von Michael Lünstroth, 03.10.2019

Schrei nach Liebe

Schrei nach Liebe
«Ich bin sehr glücklich darüber.» Die aus dem Thurgau stammende Autorin Tabea Steiner über ihre Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2019. | © Markus Forte

Tabea Steiner ist in einem sehr kleinen Dorf im Thurgau aufgewachsen. Die Autorin weiss, wie es sich anfühlt, ausgeschlossen zu werden. Mit ihrem Debütroman „Balg“ ist sie jetzt für den Schweizer Buchpreis nominiert. Ein Porträt.

Lügen und kandierte Früchte. Was klingt wie eine ziemlich trashige Seifenoper ist in Wahrheit die Antwort auf eine ganz einfache Frage: Was verabscheuen Sie? Stellt man der Autorin Tabea Steiner exakt diese Frage, dann antwortet sie genau das: „Lügen und kandierte Früchte.“ So geschehen im Februar 2012 in der Berner Tageszeitung „Der Bund“. Die Kombination ergibt Sinn: Beides wirkt im ersten Augenblick verheissungsvoll, um dann meist doch ziemlich ungeniessbar zu enden. 

Genau genommen sagt das aber auch ein bisschen was über die literarische Arbeit von Tabea Steiner aus. Ihr Debütroman „Balg“ handelt nämlich genau davon - von Lügen, Fassaden und dem was übrig bleibt, wenn man den süsslichen Schleier lüftet. Die Jury des Schweizer Buchpreises fand das so überzeugend, dass Steiner für den diesjährigen Buchpreis nominiert wurde: „Der Traum vom Familienidyll auf dem Land erweist sich in Tabea Steiners Debütroman «Balg» als trügerisch. Der Alltag mit Kind ist für Antonia und Chris anstrengender als erwartet, zur Isolation und Überforderung gesellt sich eine zunehmende Entfremdung. Diese Entwicklung zeichnet Tabea Steiner in einer einfachen, lakonischen Sprache mit glasklaren Bildern nach“, loben die Juroren in einer Medienmitteilung zum Buchpreis. 

Die Konkurrenz beim Buchpreis ist gross in diesem Jahr

Die Konkurrenz ist freilich gross in diesem Jahr. Sibylle Berg und ihr dystopisches „GRM“ gelten als Favoritin. Trotzdem freut sich die im Thurgau aufgewachsene Schriftstellerin erstmal über die Nominierung: „Ich bin sehr glücklich darüber“, sagt die 38-Jährige kurz nach der Bekanntgabe gegenüber thurgaukultur.ch Kein Wunder - mit einem Debüt gleich für so einen grossen Preis nominiert zu werden, das schaffen nicht viele. Die Entscheidung, wer den Buchpreis 2019 bekommt, fällt am 10. November im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel. 

Wir treffen Tabea Steiner das erste Mal in Frauenfeld an einem sonnigen Dienstag im Juni dieses Jahres. Vom Buchpreis ist da noch längst nicht die Rede. Es geht viel mehr um ihren Weg in die Literatur, ihr Selbstverständnis als Autorin, was seit der Vergabe eines kantonalen Förderbeitrags an sie 2017 passiert ist und wie sie mit dem Druck vor dem zweiten Roman umgeht. „Nach dem Debüt fühlt es sich jetzt an als wäre die Unschuld weg. Am Anfang hat niemand etwas erwartet von mir und jetzt ist es doch ein bisschen anders. Ich spüre da schon einen gewissen Druck. Das zweite Buch ist für alle Autoren immer ein grosses Thema“, sagt sie. 

„Ich spüre da schon einen gewissen Druck.“

Tabea Steiner, Autorin, zu den Erwartungen an ihren zweiten Roman (Bild: Markus Forte)

Wer ein paar Texte von Tabea Steiner gelesen hat, der weiss, dass sie sich vor allem für ein Thema interessiert: Die Dynamiken in einer Gesellschaft. Wie schliesst man über das Nichtreden bestimmte Dinge oder auch Leute aus von der Gesellschaft? Wie entscheidet sich, ob jemand zu einer Gruppe gehört, oder nicht? „Ich bin selbst in einem sehr religiösen Umfeld aufgewachsen, in dem diese Mechanismen prägend waren. Wahrscheinlich interessiert mich das deswegen alles heute noch so“, erklärt die Schriftstellerin. 

