von Andrin Uetz, 03.06.2019

Jetzt hier im Nirgendwo

Jetzt hier im Nirgendwo
Ungewöhnlicher Anblick: Das Künstler-Duo Barbezat-Villetard hat die Kunsthalle Arbon in orangefarbenes Licht gebadet. | © Barbezat-Villetard

Nicht furchterregend, aber doch ein bisschen gespenstisch: Die Installation «Erehwon» des französischen Künstler-Duos Barbezat-Villetard in der Kunsthalle Arbon.

Wer die Kunsthalle Arbon schon einmal besucht hat, mag sich vielleicht an den Eingang bei der Fischergasse erinnern. Etwas versteckt bietet ein Garagentor unter einem halbrunden Vordach an einzutreten. Den meisten Besuchenden mag dieser Eintritt aber nicht aufgrund des Tores in Erinnerung geblieben sein, sondern durch die sich dahinter befindenden Ausstellungen, Skulpturen, Installationen. 

Wer sich die kommenden Wochen unter diesem Halbrund hindurch in die Kunsthalle begibt, sieht zuerst einmal eine leere Halle. “Da ist ja nichts!”, denkt man, dreht sich, die Augen gewöhnen sich nur langsam an die Dunkelheit. Der Raum ist gebadet in ein oranges Licht, und jetzt erst bemerkt man, wie das halbrunde Vordach des Eingangs, durch den man in den Raum gekommen ist, als hellblaue Spiegelung dazu einlädt, aus der Halle wieder ins Freie auszutreten. Oder ist es in diesem Fall also auch ein Eintreten, und das Freie plötzlich ein ganz anderer Raum in den man eben nicht aus- sondern eintritt? 

Ein Eingang, der auch Ausgang ist: Das Künstler-Duo Barbezat-Villetard verrückt im wortwörtlichen Sinne unsere Wahrnehmungsebenen. Bild: Andrin Uetz

Hereinspaziert ins Ausserhalb

Soweit denken wir noch nicht. Stattdessen begeben wir uns in die Kunsthalle hinein, vielleicht hat es noch andere Gäste, die sich ebenso verwundert und neugierig wie wir in der Weite dieses Platzes bewegen. Irgendwie wirkt alles etwas anders als gewohnt, durch das orange Licht ist schwer zu beurteilen, was für eine Tageszeit gerade ist. Auch die Gesichtsausdrücke der Besuchenden sind kaum zu lesen, die Proportionen von Boden, Säulen, und Metallbalken des Dachs wirken leicht verschoben, fast schon wie in einem Videospiel, alles etwas unwirklich, surreal. Es ist warm in der Halle, durch die Hitze knackt das Gebälk, plötzlich wird Wasserdampf von Oben auf die Besuchenden gesprüht. Wie in einem Gewächshaus, aber irgendwie unheimlich. Ist noch Tag oder plötzlich Nacht? 

In einem anderen Licht

So oder ähnlich könnte es einem beim Besuch der Ausstellung Erehwon des Künstlerduos Barbezat-Villetard ergehen. Die Installation von Camille Villetard (*1987, Paris) und Matthieu Barbezat (*1981, Nyon) besticht durch die Wirksamkeit auf die Besuchenden. Mit drei subtilen Eingriffen wird die Kunsthalle ein klein wenig verrückt, wobei das wortwörtlich und nicht unbedingt psychologisch zu verstehen ist.

Erstens sind die Fenster mit orangefarbenen Filtern verdunkelt. Zweitens wird gelegentlich von den Decken Wasserdampf gesprüht. Drittens ist der Eingang als transparenter Kunststoffabzug gespiegelt. Diese Spiegelung des Eingangs, der gleichzeitig Ausgang ist, aber eben auch Eingang nach Draussen, oder Ausgang in diese dezidiert andere Kunsthalle wirkt wie ein kleiner Denkanstoss, dem eine kleine Einsicht folgen könnte, welcher alles ein klein wenig verändert. Plötzlich sieht man alles in einem anderen Licht. Das kann erhellend sein, aber auch erschrecken. Wohl ist es nicht ganz so furchterregend wie die Parallelwelt des upside down in der Netflix-Serie Stranger Things, aber doch ein bisschen gespenstisch. 

Die Installation «Erehwon» des Künstler-Duos Barbezat-Villetard in der Kunsthalle Arbon. Bild: Andrin Uetz

Erehwie? 

Bei der Einführung verweist die Kuratorin Deborah Keller auf die skulpturale Qualität der Spiegelung des Eingangs, welche fast so wirkt, als hätte sich die Kunsthalle einer Schlange  gleich gehäutet. Im Gespräch schwärmen Camille Villetard und Matthieu Barbezat davon, wie die Kunsthalle lebt, und wie das Knacken der Balken durch die Erwärmung im Sonnenlicht für die Lebendigkeit der Halle spricht, welche sie mit dem Wasserdampf noch verstärken wollten. Eine biomorphistische Installation? Eine Reanimierung der Architektur? Irgendwie trifft beides zu bei Erehwon. Eine letzte Frage bleibt: Was heisst das eigentlich? 

Erst beim Verlassen der Halle fällt auf, wie das komplementierende Orange das Hellblau des Himmels intensiviert. Ist dies jetzt ein Eingang oder ein Ausgang oder beides zusammen? Genau dann wird die Kunsthalle Arbon zu Erehwon, zu nowhere und zu now here in einem Moment scheinbarer Zeitlosigkeit.

HTML Comment Box is loading comments...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kritik
  • Bildende Kunst

Werbung

Ähnliche Beiträge

Kunst

Von Kieselsteinen und Menschen

Der Künstler Daniel V. Keller schafft mit seinem Beitrag zur «Facetten»-Reihe der Kulturstiftung ein störrisches Werk. Aber: Wer einmal den Zugang gefunden hat, entdeckt neue Horizonte. mehr

Kunst

Fatale Nachrichten aus dem Kunstraum

In der Ausstellung zum diesjährigen Adolf Dietrich-Förderpreises setzt sich Pablo Walser humorvoll mit den Katastrophen der Wirklichkeit auseinander. mehr

Kunst

Sie sind wieder da

Ende Mai haben sie ihre Galerieräume in Eschlikon geschlossen, jetzt kehren Werner Widmer und Jordanis Theodoridis mit einem neuen Ausstellungsprojekt zurück in den Thurgau. Nach Eschlikon. mehr