von Brigitte Elsner-Heller, 24.03.2020

Hoffnung auf den Sommer

Hoffnung auf den Sommer
„Die Geschichte von Gramsci zu erzählen geht nur, wenn man ein verrücktes Team hat“, so Christoph Nix. Von links: Nicola Bremer, Franziska Bolli, Elisa Elwert, Rudolf Hartmann, Christoph Nix und Andreas Mayer. | © Brigitte Elsner-Heller

So Corona will: Das Theater Konstanz will bei den sommerlichen Münsterfestspielen Ende Juli eine Oper über Leben und Wirken des italienischen Sozialisten und späteren Kommunisten Antonio Gramsci uraufführen. Mit dabei sardische Musiker und ein vierköpfiger Männerchor aus Sardinien.

„Reisende ohne Gepäck“: Christoph Nix startete 2006 als Intendant des Theater Konstanz mit diesem Motto, das Überlegungen zum Woher und Wohin des Theaters gleich mit transportierte. Nun verabschiedet er sich 14 Jahre später, und es hat sich längst herausgestellt, dass er schon damals nicht eben wenig Gepäck mit sich führte. Offenbar ganz unten im Koffer die Projekte, die nie realisiert werden konnten.

Bereits bei der Vorstellung des Spielplans 2019/2020, des letzten, den er verantwortet, merkte Nix an, dass es ihm ein Anliegen sei, das eine oder andere davon noch umzusetzen. Mit Brecht hatte er eingesetzt und sich damit zum politischen Theater bekannt, und quasi natürlich verabschiedet sich der Mann, für den Kultur die Pflicht zur Einmischung hat, mit mindestens sozialkritischen Stoffen. Revolten, Revolutionen, Sozialismus, Kommunismus und Faschismus: Auf unterschiedlichen Ebenen werden die grossen politischen Ideen bis zum Sommer noch einmal verhandelt.

Antonio Gramsci: Leben und politische Theorie

Auf den Spuren Antonio Gramscis (1891-1937), des italienischen Sozialisten und späteren Kommunisten, pilgert Nix in Ergänzung des Spielplans auf den Münsterplatz, wo er das sommerliche Open Air etablierte. Zusätzlich zur Produktion über Hermann den Krummen wird also am 29. Juli 2020 bei den Münsterfestspielen die Uraufführung einer zeitgenössischen Oper über Gramsci zu erleben sein. Zumindest dann, wenn die Corona-Epidemie bis dahin so weit eingedämmt ist, dass Freilufttheater mit hunderten Zuschauern wieder erlaubt ist

1926 liess Mussolini den einstigen linken Weggefährten verhaften. Im Gefängnis verfasste Gramsci daraufhin seine berühmten „Gefängnishefte“, die ihm einen bleibenden Platz in der politischen Theorie sicherten. Schwer gesundheitlich angeschlagen, überlebte er die mehrjährige Haft nicht lange. Sechs Tage, nachdem er offiziell seine volle Freiheit zurück erhalten hatte, starb der Schwerkranke an einer Hirnblutung. Seinen zweiten Sohn mit Julca Schucht, die er in Moskau lieben gelernt hatte, hat er nicht kennengelernt.

„Man muss sie befreien, die aufständischen Leute!“

Christoph Nix, Intendant (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Das Theater Konstanz bringt die Oper über den Sozialisten, der zum Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens (PGI) wurde, als Kooperation mit dem Konservatorium für Musik Luigi Canepa (Sasari, Sardinien) auf die Bühne. „Die Geschichte von Gramsci zu erzählen geht nur, wenn man ein verrücktes Team hat“, sagt Christoph Nix bei der Vorstellung des Projekts. Auch wenn es jetzt vergleichsweise schnell den Weg ins Theater gefunden hat, ist die Vorgeschichte länger.

So hat der verstorbene Theaterkritiker Hans-Klaus Jungheinrich das Libretto geschrieben, Cord Meijering die Musik dazu in gemässigter Moderne komponiert. Christoph Nix überarbeitete das Libretto, während Regisseur Nicola Bremer eine Übersetzung ins Italienische vornahm. Als Reminiszenz an die sardische Heimat Antonio Gramscis wurden traditionelle Weisen Sardiniens in die Musik integriert. „Es ist aber keine sardische Volksoper geworden“, wirft Rudolf Hartmann beim Pressetermin ein.

Er ist zwar an der Produktion nicht selbst beteiligt, als Musikalischer Leiter des Theater Konstanz greift er jedoch am Akkordeon in die Tasten, um einen ersten Eindruck zu vermitteln. Sardische Musiker werden dann im Sommer die Oper zum klingen bringen, dazu kommt mit den „Tenores di Bitti“ ein vierköpfiger Männerchor, der auch durch Obertongesang besondere Klangteppiche webt. Sieben Solisten sind mit den tragenden Partien betraut, es soll wohl nur zwei Aufführungen geben.

Antonio Gramsci schrieb in seiner Gefängniszelle über politische Theorie und das Leben. Das ist Ausgangspunkt der Oper. Andreas Mayer hat dies in seinem Bühnenbild aufgegriffen. Bild: Brigitte Elsner-Heller

Aus dem Gefängnis in die Welt

Die Oper nimmt Antonio Gramscis Aufenthalt im Gefängnis als Ausgangssituation. Von dort aus erinnert er sich an sein Leben, dort tauchen die Menschen auf, die für ihn eine Rolle gespielt haben, aber dort hat er sich auch mit seinen „Geistern“ auseinanderzusetzen. „Er hat von seiner Zelle aus die Welt verändern können. Das ist immer noch relevant“, sagt Nix dazu in seiner vertrauten Mischung aus Begeisterungsfähigkeit und Furor.

Und dann kommt noch so ein Satz, der gewiss immer im Koffer dabei war all die Jahre: „Man muss sie befreien, die aufständischen Leute!“ Wo den meisten eine funktionierende Demokratie mit sozialer Zielsetzung schon höchstes und schönstes Ziel wäre.

Noch einmal und mehr: Brecht

Zum Finale dann tatsächlich auch noch kurzentschlossen vom 17. bis 24. Juli 2020 ein kleines Brechtfestival. Schauspieler und auch frühere Schauspieler, die am Theater Konstanz engagiert waren, werden diesen Abend gestalten. „Fragment Fatzer“ gibt es in der Regie von Lorenz Leander Haass, Neil LaBute nimmt sich „Die Bibel“ vor, und Daniel Morgenroth „Der Abschied“. Und am 2. August folgt die offizielle Abschiedsfeier. Vermutlich ohne konkrete Regieanweisung.

Rudolf Hartmann, Musikalischer Leiter des Theater Konstanz, gab einen Eindruck von der Musik, die der gemässigten Moderne zuzurechnen ist, dabei aber auch Elemente sardischer Folksmusik aufgreift. Bild: Brigitte Elsner-Heller

 

 

 

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