von János Stefan Buchwardt, 05.06.2018

Wanderer zwischen den Welten

Wanderer zwischen den Welten
Vincent Scarth: «Die Förderung bedeutet mir extrem viel. Es ist das erste Mal, dass ich eine solche Form der Anerkennung bekomme. Das bestätigt mich in meiner Arbeit und ermutigt mich, so weiterzumachen. Der Preis kommt genau im richtigen Moment. Für vielleicht ein ganzes Jahr kann ich mich nun nur der Kunst widmen und weiterkommen.» | © Marta Gonzales

Vincent Scarth gehört zu den sechs Kulturschaffenden, die das diesjährige Förderpreisgeld des Kantons Thurgau erhalten haben. Im Rahmen unserer Personenporträts wollen wir dem Künstler und Privatmann genauer auf den Zahn fühlen.

Von unumstösslichen Prämissen fühlt sich Vincent Scarth nur wenig geleitet. Was seine Malerei angeht, lässt er sich jedoch zu einem Prinzip hinreissen: «Malen ist Denken.» Kunst führe stets zu Erkenntnissen. Eine davon: Sie selber sei ständiges Aufspüren, andauerndes Experimentieren. «Suchend stosse ich auf immer neue Fragen und praktisch nie auf eindeutige Antworten.» Das zu realisieren und zu akzeptieren, so Scarth, habe ihm viel gebracht. Nicht riesige Themen, sondern ganz kleine Dinge gäben extrem viel her. Etwa die Auseinandersetzung mit Fledermäusen oder das Fokussieren auf Raubkatzen.

Mit 20 Jahren geht Scarth studienhalber nach Zürich. Die Stadt wird Lebensmittelpunkt, ist es immer noch: «Ich wohne in einer kleinen Jugendwohnnetz-Wohnung im Kreis 4 mit drei anderen Thurgauer/innen.» Er kennt sie von früher. Sein Atelier befindet sich in einem alten Klassenzimmer im Schulhaus Hard am Fusse der Hardbrücke. 1992 in St. Gallen geboren, in Steinebrunn aufgewachsen. Matura, Gestalterischer Vorkurs, Bachelor-Studiengang. Master in «Art Education», Vertiefung «Kunstpädagogik», Kanti-Lehrer für das Fach Bildnerisches Gestalten. Und parallel zum Studium reift sein künstlerisches Schaffen.

«Tigerversammlung» von V. Scarth und Lorenz Boskovic – Originalton Scarth: «Es wäre mein Traum, dass Leute zu mir kommen und sagen würden: ‹Hey Vince, kannst du mir das und das malen?› Und ich würde das dann malen und sie würden es abkaufen. Oder Sie fragen mich, ob ich irgendwas an eine Wand malen könnte. So würde die Praxis meiner künstlerischen Arbeit im Dialog mit den Leuten, also in einer gewissen Zusammenarbeit geschehen.» Foto: V. Scarth

Der tigerigste Tiger
 

Mit seinem Künstlerkollegen Lorenz Boskovic machte er vor nicht allzu langer Zeit eine tiefgreifende Erfahrung. Auf einem Bild haben die beiden Männer unzählige Tiger gemalt (siehe oben). Es ist darum gegangen, welches das «tigerigste» Tier sei. Einige entsprächen der üblichen Vorstellung, andere seien trotzdem Tiger, obwohl mit rotem Kopf versehen oder durchsichtig wie Glas. Erkenntnis: «Unsere Welt orientiere sich an konstruierten Normen. Kunst ist das Spiel des Aufbrechens und damit des Hinterfragens.» Um Leben lebendig zu gestalten, müssten Einengendes und verinnerlichte Konstrukte des Alltags aufgemischt werden.

Themen also dürfen uns tigergleich anspringen. Kunst könne zu vielem animieren, sie sei Erörterung und Unterhaltung. Scarth: «Wo gute Fragen aufgeworfen werden, da ist es am interessantesten. Der Dialog ist der Schlüssel dazu, die Umwelt direkt zu betrachten.» Den Aufruf zum Denken hat er verinnerlicht. Unvermittelt spricht er davon, dass Älterwerden sich anfühlt, als würde man jünger werden: «Ich bin heute unreifer als vor einigen Jahren.» Nachsinnen verjüngt? Er liebt den poetischen, magischen Blick auf die Dinge. Mit Pragmatik hat er nicht viel am Hut. Er rede gern, beschreibt sich selbst als «ziemliche Plaudertasche».

