Simone Keller ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Musik spielte da keine Rolle. Heute ist die Pianistin eine der experimentierfreudigsten Musikerinnen der Ostschweiz. Jetzt geht sie für ein halbes Jahr nach Belgrad.

Von Michael Lünstroth

Die Reisezeit beträgt nicht mal zwei Stunden. Trotzdem ist Simone Keller vor diesem Flug etwas nervöser als sonst. „Ich war noch nie so lange in einer fremden Stadt“, erklärt sie am Telefon. Aber natürlich freue sie sich „auch total auf die Zeit“. Die Zeit, das meint in diesem Fall die nächsten sechs Monate. Bis Ende Juli geht die aus der Gegend um Weinfelden stammende Pianistin nach Belgrad. Die Kulturstiftung des Kantons hat sie für das noch junge Atelierstipendium in der serbischen Metropole ausgewählt. Dort hat Keller keinerlei Verpflichtungen und kann machen, was sie will. „Das ist wirklich ein grosses Glück. Oft dauern Atelierstipendien nur drei Monate, kaum ist man richtig angekommen, muss man schon wieder packen. In sechs Monaten hingegen kann man wirklich ganz anders arbeiten“, sagt Simone Keller. Ihr Plan für diese Zeit? Sie wolle mit serbischen Komponistinnen und Komponisten zusammen arbeiten, neue Stücke will sie kreieren, die Atmosphäre der Stadt aufsaugen. „Dabei muss ich aufpassen, dass ich mir nicht schon wieder zu viel verplane, es sollen vor Ort ja auch Dinge aus dem Moment entstehen können“, sagt Keller. Wer zu viel plant, ist irgendwann nicht mehr offen für diese Momente. So viel hat die Musikerin schon aus anderen Auslandsaufenthalten gelernt.

Die Musik wurde zu ihrer Sprache

Dass Simone Keller überhaupt in der Musik gelandet ist, war so auch nicht unbedingt zu erwarten. Sie ist gross geworden auf einem Bauernhof in der ländlichen Region um Weinfelden. Musik spielte da keine Rolle, ihre Eltern hatten keinen Bezug zu dieser Welt. „Ich war auch eher ein ruhiges Kind, habe lange kaum gesprochen“, blickt die Pianistin zurück. Irgendwann erklärt sie ihren Eltern dann aber, dass sie Musik machen möchte. Die tragen es mit Fassung und ermöglichen der Tochter, was machbar ist. „Dafür bin ich ihnen heute immer noch dankbar“, so Keller. Nach der Matura in Kreuzlingen entschliesst sie sich zu einem Studium. Und so beginnt sie ihre Ausbildung in der Konzertklasse von Hans-Jürg Strub und der Liedklasse von Daniel Fueter und Hans Adolfsen an der Zürcher Hochschule der Künste. Daneben nimmt sie Orgel- und Hammerflügelunterricht und besucht Meisterkurse bei Andrzej Jasinski, Siegfried Mauser, Karl Engel und Hartmut Höll. Simone Keller arbeitet hart an sich. Gewinnt erste Preise und Stipendien. Spielt Konzerte in der Schweiz, aber auch in vielen anderen Ländern.

Voller Einsatz: Simone Keller an ihrem InstrumentVoller Einsatz: Simone Keller in ihrem Element. Bild: Doris Kessler

Inzwischen hat sie sich einen Namen gemacht als Künstlerin mit einem Faible für Neue Musik. Das liegt auch daran, dass sie immer wieder Werke zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten uraufführt. Simone Keller hat das für sich nie so wahrgenommen, dass sie nur auf Neue Musik gebucht ist. „Alte Musik, neue Musik, für mich war immer beides gleich aufregend. Weil ich total unberührt zur Musik kam, gab es diese Unterscheidung für mich eigentlich nie. Ich habe eine grundsätzliche Offenheit für interessante Musik“, sagt sie.

Gäbe es den Titel der Integrationsmeisterin, Keller hätte ihn verdient

Es ist nicht der einzige Punkt, in dem sie ihre Herkunft geprägt hat. Neben der eigenen künstlerischen Arbeit widmet sich Simone Keller auch verschiedenen soziokulturellen Vermittlungsprojekten. Weil sie selbst so um den Zugang zur Musik gekämpft hat, will sie diesen Weg auch anderen eröffnen. Mit Vorliebe solchen Menschen, die bislang eher Vorbehalte gegenüber klassischer Musik haben. Zum Beispiel in dem Projekt „Piccolo Concerto Grosso“, das sie 2014 gemeinsam mit dem Regisseur und Komponisten Philip Bartels ins Leben gerufen hat. Hinter dem Namen verbirgt sich eine Musikwerkstatt für Schulklassen mit einem hohen Migrationsanteil und Seniorinnen und Senioren. Diese beiden Gruppen treffen in dem Projekt aufeinander. Ohne musikalische Vorbildung improvisieren und komponieren sie gemeinsam, lernen verschiedene Musikstile kennen und erarbeiten in Zusammenarbeit mit einem professionellen Musikensemble ein grosses Schlusskonzert. Die Integrationsleistung des Projektes hat sich inzwischen bis nach Deutschland herumgesprochen: Im vergangenen Jahr war „Piccolo Concerto Grosso“ für den Junge Ohren Preis nominiert, musste sich letztlich aber dem Rundfunkchor Berlin geschlagen geben.

Auch in anderen Vorhaben kümmert sich die Pianistin um die Randständigen unserer Gesellschaft - um Erwerbslose, Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und Flüchtlinge. Gäbe es einen Preis für nachhaltiges Engagement um gesellschaftliche Integration - Simone Keller müsste unbedingt auf die short list der Nominierten. Was allen Projekten gleicht: die Musik soll die Menschen zusammenbringen. Das Verständnis füreinander wächst danach beinahe automatisch. Weil direkte Begegnungen immer dabei helfen, Vorurteile abzubauen. Fragt man Simone Keller, woher dieses Talent zur Vermittlung kommt, dann muss sie über eine Antwort nicht lange nachdenken. „Ich glaube, meine Herkunft als Bauernkind verschafft mir oft einen anderen Zugang zu den Menschen. Ich habe das Gefühl, sie hören mir im Wissen um meinen Hintergrund anders zu, als wenn ich aus einer reinen Musikerfamilie stammte “, erklärt Simone Keller. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sie sich diesen Zugang zur Musik ganz allein erarbeiten musste. Darin liegt auch eine grosse Kraft. Denn: Wer sich selbst begeistern kann, kann es auch bei anderen. 

Videos: So klingt Simone Kellers Musik