von Michael Lünstroth, 17.11.2019

Aufstieg und Fall des Christy Mahon

Aufstieg und Fall des Christy Mahon
Irres Duo: Die Witwe Quin (Nicole Steiner) und der alte Mahon (Erich Hufschmid). | © zVg

Geglückter Spagat: Die Inszenierung von «Der Held der westlichen Welt» ist lustig und traurig zugleich. Das liegt vor allem am spielfreudigen Ensemble der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5.

Der Mensch ist, wenn man so will, oft auch nur ein Spiegel seiner Umgebung. Wie es ihn hinein ruft, so schallt es aus ihm auch wieder heraus. Das hat gute Seiten, aber bisweilen auch tragische. Die gute Seite: Der Mensch kann sich mit seiner Umgebung ändern. Die tragische Seite: Man ist immer ein Stück weit auch den Umständen ausgeliefert.

Beides zeigt auf bemerkenswerte Weise John Millington Synges Stück „Der Held der westlichen Welt“ (im Original „The Playboy of the Western World“, was, kennt man das Stück, irgendwie stimmiger ist). Christy Mahon, Hauptfigur der Handlung, ist ein eher glückloser Jüngling. Sein Vater hält ihn für einen Schlappschwanz und lässt ihn das auch regelmässig wissen. 

Viel Gekreische am Rande der Ohnmacht

Vielleicht ein paar Mal zu oft, denn irgendwann reicht es dem jungen Christy - er streckt den Vater mit der Schaufel bei der Feldarbeit nieder. Christy flieht im Glauben er habe seinen Vater erschlagen und landet in dem kleinen irischen Nest Mayo. Für seine Tat wird er dort regelrecht vergöttert, nicht weil die BewohnerInnen so mordlustig wären, sondern weil endlich mal etwas Bedeutsames passiert. Und Christy erfährt seinerseits, dass auch er etwas bedeutet. Erstmals in seinem Leben wird er richtig wahrgenommen. Und wie: Alle Frauen im Dorf sind verrückt nach ihm, es gibt viel Gekreische am Rande der Ohnmacht und weit aufgerissene Augen, so als wäre dieser Christy Mahon Robbie Williams, Justin Bieber und Ed Sheeran in einer Person.

Und so beginnt ein gegenseitiges Spiel von Projektionen und der Zuschreibung von Bedeutung, das nur im Desaster enden kann. Die Lehre: Bedeutung musst du aus dir selber ziehen, sonst bist du nur ein Reflektor der Anderen. Genau an diesem Spiel der gegenseitigen Erhöhung bis zum vorhersehbaren Zusammenbruch ist auch die Inszenierung des Stoffs von Fabian Alder in der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5 interessiert. Am Freitagabend war Premiere vor ausverkauften Rängen in der kleinen alten Lokwerkstatt hinter dem Bahnhof. 

Ungleiches Paar: Shawn Keogh (Giuseppe Spina) und Pegeen Mike (Nadine Landert) sollen heiraten, haben aber eigentlich nichts gemein. Bild: zVg

Die Inszenierung tappt nicht in die Billige-Klamotte-Falle

Es war ja durchaus ein Wagnis auf so kleiner Fläche ein 12-köpfiges Ensemble zu versammeln. Das kann auch schief gehen und in einer billigen Tür-auf-Tür-zu-Klamotte enden. Genau in diese Falle tappt Regisseur Fabian Alder aber nicht. Auch wenn seine Inszenierung in erster Linie eine sehr, sehr unterhaltsame Bearbeitung des Stoffes ist; sie lässt die Tür zur Ernsthaftigkeit immer einen Spalt breit offen, was dem gesamten Vorhaben sehr gut tut. Und doch versündigt sich die Inszenierung ganz am Schluss ein Stück weit an ihrem eigenen Konzept. Aber dazu später.

Neben Christy Mahon (Florian Steiner) zweite Hauptfigur des Abends ist Pegeen Mike (Nadine Landert). Ein Mädchen vom Land, sie hilft in der Bar ihres Vaters (Markus Keller) aus und ist kurz davor, den gottesfürchtigen Dorftrottel und Schisshasen Shawn Keogh (Giuseppe Spina) zu heiraten. Natürlich verlieben sich Christy und Pegeen ineinander. Sie versprechen sich die Ehe, bevor dann doch wieder alles ganz anders kommt. 

Rasantes Spiel mit tragikomischen Ende

Denn Christys Vater (Erich Hufschmid) ist gar nicht so mausetot, wie es den Anschein hatte. Er ist seinem Sohn gefolgt und will nun Rache nehmen. Aus dieser Konstellation entwickelt sich ein rasantes Spiel auf der Bühne an dessen Ende Christy feststellen wird: „Ihr wart es doch, die mich gross gemacht habt, nicht meine Lügen!“ Und Pegeen fällt mit den Worten „Ich habe ihn verloren, den letzten Held der westlichen Welt“ in ihre frühere Bedeutungslosigkeit zurück.

Eine solche Komödie gelingt vor allem dann, wenn gute Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne stehen. Fabian Alder ist in der glücklichen Lage nicht nur ein gutes, sondern ein sehr gutes Ensemble zu haben. Zwei AkteurInnen muss man hervorheben, weil sie einfach herausragen an diesem Premierenabend: Erich Hufschmid als der alte Mahon und Nadine Landert als Pegeen Mike. 