V. Scarth: «In meinen Bildern – hier ‹Fischverkäufer› von Lorenz Boskovic und mir – gibt es oft nichts Eindeutiges zu verstehen, vielmehr möchte ich den/die BetrachterIn dazu auffordern, zu spekulieren, was das soll. Momentan erkunde ich die Schnittstelle zwischen Illustration und bildender Kunst, indem ich versuche mit den Bildern Geschichten zu erzählen, die ich selber nicht kenne.» Foto: Scarth/Boskovic

Ideelles Erdenbürgertum
 

Scarths Mehrsprachigkeit speist sich aus der Herkunft seiner Eltern. Die Mutter aus Norditalien, der Vater aus Nordengland. Mit seinem Bekanntenkreis im Thurgau spricht er Mundart. In eine typische schweizer Kultur sei er erst hineingewachsen. Er holt aus: «Ein Heimatgefühl für die Alpenrepublik hat sich nicht einstellen wollen.» Eine Art ideelles Erdenbürgertum zu verkörpern, klingt ihm dann aber zu geschraubt. Wie sich der Thurgau umschreiben lässt? Da antwortet er schlagfertig: «Einen Abend am Bodensee sitzen, billiges Denner-Bier trinken, bis die Securitas kommt und einen wegschickt. Es ist etwas roh dort und das schätze ich sehr daran.»
 
Sein Verhältnis zum Thurgau bleibt ambivalent. Das Leben auf dem Land habe ihm nicht entsprochen. Als Jugendlicher hatte er Mühe, Anschluss zu finden. Er hätte sich immer mehr Action und Kulturangebote gewünscht. Der vorgefundene Alltag habe ihm nicht wirklich entsprochen. «Andererseits hat mich diese Region zu dem gemacht, was ich bin», räsonniert er vor sich hin. Scarth spricht von der Unglaublichkeit, immer den See in der Nähe gehabt zu haben. Arbeitend auf der «Öpfelfarm», im Bandraum Musik spielen zu können, so laut, wie sie wollten. Denn Musik sei doch essenzieller Teil des Menschseins.
  

«Blackfish» – V. Scarth: «I feel like a weird storyteller. The only stories I seem to be able to tell are the ones, I don’t even know myself. Stories of people holding enormous black fish on some beach, with ghostlike objects sticking in the sand, looking up into the sky at something not visible in the painting. Or of jungles at night, with someone looking for something in the water.» Foto: Esquie 

Schnittstellen zwischen Bildung und Kunst
 

Fast ein ganzes Jahr lang hat sich Scarth einmal mit dem ersten Vers der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri auseinandergesetzt und Videoarbeiten dazu gemacht. Literatur und Poesie sind für ihn – neben Bildender Kunst und Musik – eine weitere wichtige Manifestation von Gedanken. Ihm selber läge das kunstvolle Schreiben nicht, aber er suche nach Berührungspunkten. Formen des Geschriebenen nutzt er als Inspiration für seine Kunst: «So wie sich in der Musik die Poesie im Text mit der Melodie verbindet, versuche ich das Gelesene in Bilder oder Videos einfliessen zu lassen.»
 
Erst vor kurzem ist er aus Mexiko zurückgekehrt. Zusammen mit einer spanischen KünstlerInnengruppe war gemeinsames Erforschen angesagt. Anhand von Wandmalereien im öffentlichen Raum ausloten, wo Schnittstellen zwischen Bildung und Kunst liegen, generell Möglichkeiten des Kommunizierens in kollektiven Prozessen ausforschen, das seien inspirierende künstlerisch-soziale Erlebnisse. Das spontane Agieren ohne bindendes Curriculum sei Suche nach der praktischen Umsetzung eines Dialogs in Art Education. Die Bezugnahme zum brasilianischen Pädagogen Paulo Freire sei hier ausschlaggebend.

