der 1960er Jahre angesiedelt, war offenbar eine grosse Identifikationsfigur für Ute Klein. „Ich fühle mich ihr sehr verbunden, sie kommt dem, was ich tue am allernächsten“, erklärt Klein diese persönliche Hommage.

Die Kunst darf für sich sprechen

So gelingt es der Ausstellung im Kunstverein, die verschiedenen Fixpunkte im Leben und Schaffen von Ute Klein auf einen Bogen zu spannen und dabei vor allem die Kunst für sich sprechen zu lassen. Sehenswert!

 

Ein Kunstwerk wie eine topographische Landkarte. Bild: Michael Lünstroth

 

 

Die Ausstellung und die Künstlerin Ute Klein

Die Ausstellung «uniting» ist noch bis zum 12. März im Kunstverein Frauenfeld zu sehen. Am Sonntag, 19. Februar, liest die Schriftstellerin Barbara Schibli aus ihrem Roman «Flechten» in der Ausstellung. Am Samstag, 25. Februar, zeigt Ute Klein ihre Wandmalereien im Kantonsspital Frauenfeld. Besammlung beim Haupteingang. Anmeldung: www.kunstverein-frauenfeld.ch

 

Die Künstlerin: Ute Klein, *1965, studierte an der Universität Bern und der Gestaltungsschule M+F Luzern, Artist in Residence im Künstlerschloss Plüschow (D), Fundaziun Nairs (CH), Cité des Arts Paris (F) und Melbourne (AUS). Ausstellungsbeteiligungen unter anderem im Museum Langmatt Baden (2016), im Kunstmuseum Thurgau (1999, 2001,2013, 2018, 2020), in Kassel (2002, 2009), im Kunstraum Vaduz (2011) und in der Kunsthalle Nairs in Scuol (2017); regelmässige Einzelausstellungen in den Galerien Adrian Bleisch (Arbon) und Sylva Denzler (Zürich) und davor in der Galerie Schönenberger (Kirchberg SG), mehrere Förderpreise und Kunst am Bau-Aufträge. Lebt und arbeitet in Amriswil.

 

 

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