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Zu viel der Ehre

Zu viel der Ehre
Lasst mich ans Fenster: Der todkranke Pablo Neruda (Peter Höner) will mit eigenen Augen sehen, was vor seinem Haus passiert. Beatrix (Moira Albertalli) und Mario (Max Gnant) versuchen ihn zu stoppen. Ohne Erfolg. | © Regina Jäger

Pablo Neruda war einer der bedeutendsten chilenischen Schriftsteller. Aber er war auch ein Vergewaltiger. Die Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 setzt ihm in ihrem Sommertheater im Greuterhof Islikon trotzdem ein Denkmal. Ist das klug? (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Noch ehe die Scheinwerfer angehen und das Spiel auf der Bühne im Greuterhof Islikon beginnt, ist man mitten drin in einer sehr zeitgeistigen Diskussion: Ist es eine gute Idee, ein Stück auf die Bühne zu bringen, das einem Vergewaltiger ein Denkmal setzt? Die Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 spielt in diesem Sommer „Brennende Geduld“ in Islikon - eine Geschichte, die auch schon als Buch und Film („Il Postino“) sehr erfolgreich war. 

Darin geht es um eine Freundschaft zwischen einem Postboten und dem grossen chilenischen Dichter und linken Politaktivisten Pablo Neruda (1904-1973). Jener Neruda, der neben all seinen Verdiensten und seinem Kampf für Gerechtigkeit und gegen den Faschismus, in seiner posthum erschienen Autobiografie „Ich bekenne, ich habe gelebt“ eben auch einräumte, während seiner Zeit als Diplomat in Sri Lanka im Jahr 1929 ein Hausmädchen vergewaltigt zu haben. 

#metoo? War da was?

Sie habe seine Avancen ignoriert, schreibt der Dichter. Da habe er sie „mit festem Griff am Arm gepackt“ und in sein Schlafzimmer gezogen. Der Geschlechtsverkehr selbst sei „wie zwischen einem Mann und einer Statue“ gewesen: „Sie hatte ihre Augen die ganze Zeit offen und war völlig teilnahmslos“, heisst es in den Memoiren. Und: „Sie hatte jedes Recht, mich zu verachten.“

Man kann sich also tatsächlich die Frage stellen, ob es in Zeiten von #metoo und ganz grundsätzlich klug ist, einem solchen Menschen weitere Ehrenschleifen zu binden. Und dann wäre man mittendrin in der schon sehr oft geführten, aber immer noch sehr spannenden Diskussion über Vorbilder, gesellschaftliche Strukturen und die Frage, ab wann eine Trennung zwischen Autor und Werk nicht mehr möglich ist.  Till Lindemann lässt grüssen. 

Die weichgezeichnete Version eines nicht perfekten Menschen

Allein - die Theaterwerkstatt hat sich für einen anderen Weg entschieden. Die dunklen Seiten des Pablo Neruda spielen in der sommerlichen Inszenierung von Regisseur Giuseppe Spina keine Rolle. 

Die Vergewaltigung nicht, auch seine Präsidentschaftskandidatur für die Kommunistische Partei 1969 entschärft der Regisseur für das bürgerliche Schweizer Publikum zu einer Kandidatur für die Linke Partei Chiles. Die Zuschauer:innen im Greuterhof bekommen einen weichgezeichneten Pablo Neruda präsentiert: Als leicht arroganten, aber doch auch gutmütigen Dichteronkel, der einem jungen Mann nicht nur die Literatur nahe bringt, sondern ihm auch den Weg zum Herzen seiner Angebeteten ebnet. 

 

Ungewöhnliche Freundschaft: Der weltberümte Dicher Pablo Neruda (Peter Höner) und der Provinz-Postbote Mario Jimenez (Max Gnant). Bild: Regina Jäger

Das Dilemma des Kritikers

Darf Theater so verzerren? Kann man schon machen, aber es bleibt ein ungutes Gefühl, wenn man das gesamte Bild kennt. Und damit kommen wir zum Dilemma des Kritikers in diesem Moment: Wie schafft man den Bogen von der fragwürdigen Grundanlage des Stücks hin zu der atmosphärisch und handwerklich durchaus überzeugenden Inszenierung? 