 Welches war die schlimmste Erfahrung der letzten Wochen? Scarth: «Als uns die Regierung der mexikanischen Stadt Cholula mitteilte, dass wir das Wandgemälde, welches wir da gemalt hatten, fertig malen sollten, auch wenn wir eigentlich schon damit abgeschlossen hatten. Es war aber auch ein gutes Erlebnis, da wir merkten, dass es in seiner Erscheinung provozierte, und das ist immer ein gutes Zeichen.» Foto: Marta Gonzales
 
Vincent Scarth hat bisher in St. Gallen, in Zürich, Bern und in Buenos Aires ausstellen können. Fremde Kulturen und Religionen ziehen ihn an; kunterbunte Gestik, mitunter kindlich anmutende Figurationen zeichnen ihn aus. Sein bisheriges Werk gleicht einer lebenshungrig sprudelnden Brause, intuitiv und impulsiv, poetisch und erfrischend, sich alles aneignend und zusammenwürfelnd. Redseligkeit und Ungeduld gehören zu ihm wie der ehrliche Appell, den Dingen um uns herum kritisch zu begegnen. «Ich glaube», so Scarth, «wir sollten alle versuchen, unsere Welt so unmittelbar wie möglich zu betrachten und zu analysieren, ohne gleich Sachen abzustempeln oder zu kategorisieren.»

 «Tigerwoman» – Bild und Foto: Vincent Scarth
 

Video: Ein Kurzfilm von Vincent Scarth:

Hörprobe: So klingt Vincent Scarth:

 
 
 

Die Förderbeiträge und die Serie

Die Förderbeiträge: Der Kanton Thurgau vergibt einmal pro Jahr maximal sechs Förderbeiträge an Kulturschaffende. Diese sind finanziert aus dem Lotteriefonds und belaufen sich auf je 25 000 Franken. Die Förderbeiträge sind als Kunststipendien für die künstlerische Weiterentwicklung bestimmt. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen die Fachjury mit ihrem Leistungsausweis, ihren Entwicklungsmöglichkeiten und einem geplanten Vorhaben überzeugen. Sie müssen im Kanton Thurgau wohnhaft sein oder einen engen Bezug zum Thurgau aufweisen, zum Beispiel durch den Schwerpunkt des künstlerischen Wirkens oder durch Herkunft. Die nächste Ausschreibung erfolgt im Herbst 2018. Mehr Informationen gibt es unter www.kulturamt.tg.ch 

 

Die Serie: In einer Serie stellen wir alle sechs Begünstigten der diesjährigen Kulturförderbeiträge vor. Dies sind: Beat Keller, Musiker, Winterthur, Micha Stuhlmann, Performerin, Kreuzlingen; Felix Brenner, bildende Künstlerin, Altnau; Sarah Hugentobler, bildende Künstlerin, Bern; Vincent Scarth, bildender Künstler, Zürich; Olga Titus, bildende Künstlerin, Winterthur. Die Medienmitteilung zur Vergabe der Förderbeiträge gibt es hier http://www.thurgaukultur.ch/magazin/3557     


Unseren Bericht von der Vergabefeier am 31. Mai in Romanshorn können Sie hier lesen: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/die-entdeckung-der-cooles-3631 

Teil 1 der Serie über Micha Stuhlmann: Zum zweiten Mal erhält die Performerin Micha Stuhlmann einen Kulturförderbeitrag des Kantons. Mit ihrem «Laboratorium für Artenschutz» will sie der Kunst und dem Leben näher kommen: 

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3595 

 

Teil 2 der Serie über Felix Brenner: Der bildende Künstler Felix Brenner ist einer der sechs Preisträger des Förderpreises für Kulturschaffende des Kantons Thurgau. Thurgaukultur traf ihn in seinem Zuhause in Altnau:

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3596/  

 

Teil 3 der Serie über Sarah Hugentobler: Zeitgeistig und ein bisschen unheimlich: Sarah Hugentobler hält ihr Publikum in Atem. 

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3617

 

Teil 4 der Serie über Beat Keller: Der Weinfelder Beat Keller ist Noise-Musiker. Er spielt mit einer Feedbacker-Gitarre, einem weltweiten Unikat, experimentelle Musik. Ende Monat erhält er dafür einen Förderbeitrag des Kantons Thurgau. 

https://www.thurgaukultur.ch/magazin/3624/    

 

  

 

 

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