Vater und Tochter: Michael James (Markus Keller) und Pegeen Mike (Nadine Landert). Bild: zVg

Der eine Moment des Stücks, in dem alles klar wird

Hufschmid hat diesen einen Moment der Inszenierung, in dem plötzlich der ganze Inhalt des Stücks auf wenige Sekunden zusammenschnurrt. Der alte Mahon ist gerade nach Mayo gekommen und sieht wie ein junger Mann, der sein Sohn sein könnte, bei einem Pferderennen gewinnt. Wie Erich Hufschmid hier all die Gefühle von Unsicherheit, Verletztheit, Vaterstolz, Freude, Raserei, Bitterkeit bis zum Hass in wenigen Sekunden durch sein Gesicht wandern lässt, das ist schauspielerisch einfach herausragend gut. Auch deshalb wird dieser Moment eigentlich der Moment des Stücks. Spätestens ab jetzt ist klar, dass die Sache nicht gut ausgehen wird.

Nadine Landert gelingt es in ihrem Spiel ebenso tough wie naiv zu sein. Auch wenn sie am Ende wieder alleine da steht, wird doch offensichtlich, dass sie eigentlich die stärkste Figur in ihrem Dorf ist. Ihr Vater ein Säufer, der Möchtegern-Ehemann Shawn Keogh ein lächerlicher Feigling und alle anderen Figuren des Dorfes sind lediglich Karikaturen ihrer selbst. Als es hart auf hart kommt, ist sie es, die Christy Mahon die Schlinge um den Körper legt, um ihn festzunehmen. Alle Männer hatten mutlos ihre Schwänze eingezogen. Und so wird Fabian Alders Inszenierung zumindest auch ein Stück weit eine Hommage an eine Frau, die sich auch bei allergrösster Verliebtheit den Verstand nicht rauben lässt und alle Männer locker in die Tasche steckt. 

Flirterei: Christy Mahon (Florian Steiner) wird in Mayo auch von Witwe Quin (Nicole Steiner) umschwärmt. Bild: zVg

Schauspielerisch ist das eine grosse Ensembleleistung

Neben Landert und Hufschmid können aber auch die anderen Ensemblemitglieder überzeugen: Florian Steiner als verunsicherter und irgendwie doch auch eitler Christy Mahon, Giuseppe Spina als herrlich komischer Dorftrottel Shawn Keogh, Markus Keller als versoffener Vater von Pegeen und Nicole Steiner als hinreissende Witwe Quin.

Neben der Ensemble-Leistung erweist sich auch der inszenatorische Kniff, das Schauspiel durch Livemusik zu ergänzen, als sehr klug. Was im komödiantischen Spiel manchmal etwas oberflächlich daher kommen mag, bekommt vor allem in den ruhigeren Gesangspassagen (von Tom Waits „Little drop of poison“ bis „Henry Martin“) eine tiefe Ernsthaftigkeit, die eben auch zum Stück gehört. Hier zeigt sich zudem, dass Markus Keller, Erich Hufschmid, Nicole Steiner und Nadine Landert auch sehr passable Sängerinnen und Sänger sind.

Wie sich die Inszenierung am Ende an sich selbst versündigt

Alles also super? Nicht ganz. Am Ende versündigt sich das Stück nochmal an der eigentlich so richtigen Inszenierungs-Idee, auch stille Momente zuzulassen. Im grossen Finale, die Mahons sind gemeinsam abgerauscht, das Dorf Mayo versinkt wieder in Bedeutungslosigkeit und Pegeen Mike singt zart und berührend den irischen Liebesschmerz-Klassiker „Red is the Rose“: It's not for the parting that my sister pains/It’s not for the grief of my mother/’Tis all for the loss of my bonny Irish lass/That my heart is breaking forever.“ Licht aus. Es wäre das perfekte Ende dieser Geschichte gewesen.

Aber genau in diesem Moment verlässt die Macher der Mut. Statt diesen unfassbar traurig-schönen Moment so stehen zu lassen, wartet das Ensemble kaum den Schlussapplaus ab und kleistert die berührende Stille mit dem lauten und rumpeligen Kneipenklassiker „Whisky in the jar“ zu. Vielleicht, weil sie das Publikum nicht deprimiert nach Hause gehen lassen wollten, vielleicht auch, weil all die Energie, die nach der Premiere in ihnen steckte ein Ventil brauchte. Wie dem auch sei: Es war die falscheste Entscheidung des Abends in einer ansonsten sehr gelungenen Inszenierung.

Weitere Aufführungen: Fr. & Sa. 22./23.11. um 20 Uhr; So 24.11. um 17 Uhr; Fr & Sa 29. & 30.11. um 20 Uhr; So, 1.12. um 17 Uhr; Fr & Sa 6. & 7.12. um 20 Uhr, sowie So 8.12. um 17 Uhr. Tickets: 45 Franken. Erhältlich über die Website: www.theaterwerkstatt.ch 

Video: Trailer zur Produktion von Teresa Renn

 

Skandal bei der Uraufführung

Das Stück von John Millington Synge wurde am 26. Januar 1907 in Dublin uraufgeführt. Die Premiere löste beim Publikum, das sich in seiner Ehre gekränkt sah, einen Theaterskandal aus. Zeugen berichten laut Wikipedia von stampfenden, buhrufenden Zuschauern, von betrunkenen Trinity-Studenten, die „God Save the Queen“, und Nationalisten auf der anderen Seite, die „God save Ireland“ und „A Nation once again“ grölten. Die Kämpfe spielten sich demnach zunächst im Theatersaal, später auf den umliegenden Straßen ab und mussten von der Polizei beendet werden. Irische Nationalisten meinten, dass das Stück nicht politisch genug sei und durch seine unmoralische Sprache die Würde Irlands, insbesondere der irischen Frauen verletze. Die vermeintlich klischeehafte Darstellung des ländlichen katholisch-irirschen Unterschichtmilieus wurde von irischen Nationalisten wie dem Sinn Féin-Führer Arthur Griffith als Verhöhnung empfunden.

 

 

 

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