Wüsste man nichts von den Abgründen des Dichters, man könnte einen unbeschwerten, berührenden und originellen Abend in Islikon erleben. Tolle Schauspieler:innen, wunderbare Musik (Goran Kovacevic am Akkordeon), schöne Inszenierungs-Ideen und das an einem Ort, der wie gemacht ist für intime Theaterabende im Sommer.

Es könnte alles so schön sein

„Mit brennender Geduld“, die Geschichte des chilenischen Schriftsteller Antonio Skármeta, passt ziemlich gut in diese Kulisse. Kopfsteinpflaster unter den Füssen, eine Bank auf einem kleinen Podest, das die Terrasse zur Wohnung des Dichters darstellt, rechts daneben ein paar grüne Biergartenstühle- und -tische. Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, dass es in Isla Negra, einem chilenischen Küstenabschnitt etwa 100 Kilometer westlich von der Hauptstadt Santiago entfernt und dem Schauplatz und Sehnsuchtsort von Pablo Neruda, ähnlich aussehen könnte. Fehlt nur noch das Meeresrauschen. 

Die Geschichte des Stücks ist schnell erzählt: Neruda (mit etwas zu überlegener Onkelhaftigkeit gespielt von Peter Höner) freundet sich mit dem Postboten Mario Jimenez (Max Gnant) an. Sie reden über das Leben, die Literatur und, natürlich, die Liebe. Am Anfang eher hölzern („Was empfindest du, wenn du einen Brief bekommst?“), die intellektuellen Unterschiede wirken überdramatisiert. Neruda erscheint übermächtig, Jimenez eher wie eine staunende, chilenische Version von Forrest Gump. 

Sollte es eine Inszenierungsidee gewesen sein, die schwindende Kluft zwischen den beiden im Verlauf des Stücks zu zeigen, dann geht das auf: Durch das Reden über Metaphern scheinen die beiden tatsächlich so etwas wie Freunde zu werden. Max Gnant, stimmlich irritierend nah an der deutschen Synchronstimme von Elijah Wood aus dem Herrn der Ringe, gewinnt im Verlauf des Abends an Statur.

 

Will Dichter werden, aber ihm fehlen die Worte: Der Postbote Mario Jimenez (Max Gnant). Bild: Regina Jäger

Es wächst zusammen, was zusammen gehört

Das Zusammenwachsen der beiden Hauptcharakter liegt, wie so oft, daran, dass sie gemeinsam etwas aushecken. Jimenez ist verliebt in die Wirtstochter Beatrix (grossartig: Moira Albertalli), ihm fehlen aber die Worte, diese Gefühle auszudrücken. Der Dichter Neruda hilft aus und Beatrix entflammt für den Postboten Mario. 

Allerdings zum Leidwesen von Beatrix’ Mutter, der Witwe Rosa Gonzalez (herrlich: Sabina Deutsch). Sie ahnt nichts Gutes: „Ein Mann, der mit Worten berührt, kommt mit seinen Händen umso weiter“, warnt sie ihre Tochter. Auch vor dem Dichter Neruda warnt sie ihr Kind: „Wenn du Politik mit Poesie verwechselst, wirst du bald eine alleinstehende Frau sein!“ 

Tatsächlich zählen diese Rededuelle zwischen Mutter und Tochter zu den unterhaltsamsten Momenten des Stücks. Regisseur Giuseppe Spina findet zudem für den Erzählstrang der Liebesanbahnung zwischen Mario und Beatrix eine schöne Form: Er erzählt sie mit Mitteln des Slapsticks und mit Hilfe von Stummfilmelementen. Das ist nicht nur lustig, sondern auch doppelbödig: Die Musik von Goran Kovacevic bekommt so eine ganz eigene Rolle in der Inszenierung.

