Wie weit würdest Du gehen?

Wie weit würdest Du gehen?
Gruppendynamik: Das Junge Theater Thurgau (JTTG) bringt in einer neuen Produktion die Romanadaption "nüt" auf die Bühne. | © zVg

Hat irgendetwas auf dieser Welt Bedeutung? Die neue Produktion „nüt“ des Jungen Theater Thurgau stellt ab 26. April existenzielle Fragen. Vorlage dafür ist ein dänischer Skandalroman.

Als der Roman „Nichts“ im Jahr 2000 erschien, sorgte er für heftige Reaktionen. Das Buch der dänischen Autorin Janne Teller wurde schnell zu dem, was man einen Skandal-Roman nennt. Zeitweise war „Nichts“ sogar an skandinavischen Schulen verboten. Nicht wegen allzu expliziter Szenen, sondern vor allem deshalb, weil der Roman wesentliche Fragen stellt und unsere gesamte Existenz und unser Zusammenleben hinterfragte. Eltern und Lehrer fürchteten Tellers Buch könnte Kinder und Jugendliche nachhaltig verstören. 

Tatsächlich ist das Buch hart. Im Mittelpunkt steht der Siebtklässler Pierre-Anthon. Sein Motto lautet: „Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun.“ Diese Ansicht irritiert seine Mitschüler und sie versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass es doch so etwas wie Bedeutung in der Welt gibt. Daraus entwickelt sich eine brutale Spirale der Gewalt. Psychisch und physisch. Am Ende verlieren viele ihre Unschuld und einer sogar sein Leben. Es ist nicht leicht, all das zu ertragen. „Die Skrupellosigkeit der Figuren schockiert. Und man weiss bei „Nichts“ nicht, ob man wegen der Brutalität am liebsten sofort aufhören will zu lesen, oder ob man noch eine Seite umblättern soll, weil das Buch so spannend ist“, hiess es in einer Besprechung des Romans. 

Die Regisseurin gibt Tipps, die Jugendlichen lernen. Stück für Stück.

An einem Mittwochmorgen im Frauenfelder Eisenwerk proben Sara-Jane Demeulemeester, Nassim Mozaffari und Esmail Ibrahimi eine Szene der Inszenierung. Regisseurin Petra Cambrosio beobachtet das Geschehen von den Zuschauerrängen aus. Zumindest am Anfang. Zwischendrin steht sie auch immer wieder auf, geht auf die Bühne und gibt den jugendlichen Spielern Tipps. „Steht auf beiden Füssen. Wenn der Körper wackelt, wackelt auch die Aussage“, erklärt Cambrosio. Und dann geht es nochmal von vorne los. Stück für Stück. Übliche Probenarbeit. Aber schon in den wenigen Minuten merkt man, dass die Jugendlichen mit jedem Tipp, mit jedem neuen Versuch ein bisschen sicherer werden auf der Bühne.

Dass das Stück nun in Frauenfeld auf die Bühne kommt, habe sich im Probenprozess mit den Jugendlichen ergeben, sagt Petra Cambrosio: „Ich habe mit Texten aus dem Roman «Nichts was im Leben wichtig ist» gearbeitet und die Jugendlichen haben «eingehängt» beim Thema“, so die Regisseurin. In der Version des Jungen Theater Thurgau (JTTG) wird die Handlung von Dänemark in die Kleinstadt Oberhausen in der Deutschschweiz im Herbst 1994 verlegt. Deshalb wurde der Titel auch auf Schweizerdeutsch übersetzt: Das Stück heisst hier „nüt“. 

Probenarbeit beim Jungen Theater Thurgau (JTTG): Regisseurin Petra Cambrosi mit den Jugendlichen Sara-Jane Demeulemeester, Nassim Mozaffari und Esmail Ibrahimi. Bild: Michael Lünstroth

Der Stoff nimmt die Lebensrealität der jungen Menschen ernst

Petra Cambrosio findet, der Roman spreche viele Themen an, die relevant sind für Jugendliche. Auch deshalb haben sie sich entschieden, das Stück aufzuführen. Es ermögliche sich ganz basale Fragen zu stellen wie „Wer bin ich?“, „Was macht mich aus?“, „Was prägt mich?“ oder „Wie kann ich mich «neu» definieren?“. Einerseits. Aber in dem Stoff liege noch mehr, sagt die Regisseurin: „Die Jugendlichen können hier in der Figur aber auch in sich selbst erspüren, wozu sie fähig wären, vor allem auch an Schlechtem. Und wie wie weit sie gehen würden, um etwas zu erreichen.“

Der Stoff mag hart sein, aber er leistet zumindest eines, was Jugendromanen nicht immer gelingt: Er nimmt die jungen Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit ernst. Wohl auch deshalb war Janne Tellers Roman bei Jugendlichen sehr beliebt. Die Autorin selbst hat die unterschiedlichen Reaktionen auf den Romans in einem Interview so beschrieben: „Junge Leute stellen sich alle fundamentalen Fragen ganz von allein. Es sind die Erwachsenen, die sich unwohl fühlen, wenn an der Lackierung all dessen gekratzt wird, was wir aus reinem Konformismus täglich mitmachen.“ Was die Jugendlichen in Frauenfeld daraus machen, kann man ab dem 26. April im Eisenwerk beobachten.

Termin: Premiere ist am Freitag, 26. April, 20 Uhr, im Eisenwerk Frauenfeld. Weitere Aufführungen: 27. April, 3./4./5./9.10. und 11. Mai. Beginn jeweils um 20 Uhr, ausser am Sonntag, 5. Mai, da geht es bereits um 18 Uhr los. Tickets (zwischen 15 und 25 Franken) gibt es hier. Es spielen: Sara-Jane Demeulemeester, Corine Fischer, Sarina Hess, Esmail Ibrahimi, Aleena Krähemann, Nassim Mozaffari, Zeno Ruzzo, Eric Scherrer, Alena Weber, Sara Weber. Regie, Dramaturgie: Petra Cambrosio | Bühne: Gabor Nemeth | Kostüme, Maske: Natalie Peclard | Licht, Technik: Jon Brunke | Produktionsleitung: Natalie Veit | Fotos: Lukas Fleischer | Grafik: Yves Schweizer und Mia Werner. 

 

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