von Andrin Uetz, 23.10.2026
Ankommen in einer Stadt im Ausnahmezustand

Ein Atelierstipendium führt unseren Autor Andrin Uetz nach Belgrad – und mitten in eine Stadt im politischen Ausnahmezustand. Zwischen Polizeigewalt, Feinstaub und falscher Vertrautheit sucht er seinen Platz. Das Belgrad-Tagebuch, Teil 1 von 5. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Als ich Anfang August 2025 meine Ankunft in Belgrad mit Cevapi und einem Bier feierte, versetzte mich die Vertrautheit der Stadt in eine übersteigerte Selbstsicherheit, die noch am selben Abend zunichtegemacht werden sollte.
Von August 2025 bis Ende Januar 2026 war ich in Belgrad. Ermöglicht durch ein Atelierstipendium der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, hatte ich sechs Monate Zeit, mich ganz der Stadt und der Kultur vor Ort zu widmen. Es ist mir wichtig, nicht nur etwas davon mitzunehmen, sondern auch etwas zurückzugeben.
Lange habe ich diesen Text vor mich hingeschoben. Immer wieder kam etwas dazwischen, und es fehlte die Ruhe, um das Erlebte zu ordnen und zu Papier zu bringen. Ich möchte es in diesem fünfteiligen Tagebuch in fragmentarischer und sehr subjektiver Form versuchen.
Seit einer Radreise 2008 von Wien nach Istanbul war ich mehrmals in der serbischen Hauptstadt, wenn auch der letzte Besuch bereits neun Jahre zurücklag. So belächelte ich Zmayas Warnung, dass es um die Atelierwohnung an der Kneza Miloša unweit des Parlaments abends zu Demonstrationen komme und ich daher unbedingt vor 20 Uhr zuhause sein sollte. Als Ansprechperson vor Ort kümmert sich Zmaya um das Wohlergehen der Stipendiant:innen und hilft mit Papieren, Registrierung und bei anderen Bedürfnissen.
Cevapi und Polizeigewalt
Ich nahm ihre Warnung zwar ernst, dachte aber gleichzeitig, dass diese für mich als bereits mit der Stadt vertraute Person nur so halbwegs gelte. Mit vollem Bauch und angeheitert vom Alkohol hörte ich die Demonstration nur von Weitem, kaufte in einem der auch nachts geöffneten Supermärkte das Nötigste für den Haushalt und machte es mir auf dem Balkon der Dachwohnung gemütlich.
Andrin Uetz schreibt bereits seit Jahren für thurgaukultur. Nun berichtet er aus Belgrad, wo er ein sechsmonatiges Atelierstipendium der Kulturstiftung des Kantons Thurgau absolviert hat.
Wir begleiten ihn, weil Kultur nicht an Kantonsgrenzen endet. Ein Aufenthalt im Ausland eröffnet neue Perspektiven, konfrontiert mit anderen gesellschaftlichen Wirklichkeiten und lässt auch die eigene Umgebung in einem anderen Licht erscheinen. Mit dem Tagebuch machen wir zudem sichtbar, was während eines Atelierstipendiums geschieht: nicht nur künstlerische Arbeit, sondern auch Beobachtungen, Begegnungen und Erfahrungen, die sich nicht planen lassen.
Etwas nach 23 Uhr drangen aufgeregte Rufe und Pfiffe von der Strasse bis zum sechsten Stockwerk hoch. Ich konnte gerade noch mein Handy zücken, um zu filmen, wie an der Kreuzung der Kneza Miloša und Kralja Milana rund dreissig Polizisten in Vollmontur auf eine Menschengruppe losstürmen. Schilder und Schlagstöcke treffen auf Körper und Gegenstände. Viele fliehen, einige setzen sich zur Wehr.
