von Michael Lünstroth, 08.11.2019

«Wir verkaufen Journalismus»

«Wir verkaufen Journalismus»
«Wir schenken unser Zeug in den sozialen Medien nicht her.» Florian Klenk, Chefredaktor des Wiener «Falter» über ein neues altes Geschäftsmodell für Journalismus. | © Von Manfred Werner (Tsui) - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=53399305

Wie finanziert man heute unabhängigen Journalismus? Die Wiener Wochenzeitung „Falter“ hat einen Weg gefunden. Teil 2 des Interviews mit Falter-Chefredaktor Florian Klenk.

Herr Klenk, In der Medienbranche sucht man seit Jahren fieberhaft nach einem neuen Geschäftsmodell für Journalismus. Haben Sie da eine gute Idee?

Wir haben uns eigentlich auf ein altes Geschäftsmodell konzentriert: Wir verkaufen Journalismus, wir schenken nichts her. Dieses Bekenntnis ist sehr lange verlacht worden in der Branche. Ich muss selber gestehen, dass ich intern ein Kritiker dieser Policy war und gemeint habe, wir müssen mehr öffnen, wir müssen mehr gratis zugänglich machen, wir müssen das Netz mehr fluten mit unseren Produkten. Armin Thurnherr und Siegmar Schlager, unser Herausgeber und unser Geschäftsführer, haben das immer bekämpft und gesagt: Wenn wir mal anfangen unser Produkt zu verschenken, dann will es niemand mehr kaufen. Und sie haben Recht gehabt wider den Zeitgeist vor 10, 15 Jahren. 

Trotzdem ist der „Falter“ heute sehr präsent in den sozialen Medien.

Das stimmt. Wir haben eine doppelte Strategie, wir schenken unser Zeug in den sozialen Medien nicht her, aber wir nutzen die sozialen Medien, um die Marke des Falter dort ständig zu platzieren.

„Eine Zeitung muss heute nicht nur die Sozialen Medien als Diskussionsraum entdecken, sondern tatsächlich die Theater, die Clubs, die Salons, die Kellerbühnen einer Stadt bespielen und dort mit den Leuten in Kontakt treten.“

Florian Klenk, Chefredaktor der Wiener Wochenzeitung «Falter» 

Der Erfolg gibt Ihnen Recht, ihre Auflage ist stabil bei 46.000 Exemplaren, die Reichweite ist deutlich gestiegen in den vergangenen Jahren. Was können andere Redaktionen vom „Falter“ lernen?

Was man lernen kann von uns ist, dass man sich auf das Handwerk des Journalismus konzentriert, dass man Texte nicht als Grauwerte sieht, die mit Weissraum behübscht werden müssen. Was man lernen kann ist, dass man sein Produkt selbstbewusst verkauft, dass man die Sozialen Medien verstehen lernen muss - als Werbeplattform, aber sie auch als Interaktionsplattform mit Leserinnen und Lesern wahrnehmen muss. Was man zudem lernen muss ist, dass man journalistische Produkte in verschiedenen Kanälen verarbeitet - in Podcasts, in Veranstaltungen und anderen Formaten. Wir machen zum Beispiel auch sehr schräge Veranstaltungen: Wir bringen die Reden von europäischen Rechtspopulisten am Burgtheater dar, wir machen in einem Kellertheater ein Puppentheater mit den Facebook-Posts von Heinz-Christian Straché oder wir machen eine Ausstellung im Wienmuseum zu 40 Jahre Falter. 

Müssen sich Medien besser vermarkten? 

Ja, auch das muss eine Zeitung machen - seine Geschichte vermarkten, seine Redakteurinnen und Redakteure auf Veranstaltungen schicken, zu Diskussionen schicken, rausschicken, nicht nur die Sozialen Medien als Diskussionsraum entdecken, sondern tatsächlich die Theater, die Clubs, die Salons, die Kellerbühnen zu bespielen und mit den Leuten in Kontakt treten. 

Folgt man Ihnen und dem „Falter“ in den Sozialen Medien fällt auf, wie aktiv Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen dort sind. Wie lange kann man ein solches Tempo halten?

Wenn Sie mich fragen wollen, ob ich noch zu anderen Dingen komme, dann kann ich Ihnen sagen: Ja. Ich habe einen kleinen Garten, den ich bestelle und zwei Kinder. Klar, wir machen viel. Aber ich glaube nicht, dass wir mehr Stress haben als Unfallchirugen, Rettungsfahrer oder Kinderkrankenschwestern. Das sieht von aussen vielleicht viel aus, aber in Wirklichkeit kommuniziere ich halt einfach. Und wenn man das mit ein bisschen Kreativität und Schmäh unter die Leute bringt, dann funktioniert das. Ich glaube aber, das ist etwas was jeder Zeitungsredaktion gelingen könnte. Wenn man so überlegt, was man den ganzen Tag erlebt, wo man hingeht, was man für Veranstaltungen besucht, was in der Redaktion los ist, was die Kollegen recherchieren, kann jeder jeden Tag interessante Postings fertigen und darüber informieren, was seine Zeitung unternimmt. Wir müssen als Journalisten nicht nur eine Zeitung produzieren, sondern auch zeigen, was wir sonst noch tun.

„Die Eigentümer des „Falter“ haben auch immer wieder auf diese verflucht hohen Renditen verzichtet, die andere Verlage kaputt gemacht haben.“

Florian Klenk, Journalist (Bild: Doron Rabinovici)

Hinter dem Falter stehen zwei Stiftungen. Ist stiftungsfinanzierter Journalismus ein Modell für die Zukunft?