 

Tolles Mutter- und Tochterpaar: Beatrix Gonzalez (Moira Albertalli) und Rosa Gonzalez (Sabina Deutsch). Bild: Regina Jäger

 

Musik, Schauspiel, Film: Fast ein Schmelztiegel der Künste

Überhaupt: Was wirklich gut gelingt in der Inszenierung ist die Verknüpfung der verschiedenen künstlerischen Disziplinen: Neben Musik und Schauspiel setzt der Regisseur Spina auch auf filmische Erzählformen in einigen Szenen. Zum Beispiel: Ein Brief, den Beatrix’ Mutter an Pablo Neruda schreibt, um die Beziehung zwischen ihrer Tochter und dem Postboten zu verhindern. 

Was im Film über einen geteilten Bildschirm vermittelt würde, übersetzt Giuseppe Spina für das Theater: Die Zuschauer:innen sehen auf der linken Seite der Bühne, wie der Brief bei Neruda ankommt. Als er beginnt zu lesen, öffnet sich rechts ein neues Bild und es zeigt wie Rosa Gonzalez den Brief schreibt. Sie liest ihn dabei laut vor. So verknüpft der Regisseur die verschiedenen Zeitebenen (Brief schreiben, Brief lesen) geschickt, bindet das Publikum ein und sorgt mit dieser überraschenden Gleichzeitigkeit des Nicht-Gleichzeitigen für einen Aha-Moment.

Und auch Briefträger Mario Jimenez bekommt noch seinen grossen Satz. Der sorgt zwar bei Urheberrechtsanwälten für Schnappatmung, ist aber wunderbar poetisch: „Gedichte gehören nicht denen, die sie schreiben, sondern jenen, die sie brauchen.“

Während im ersten Teil der Inszenierung die Liebesgeschichte von Beatrix und Mario im Mittelpunkt steht, schwenkt die Handlung nach der Pause stärker auf Pablo Nerudas Leben fern von Isla Negra. War die erste Hälfte noch mit ruhiger Hand erzählt, zieht Regisseur Giuseppe Spina im zweiten Teil das Tempo an. 

 

Verliebte Paare in Südamerika? Da darf der Tango nicht fehlen. So wie hier bei Beatrx Gonzalez (Moira Albertalli) und Mario Jimenez (Max Gnant). Bild: Regina Jäger

Warum mehr Tempo nicht immer gut für ein Stück sein muss

Vieles wird nur noch blickpunktartig angetippt: Nerudas Arbeit als Botschafter in Paris, seine Nobelpreisrede in Stockholm (1971 hatte er den Nobelpreis für Literatur „für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht“ erhalten, wie die Schwedische Akademie formulierte) und der Militärputsch unter Führung von Augusto Pinochet. Joe Fenner führt in seiner Rolle als Erzähler und Autor Antonio Skármeta durch die Wirren der chilenischen Politik. Das Leben von Mario, Beatrix und Rosa in Isla Negra spielt nur noch am Rande eine Rolle.

Die Dramatik steigt also nach der Pause, aber das höhere Tempo bringt auch die Erzählbalance des ersten Teils aus dem Gleichgewicht. Eine stimmige Metapher zwar auf das nach dem Militärputsch
aus den Fugen geratene Leben der Menschen in Chile. Aber in der Atemlosigkeit der verschiedenen Ereignisse gerät der Fokus verloren, das ist zu viel Inhalt für die letzten 35 Minuten.

Am Ende stirbt Neruda. Den Streit um die Todesursache - war es der Krebs oder wurde er von den neuen Machthabern vergiftet? - blendet das Stück aus. Der Historie nach wurde Nerudas Haus nach seinem Tod vom Militär geplündert und zerstört. Dass es Pinochet und seine Mitstreiter eher nicht gut meinen mit den Menschen, deutet Spinas Version der Geschichte zumindest an: Auch der Postbote Mario Jimenez wird zum Verhör abgeholt. Ob er jemals zurückkehrt, bleibt ungewiss.