Immer wieder werde ich mir später das kurze Video dieses Moments anschauen. Abgesehen von der erschreckenden Polizeigewalt gibt es zwei Figuren, die mir besonders auffallen. Eine Frau in einem blauen Kleid bleibt mitten im Gewusel ruhig stehen. Sie greift weder an, noch weicht sie aus. Sie steht für mich sinnbildlich für eine couragierte Zivilgesellschaft, wie ich sie in den kommenden Monaten immer wieder erleben werde.
Die zweite Figur ist eine Frau, welche sich einem Polizisten gegenüberstellt, sich ein Wortgefecht liefert und ihn mit einer Wasserflasche bewirft. Ein Bild von genau diesem Moment der Gegenüberstellung wird am kommenden Tag in verschiedenen Medien präsent sein, unter anderem in diesem Artikel in der österreichischen Tageszeitung Der Standard.
Video: Polizisten greifen am 13. August 2025 um 23.13 Uhr an der Kreuzung Kneza Miloša und Kralja Milana Protestierende und Passant:innen an.
Feinstaub und Lethargie
In den darauffolgenden Tagen kommt es jeweils abends zu ähnlichen Ausschreitungen. Mal näher, mal etwas weiter weg von der Wohnung, in die ich mich jeweils brav zurückziehe.
Regierungsnahe Hooligans schiessen mit Feuerwerk in die Menschenmenge. Das Tränengas ist so stark, dass ich trotz der Höhendistanz alle Fenster schliessen muss, um nicht den beissenden Geruch einzuatmen. Tags herrscht eine angespannte Stille um das Ćaciland. Das Camp im Pionierski Park vor dem Parlament wird von Regierungssupportern seit März 2025 bevölkert und von der Polizei rund um die Uhr bewacht.
Die vermeintlichen Studierenden, welche gemäss der SNS-Partei gegen die Besetzung der Universitäten protestierten, sind in Wirklichkeit hauptsächlich vernachlässigte Männer im mittleren bis hohen Alter. Arbeitslose, arme Schlucker, die nichts Besseres zu tun haben und vom damaligen Regierungschef Aleksandar Vučić schamlos gegen die eigene Bevölkerung instrumentalisiert werden. Eine fast schon comichafte Inszenierung als Antwort auf die Besetzung der Universitäten durch die als «Blokaderi» verunglimpften Studierenden.
Hitze, Gestank, Verunsicherung
Vorsichtig spaziere ich am Camp vorbei. Die Hitze drückt, es riecht nach Fäkalien und abgestandenem Bier. Der Pionierski Park sei eigentlich einer der schönsten Parks der Stadt, wird mir einige Monate später ein Architekt erzählen. Bis dahin wird meine Angst einer Mischung aus Belustigung und Verzweiflung weichen: Was für ein absurdes Spektakel.
Doch in diesen ersten Tagen bin ich verunsichert und muss die mir eigentlich nicht unvertraute Stadt langsam, Schritt für Schritt abtasten, um mich darin neu zu orientieren. Ich verbringe viel Zeit lesend im Schatten der Bäume im Tašmajdan Park und auch nicht wenig in der kühlenden Luft der Klimaanlage in der Wohnung.
Lethargisch liege ich auf dem Sofa und tauche ins Rabbit Hole von Dokus über Balkankriege, Turbofolk und Subkultur. Der Feinstaub des Verkehrs legt sich wie eine klebrige Schicht über meine Gedanken. Ich muss meine Rolle als Schweizer Kulturschaffender in Belgrad erst noch finden.
Im nächsten Teil: Wie ich lerne, mich als Gast und Zeuge zwischen den Fronten der Proteste zu bewegen.

Weitere Beiträge von Andrin Uetz
- Avantgarde der Alltäglichkeit (06.10.2026)
- Ambivalente Traumfabrik (21.08.2026)
- Ein Orchester aus hundertfünfzig Radios (10.06.2026)
- Verwebung von Kultur und Industrie (12.09.2025)
- Rock und Pop am Bodensee (19.08.2025)
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