Die Stiftungen sind eine handlungsrechtliche Organisationsform, aber sie haben keinen steuerrechtlichen Vorteil. Die Stiftungen sind eine eigene Rechtspersonen. Der Falter ist, wenn sie so wollen, eine Verlegerzeitung. Wir gehören zu keinem Konzern, keiner Bank, keiner Kirche, sondern dahinter stehen zwei Verleger, die hier immer wieder ihr eigenes Geld aufs Spiel setzen, die auch in der Geschichte des Falters oft existenzielle  Sorgen hatten. Die beiden Verleger sind in ihrem Umgang mit Geld sehr sorgsam, deshalb unterscheiden wir uns auch von anderen Zeitungen, wo das Management nicht das eigene Geld, sondern das Geld von Konzernen verantwortet. Umgekehrt haben die Eigentümer des „Falter“ auch immer wieder auf diese verflucht hohen Renditen verzichtet, die andere Verlage kaputt gemacht haben.

Wenn jemand heute ein Magazin wie der Falter in einer anderen Stadt, einem andern Land, gründen wollte - was würden Sie raten?

Das Erfolgsrezept wäre für mich eine nicht spassbefreite Ernsthaftigkeit im Journalismus. Nicht zu ernst, aber auch nicht zu verblödelt. Nicht nur zeitgeistig, aber trotzdem modern zu sein. Nicht modisch, sondern modern im besten Sinne: Aufklärerisch, eine Bühne bieten, vor Ort zu sein, Orte schaffen, an denen sich die Leute treffen können, eine Community aufzubauen, die das Produkt gerne unter dem Arm trägt, auch als Bekenntnis zu einer allgemeinen Debattierfreundlichkeit. Unterm Strich: Ich würde zu einer gesunden Mischung raten aus hartem Journalismus und umfassendem unabhängigem Service über das kulturelle Angebot einer Stadt. 

„Das Erfolgsrezept wäre für mich eine nicht spassbefreite Ernsthaftigkeit im Journalismus.“

Florian Klenk, auf die Frage, womit man heute im Journalismus Erfolg haben kann

Florian Klenk und der «Falter»

Florian Klenk (46) ist promovierter Jurist. Er studierte Rechtswissenschaft an der Universität Wien und in den Niederlanden und strebte ursprünglich an, Strafverteidiger zu werden. Seine Dissertation „Pressefreiheit und Unschuldsvermutung“ (2000) an der Universität Wien hatte die Rechtsprobleme der Kriminalberichterstattung unter besonderer Berücksichtigung der Europäischen Menschenrechtskonvention und des Mediengesetzes zum Inhalt. 

 

Bekannt ist Klenk als investigativer Journalist, unter anderem in Bezug auf Menschenrechtsverletzungen, Korruption, Menschenhandel oder Missstände im Justiz- und Polizeiapparat. Seine Recherchen über Wiener Frauenhändler waren Grundlage für Elfriede Jelineks Stück „Über Tiere“. 2016 war er für das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) des Center for Public Integrity (CPI) an der Auswertung der Panama Papers beteiligt. In den vergangenen Monaten war er unter anderem an den Enthüllungen der Ibiza-Affäre, der Operation Reisswolf und den ÖVP-Files beteiligt. Allesamt Recherchen, die landesweit Thema wurden. Und letztlich zum Sturz der Regierung führten.

 

Klenk kam über Umwege in den Journalismus: Während des Studiums war er bei helping hands engagiert, einer im Bereich der Rechtsberatung zum Fremdenrecht tätigen NGO. Viele der Fälle betrafen in dieser Zeit, den Jahren des Bosnienkrieges, Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Daneben arbeitete er auch als freier Mitarbeiter bei der Tageszeitung Kurier, wo er vorwiegend mit Gerichtsreportagen befasst war. Die Möglichkeit, auf diese Weise auf Vorgänge und Missstände hinweisen und mitunter mehr bewegen zu können als in der Funktion des Rechtsberaters, führte dazu, dass er ganz zum Journalismus wechselte.

 

Er wurde freier Mitarbeiter und Redakteur der Wiener Wochenzeitung Falter. Von November 2005 an war er als Redakteur für Die Zeit in Hamburg tätig und kehrte im Mai 2007 als Politikchef und stellvertretender Chefredakteur zum Falter zurück. Seit 2012 ist er Chefredaktor des Falter. Er hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

 

Weiterlesen: Den ersten Teil des grossen Interview mit Florian Klenk über Politik, Populismus und die Schwächen des Journalismus finden Sie hier.

 

 

Der «Falter» ist eine in Wien erscheinende linksliberale Wochenzeitung, die 1977 von Walter Martin Kienreich gegründet wurde. Ursprünglich alle zwei Wochen produziert, ist der Falter seit 1987 eine Wochenzeitung. Chefredakteure sind Florian Klenk und Armin Thurnher. Medieninhaber der Wochenzeitung Falter ist die Falter Zeitschriften GmbH und der Medieninhaber des Web-Auftritts falter.at ist die Falter Verlags GmbH. Beide Gesellschaften sind 100%ige Töchter der ST Verlagsbeteiligungen GmbH. Eigentümer der ST Verlagsbeteiligungen GmbH sind zu jeweils 37,49 Prozent die Andante Privatstiftung und die Ateleia Privatstiftung. Zu jeweils 12,51 Prozent sind Hannes Pflaum und Hans-Michel Piech beteiligt.

 

Aktuell liegt die Auflage bei 46.000 Exemplaren. Nach Angaben des Falter werden damit rund 231'000 Leserinnen und Leser erreicht (Quelle: Media-Analyse 2018/2019).

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