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Verführung in Warth

Verführung in Warth
Diskurs zur Verführung: Graziella Contratto, Peter von Matt. | © F. Angleraux / Kathrin Zellweger

An der heutigen Sonntagsmatinee der Ittinger Pfingstkonzerte kam auf die Rechnung, wer sich von Musik, Literatur und modernem Tanz verführen liess. Kuratorin Graziella Contratto hat damit Spuren hinterlassen.

Kathrin Zellweger

Richard Strauss' Ballet Josephs Legende in voller Länge auf die Bühne zu bringen, wäre in der Kartause Ittingen nicht möglich gewesen, auch wenn das Bild des keuschen Jünglings, der von seiner Herrin erfolglos bezirzt wird, bestens zum Thema der diesjährigen Ittinger Pfingstkonzerte Lust/WANDEL/n gepasst hätte, das die Kuratorin Graziella Contratto über die vier Tage mit den acht Konzerten gesetzt hat. Stattdessen entschied sie sich für eine humorige Zerlegung der Fassung. Dafür engagierte sie Lucas A. Rössner als Sprecher. Er wurde von Pavel Yeletskiy am Klavier begleitet.

Es fiel nicht allen im Publikum leicht, sich auf diese locker-launige Übertragung des alttestamentlichen Stoffes ins 21. Jahrhundert einzulassen. Indigniert wurden da und dort Köpfe gesenkt, Augen niedergeschlagen und – wahrscheinlich – Ohren fest verschlossen; daneben sassen jene, die erst zögerlich und dann schallend lachten, wenn Rössner in Sprüngen die Geschichte von Lust und Verlangen, von Keuschheit und Unschuld nacherzählte, seine Worte gestenreich untermalte, aus einem Smartphone Musik abspielte und damit zwischen den Zuschauerreihen hin und her ging.

Letztes Konzert der Ittinger Pfingstkonzerte 2015

25. Mai, 11.30 Uhr, Remise
Elftausend Jungfrauen II

Angélique Boudeville, Sopran
Graziella Contratto, Leitung
Ensemble der Ittinger Pfingstkonzerte mit: Andreas Janke, Yi-Chen Lin, Benjamin Nyffenegger, Antonio Lagares, Rui Lopes, Marianne und Martin Frutiger, Robert Pickup, Dariusz Mizera, Srdjan Vukašinovic ˙, Pascal Viglino, Oliver Schnyder, u.a.

Franz Schmidt Klavierquintett Nr. 1 G-Dur


Der Applaus für dieses Experiment, das Graziella Contratto aber bewusst gewagt hatte, war denn auch eher verhalten. Ein Mann im Publikum raunte seiner Nachbarin zu: "Jetzt hemmer's glaub gschafft."

Magie der Verführung

Als danach Peter von Matt, emeritierter Literaturprofessor, zusammen mit Graziella Contratto zum Gespräch auf die Bühne kam, erhielten die beiden schon vorweg warmen Applaus. "Verführung" war auch hier das Stichwort. In der Josephs Legende sollte es eigentlich heiss zu und her gehen, es blieb aber alles prüde und kühl wie in einer "Geschichte für das erste Lesealter" (von Matt).

Warum? Weil von dieser Frau kein Zauber ausgehe, erklärt von Matt. In der Magie liege der Kern jeder Verführung. Zur Betörung gehörten aber auch Gewalt und Macht, der man erliege wie Gretchen in Goethes Faust. Das Muster des Liebens, Geliebtwerdens und Verführens sei ein Basiskonflikt und daher von ewiger Aktualität, lediglich domestiziert durch die Zivilisation.

Das richtige Bild finden

Literatur ist die Umsetzung menschlicher Grundkonflikte in Geschichten. Von Matt: "Jeder Mensch muss durch die Lebenstragödien hindurch; davon und darüber hat die Literatur zu erzählen." Weil Dichter in dieser Pflicht stünden, gebe es mehr Tragödien als Komödien. Graziella Contratto wollte wissen, ob es in heutigen Romanen die Verführungsthematik noch gebe.

Ein grosser Autor, antwortete der Literaturprofessor, finde dafür ein passendes Bild. Das sei aber schwierig, weil es – wie Goethe sagte – innerhalb einer Epoche keinen Standpunkt gebe, um die eigene Epoche zu betrachten. Zudem würden die Medien die wirklichen Tragödien zudecken und zerschwatzen. "Völlig zu Unrecht rümpfen wir die Nase über Geschichten mit einem Happy End und reden von Kitsch. Ein Happy End ist nichts anderes als die Vorwegnahme einer erfüllten Hoffnung auf ein fortwährendes Paradies."

Der dritte Teil der Matinee war Chopins 24 Préludes gewidmet: Am Klavier Pavel Yeletkiy, neben ihm Liz Waterhouse, Tanz, welche die "musikalischen Bewegungen" (Programmheft) in kraftvolle und doch spielerisch leichte, getanzte Improvisationen umsetzte. Wunderbar präzise, dann und wann auch rätselhafte Geschichten, die zwischen dem Pianisten und der Tänzerin hin und her zu fliegen schienen.Ewiger Basiskonflikt: Lieben, Geliebtwerden und Verführen. (Bild: Kathrin Zellweger)

Vier Fragen an Peter von Matt:

Was hat Sie an der Anfrage von Graziella Contratto gereizt?

Ich kenne Graziella Contratto schon länger und beobachte ihren Weg als Dirigentin; dann ist es die Kartause, dieser magische, verwunschene Ort, den ich schon besuchte, als die Mauern noch vor sich hin bröckelten. Schliesslich ist es das Thema, dem ich mich schon mehrfach in ganz unterschiedlichem Kontext gewidmet habe.

Sie diskutierten mit Frau Contratto über das Thema Verführung. Ist die Musik beziehungsweise die Literatur per se verführerisch?

Jede Kunstform hat ein verführerisches Potential; man kann einem Kunstwerk verfallen wie einem Menschen, wenn ihm ein Zauber innewohnt. Heute müssen Kunstwerke erzieherisch sein, etwas kritisieren. Besser wäre es, sie würden aus sich selbst heraus beim Gegenüber eine Erfahrung generieren.

Wo sehen Sie den gemeinsamen Nenner von Musik und Literatur?

Beides sind autonome Künste. Musik gewinnt nicht, wenn sie mit Sprache verbunden wird. Die Musik hat ihre eigene Verführungskraft. Wenn sich die eine Kunst in den Dienst der anderen stellt, kann sie diese jedoch befruchten. Zum Beispiel in der zierlichen Form der Lieder bei Schubert und Schumann, wo eine Verschmelzung stattfindet.

Was hat Verführung mit Überzeugung zu tun?

Überzeugung ist ein Akt zwischen zwei vernunftbegabten, autonomen Menschen. Wer allerdings die Masse überzeugen will, muss auch verführen können. Auch Kindererziehung braucht Verführungsstrategien.


***
Mehr zum Thema:

Die Dirigentin im Kloster - Journal 21 vom 20.05.2015
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www.kartause.ch

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