von Michael Lünstroth, 18.12.2018

Künstler wider Willen

Künstler wider Willen
«Das übliche Kunstgeschwafel kann ich nicht leiden»: Peter Zahrt in einer seiner Ausstellungen in einem Vororts-Rathaus. | © Michael Lünstroth

Authentisch, schnörkellos und ein bisschen gefühlig: Peter Zahrt entspricht nicht unbedingt dem Prototyp des zeitgenössischen Künstlers. Zu sagen hat er trotzdem was. 

Das berühmte Manneken Pis aus Brüssel über einem Wasserfall. Caspar David Friedrichs „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ als Exhibitionistenporträt umgedeutet. Imposante Berglandschaften, saftig grüne Wiesen und davor ein Schild, das die Idylle zu radioaktivem Sperrgebiet erklärt. Ist das Kunst? Peter Zahrt zuckt mit dem Schultern, streicht über seinen grauen Bart uns sagt dann: „Ich male humorvolle Bilder. Ob das Kunst, Handwerk oder was auch immer ist, ist mir eigentlich egal. Über solche Schubladen denke ich nicht nach“, sagt der Mann von dem all die oben genannten Werke stammen. 75 Jahre alt ist er in diesem Jahr geworden. Der Leitspruch auf seiner Internetseite lautet: «Ich heisse Peter Zahrt und weiss immer noch nicht so recht wer ich bin. Aber ich bin ganz viele!» Das trifft auch auf sein Oeuvre zu, wenn man dann doch mal diesen Begriff verwenden möchte. Das ist umfangreich wie vielseitig: Landschaftsbilder, Porträts, Karikaturen und Illustrationen finden sich darin.

Peter Zahrt ist vielleicht der bekannteste unbekannte Künstler der Bodenseeregion. Regelmässig stellt er aus, seine Werke verkaufen sich ganz ordentlich, wie er sagt, die grosse Anerkennung der Fachwelt, des Feuilletons, ist ihm bislang aber verwehrt geblieben. Vielleicht auch, weil seine Arbeiten auf den ersten Blick wie hingeworfen wirken, weil sie leicht erschliessbar sind und sich nicht hinter turmhohen kunsttheoretischen Überbauten verstecken. Dieser ganze Kunst-Zirkus ist Peter Zahrt auch herzlich egal: „Ich kann mich sehr gut über Kunst oder Malerei unterhalten, aber dieses übliche Kunstgeschwafel kann ich nicht leiden“, sagt Zahrt im Gespräch mit thurgaukultur.ch Letztlich seien seien Arbeiten auch nur Bilder an der Wand.

Nein, man kann nicht sagen, dass Peter Zahrt zu Selbstüberhöhung neigt.

Bilderstrecke: Einblicke in das Zahrt'sche Universum

Das Gespür für die Pointe hat er aus der Werbung

Zahrt stammt aus Frankfurt am Main, lebt seit 1974 am Bodensee, zwischen 1992 und 2006 hatte er sich in Steckborn im Thurgau angesiedelt. Seine Karriere begann in der Werbung, dort hat er bisweilen preisgekrönte Kampagnen kreiert und nebenher immer auch ein bisschen Karikatur, Illustration und Malerei gemacht. Aus der Werbung stammt sein Gespür für schnelle Pointen und auf den Punkt gebrachte Botschaften. Das prägt bis heute seine Arbeiten. Aktuell konzentriert er sich auf die Karikaturen. Zahrt selbst nennt sie „Zahrtoons“ in Anlehnung an den englischen Begriff Cartoon. Satirisch, ironisch, manchmal auch derb äussert er sich darin zum Zustand der Welt. Lieblingsobjekt derzeit: Donald Trump. Dem US-amerikanischen Präsidenten hat er schon etliche Werke gewidmet. So viel kann man sagen: Es sind allesamt keine Lobpreisungen geworden. 

Besondere Beziehung: Maler Peter Zahrt und sein Objekt Donald Trump.
Besondere Beziehung: Maler Peter Zahrt und sein Objekt Donald Trump. Bild: Michael Lünstroth

 

Wer Bilder von Peter Zahrt anschaut, der weiss immer genau wo der Schöpfer der Werkes politisch steht. Zahrt macht keinen Hehl aus seiner Haltung. Er ist gegen Nationalismus, gegen jede Form von Extremismus und gegen politische Hetzer. Sein Blick auf die Gegenwart ist die des kritisch-distanzierten Ironikers. Er kann auch Florett, aber seine meist benutzte Waffe ist doch eher der gröbere Degen. „Plakativ ist es bei mir immer“, sagt Zahrt, „ich will nicht, dass die Leute vor den Arbeiten stehen und rumrätseln müssen, was ich damit gemeint haben könnte“, beschreibt der Künstler selbst seine Herangehensweise. Mit dieser Haltung ist Peter Zahrt in der zur Rätselhaftigkeit neigenden zeitgenössischen Kunst eine eher seltene Spezies. Man kann das als Eindimensionalität deuten, was in der Kunstwelt bislang auch weitgehend so getan wird. Das ist auch der Grund, weshalb Zahrt eher in Vororts-Rathäusern, Volkshochschulen und bei kleineren Kunsthandwerksmessen ausstellt und nicht in renommierten Galerien oder Museen. 

Das Wichtigste für ihn? Die direkte Reaktion des Betrachters

Eigentlich ist das schade, denn man würde einigen Zahrtschen Arbeiten mal ein professionelles Ausstellungsumfeld und eine entsprechende Würdigung wünschen. Sie haben etwas, was anderen zeitgenössischen Künstlern heute oft fehlt - eine unmittelbare Wirkung auf den Betrachter. Von lautem Lachen bis entrüstetem Abwenden ist da alles drin. Peter Zahrt hat das gesamte Spektrum schon erlebt und das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ihn die Zurückhaltung des Feuilletons nicht so schmerzt. Die Reaktion des Publikums ist ihm ohnehin wichtiger. „Ich habe so viele verschiedene Sachen in meinem Leben gemacht, ich muss mich da weder verstecken noch entschuldigen“, sagt der 75-Jährige, der heute in Orsingen-Nenzingen lebt. Mit der Bezeichnung „Künstler“ für das, was er tut, hat er sich inzwischen angefreundet. Noch viel lieber wäre ihm aber etwas anderes: „Wenn die Leute sagen, das sind die schrägen Bilder von diesem ulkigen Typen“, dann freue ich mich fast noch mehr“, so Zahrt.

Termin: Im März 2019 stellt Peter Zahrt auch in der Z-art Galerie und Atelier Frauenfeld (Grabenstrasse 26) aus.

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