Tatsächlich muss man sich die Kindheit von Tabea Steiner beschaulich vorstellen. Und eng. Aufgewachsen ist die Autorin im 300-Seelen-Nest Altishausen im Thurgau oberhalb des Bodensees. Als wäre das nicht schon beengend genug gewesen, war ihre Familie auch noch Mitglied einer Freikirche, die nahezu alles verbot, was Kindern Spass macht: Fernsehen, Kino, Radio, Zirkus. Nur die Bücher bleiben der kleinen Tabea und so wird die Literatur früh zu einer wichtigen Weggefährtin in ihrem Leben. Sie liest viel, fängt an erste Texte zu schreiben. Nach dem Semi in Kreuzlingen, zügelt sie erst nach Winterthur, später dann zum Studium (Germanistik und alte Geschichte) nach Bern. Sie wird Primarschullehrerin und verdient ihr Geld mit Vertretungen. Heute lebt die 38-Jährige in Zürich. Für die Primarschule hat sie allerdings kaum noch Zeit.

„Für mich war es wichtig zu merken, es gibt Leute, die finden, okay, das ist so gut, du solltest weiter schreiben.“

Tabea Steiner, Autorin 

Steiners Weg in die professionelle Literaturwelt führt während des Studiums erstmal über die Literaturvermittlung. Sie begründet 2004 das Thuner Literaturfestival «Literaare», seit 2013 organisiert sie auch das Berner Lesefest „Aprillen“ mit. Drei Jahre später wird sie zudem Mitglied der Jury um die Schweizer Literaturpreise des Bundesamt für Kultur.

Steiner gilt als bestens vernetzt in der Literaturszene. Das erleichtert ihre Programmarbeit für Festivals manchmal, hat ihr aber auch schon den eher hinterhältigen Vorwurf eingebracht, sie werde in erster Linie wegen ihrer Kontakte auf Festivals eingeladen und nicht wegen der Qualität ihrer Arbeit. Die Missgunst im Literaturbetrieb ist offenbar gross. Was derlei Kritik mit einer jungen Autorin macht? „Natürlich hat mich das getroffen, und es brauchte eine gewisse Zeit, bis ich einen Umgang damit gefunden hatte“, gibt Steiner zu. 

Eine Autorenwerkstatt in Berlin wird zum Wendepunkt

Dabei tritt sie selbst als Autorin erst nach und nach in Erscheinung. 2011 nimmt sie an einer Schreibwerkstatt des Literarischen Colloquium Berlin (LCB)  teil. Für Tabea Steiner wird das zum Wendepunkt: „Für mein Selbstverständnis als Schriftstellerin war es wichtig zu merken: Es gelingt einen längeren Prosatext zu schreiben und es gibt Leute, die finden, okay, das ist so gut, du solltest weiter schreiben“, erinnert sich Steiner im Gespräch mit thurgaukultur.ch.

2014 geht sie mit einem Atelierstipendium für drei Monate nach Genua. Dort entstehen auch die ersten Seiten ihres Debütromans „Balg“. Dabei läuft es am Anfang eher mässig. „Der Text ist nicht so gewachsen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich musste mich erst daran gewöhnen, plötzlich so viel Zeit für diese eine Sache zu haben“, erklärt Steiner. Viel von dem, was heute den Roman ausmacht, habe es damals noch nicht gegeben. Es sei nur klar gewesen, dass sie irgendwas über eine Dorfgemeinschaft und die darin herrschenden Dynamiken schreiben wollte. 