 

Beatrix Gonzalez (Moira Albertalli) stimmt den Schlussgesang an. Was für eine Szene! Rechts daneben Mario Jimenez (Max Gnant). Bild: Regina Jäger

Wer da nicht schluchzt, hat kein Herz

Trotz der Hast im Schlussdrittel liegt eine der bewegendsten Szenen der Aufführung genau hier. Kurz vor dem Ende, Neruda ist bereits gestorben, die Pinochet-Schergen haben die Macht übernommen, da erhebt Beatrix (Wow, Moira Albertalli!) noch einmal ihre Stimme. Sie singt „Historia de un amor“ von Carlos Almaran aus dem Jahr 1955. In dem Text heisst es unter anderem: „Seit du nicht mehr bei mir bist, fühle ich nur noch Einsamkeit/Du warst stets der Sinn meines Daseins, dich zu verehren war für mich Religion/Die Liebe hat meinem Leben Licht gegeben und es später ausgelöscht. Oh, wie dunkel das Leben ist, ohne deine Liebe kann ich nicht mehr leben.“ 

Während Beatrix dies singt, sehen die Zuschauer:innen, wie ihr geliebter Mann Mario zum Verhör abgeholt wird. Rückkehr höchst ungewiss. Wer bei diesem Zusammenspiel von Musik und Schauspiel nicht ganz heftig schlucken muss, der prüfe, ob er an Stelle des Herzens einen Stein in der Brust hat. 

Die grosse Frage: Darf Theater das heute noch?

Was bleibt also am Ende von der Aufführung? Kehren wir nochmal zurück zur Frage vom Anfang dieses Textes: Soll man ein Stück auf die Bühne bringen, das einem Vergewaltiger ein Denkmal setzt? Ich finde: Schwierig, aber natürlich darf Theater das machen. 

Zumindest dann, wenn das Werk so bedeutungsvoll ist, wie jenes von Pablo Neruda. Allerdings: Wenn man es aufführt, dann sollte man die dunklen Seiten der Hauptfigur nicht so verschweigen oder beschönigen wie es die Inszenierung von Giuseppe Spina tut. 

 

Goran Kovacevic musiziert die passende Atmosphäre in den Greuterhof herbei. Rechts neben ihm Peter Höner als Pablo Neruda. Bild: Regina Jäger

Was Isabelle Allende über den Kollegen Neruda dachte

Isabelle Allende, die grosse chilenische Dichterin, hatte übrigens ihren eigenen Blick auf den Kollegen Pablo Neruda. Als 2018 chilenische Feministinnen die mögliche Umbenennung eines Flughafen in der Hauptstadt Santiago in Pablo-Neruda-Flughafen kritisierten, widersprach sie, und sagte der britischen Zeitung „Guardian“: „Sehr wenige Menschen – insbesondere mächtige oder einflussreiche Männer – benehmen sich bewundernswert. Unglücklicherweise war auch Neruda ein Mensch mit Fehlern, wie wir alle in der einen oder anderen Weise.“ 

Sie sei zwar abgestossen von einigen Aspekten aus Nerudas Leben. Aber das schmälere sein schriftstellerisches Werk nicht. Deshalb könne auch ein Flughafen seinen Namen tragen, so Allende damals. An der Entscheidung über den Flughafen änderte das freilich nichts. Er trägt bis heute den Namen von Arturo Merino Benítez, dem Gründer der chilenischen Luftwaffe und der nationalen Luftlinie.

Weitere Aufführungen

Das Stück wird noch an folgenden Termin im Greuterhof Islikon gespielt:

 

Dienstag, 15. August

Mittwoch, 16. August

Donnerstag, 17. August

Freitag, 18. August

Samstag, 19. August

 

Dienstag, 22. August

Mittwoch, 23. August

Donnerstag, 24. August

Samstag, 26. August

 

Beginn ist jeweils um 20:30 Uhr. Tickets (49 Franken) gibt es hier.

Video: Trailer zur Inszenierung

 

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