Salomé Meier in SRF 2 Kultur über «Balg»

Ihr Debüt „Balg“ ist für Eltern manchmal schwer zu ertragen

Ob das auch eine Verarbeitung ihrer eigenen Kindheit ist? „Natürlich sind meine Erfahrungen in die Geschichte eingeflossen, aber es ist trotzdem kein autobiografischer Roman, es ist nicht meine Geschichte, die da erzählt wird und auch nicht die des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin“, betont Steiner. Letztlich ist „Balg“ auch nicht nur das Sittengemälde eines Dorflebens, sondern vor allem ein Dokument, wie dramatisch Eltern in der Erziehung ihrer Kinder scheitern können. Mit nüchternem Blick beschreibt Tabea Steiner bisweilen grausame Szenen. Wer selbst Kinder hat, wird einige Passagen nur mit grossem Bauchgrimmen ertragen können. Die „NZZ am Sonntag“ attestierte Tabea Steiner dafür einen „unerschrockenen Blick auf die soziale Realität und Kindern und Jugendlichen“.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Timon. Ein Junge, der auf die Vernachlässigung durch seine Eltern auch schon mal mit Aggression reagiert. Kein einfaches Kind, aber letztlich auch nur ein Junge, der gesehen werden will. Wie so oft im Leben und der Literatur ist auch diese Rebellion vor allem ein Schrei nach Liebe. Aber seine Eltern Antonia und Chris verkorksen es dermassen, dass einen dieses elterliche Versagen beim Lesen wütend machen muss. Das liegt natürlich auch daran, dass die Sympathien der Autorin klar verteilt sind. Selbst wenn Timon einen Igel zerquetscht, leidet man auf eine halb-abgestossene, halb-mitfühlende Weise mit dem Jungen. Rebellische Kinder seien ihr eben sympathisch, hat die Autorin der Aargauer Zeitung mal gesagt. Auch ein Resultat ihrer eigenen Kindheit: Als Mädchen nervte es sie, das sie Kleidervorschriften bekam und die Jungs nicht. 

«Ich bin gelassen»: Tabea Steiner über die Arbeit an ihrem neuen Roman. Bild: Dirk Skiba

Sie kämpft auch für Geschlechtergerechtigkeit im Literaturbetrieb

Diesen Kampf um Gleichberechtigung führt Tabea Steiner übrigens bis heute. Mit sechs Kolleginnen wie Gianna Molinari oder Julia Weber hat sie vergangenes Jahr den feministischen Autorinnenverein „RAUF“ gegründet. In ihren Aktionen machten sie auf Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern im Literaturbetrieb aufmerksam. Zum Beispiel mit Artikeln über alte Meisterinnen wie Else Lasker-Schüler. „Weil viel häufiger Jubiläen von Schriftstellern gefeiert werden“, sagt Steiner. 

Wenn sie gerade nicht kulturpolitisch aktiv ist, ein Literaturfestival organisiert oder in einer Preisjury sitzt, arbeitet Tabea Steiner an ihrem zweiten Roman. Was ihr dabei wichtig sei, «ist eine Sprache zu finden, die zu dem Thema passt.» Ansonsten will sie noch nicht viel darüber verraten, es werde aber wieder um gesellschaftliche Tabus und Grenzüberschreitungen gehen, so die Autorin. Im Herbst ist sie erneut zu einem Atelierstipendium des LCB an den Wannsee nach Berlin eingeladen. Dort soll bis Ende Jahr eine erste Fassung des Romans entstehen. Mit einem möglichen Erscheinungstermin macht sich Tabea Steiner keinen Druck: „Ich habe fünf Jahre an dem ersten Buch geschafft, hab gesehen wie viel Zeit es braucht. Deshalb spielt es jetzt nicht so eine Rolle, wie lange es dauert, ich bin da einigermassen gelassen.“

Termin: Am Donnerstag, 24. Oktober, liest Tabea Steiner aus „Balg“ im Bodmanhaus in Gottlieben. Beginn ist um 20 Uhr. Einen Tag später, am Freitag, 25. Oktober, liest Tabea Steiner mit allen anderen Nominierten des Schweizer Buchpreises im Literaturhaus Zürich. Die öffentliche Preisverleihung des Schweizer Buchpreises findet am Sonntag, 10. November um 11 Uhr im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel im Theater Basel statt. 

 

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