von Bettina Schnerr, 23.04.2021

Corona & ich, Teil 2

Corona & ich, Teil 2
Was macht die Pandemie mit der Kunst? Und was mit den KünstlerInnen? Klangkünstlerin Rahel Kraft, Schriftsteller Usama Al Shahmani und Regisseur Oliver Kühn geben Einblicke. | © Bettina Schnerr, Archiv

Im November hatten wir uns mit den drei Thurgauer Kulturschaffenden Rahel Kraft, Oliver Kühn und Usama Al Shahmani über die Auswirkungen von Corona auf ihre Kunst unterhalten. Auch 6 Monate später ist ein Ende der Pandemie noch nicht in Sicht. Wie geht es den KünstlerInnen heute damit? Ein Update. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Neun Monate mit Einschränkungen, ausfallenden Veranstaltungen und ernsten finanziellen Fragen lagen bei den ersten Gesprächen im vergangenen November hinter uns. Inzwischen kamen weitere sechs Monate hinzu, ganz sicher werden weitere folgen. Wie hat sich die Lage seither verändert?

Arbeiten auf Sparflamme

Eine gewisse Auslastung verzeichnet der Schriftsteller Usama Al Shahmani schon: „Ich arbeite an einem neuen Roman, der im kommenden Jahr beim Limmat Verlag erscheinen wird,“ sagt er. „Dazu kommen immer wieder Aufgaben als Übersetzer und kleine Anfragen von Zeitschriften.“ Der Literaturwissenschaftler gehört ausserdem zum aktuellen Kritikerkreis des SRF Literaturclubs und wird 2022 beim „Thurgauer Lesebuch“ des Saatgut Verlags mit dabei sein.

Die Klangkünstlerin Rahel Kraft arbeitet im Atelier an kommenden Projekten. Die Zeit dafür schuf sie sich unter anderem mit Aufträgen im Winter. Ihr Modell, ihre Arbeit in projekt- und arbeitsbezogene Abschnitte einzuteilen, führt sie fort und wie sie sagt: „Punktuell klappt das Eine oder Andere erfreulicherweise.“ Gewisse Veranstaltungsformate passen sich den Umständen an und so konnte Kraft unter anderem an einem Stream teilnehmen, der einen Ausfall der Veranstaltung kompensierte und im Juli veröffentlicht sie neue Sondcollagen.

Für Theaterleiter Oliver Kühn fanden sich für seine beiden letzten Stücke überraschende Zufälle: „Die Aufführungen von Doppelmord.Herrmann passten gerade so zwischen zwei Wellen,“ erzählt Kühn. Das Kammermusical Trainingslager erlebte zumindest einige Aufführungen, bevor er Anfang Dezember einen Schlussstrich ziehen musste. Nach einer Zwangspause bis März konnte er mit seiner Regie-Arbeit im Figurentheater St. Gallen kleine Vorstellungen vor Einzelklassen geben und aktuell probt er für ein Freilufttheater.

Video: Szenen aus „Das doppelte Lottchen“ (Regie und Stückfassung: Oliver Kühn)

Unsicherheiten als treue Wegbegleiter

Die Situation bietet allen drei Kunstschaffenden einen Boden und doch ergibt sich daraus keine Sicherheit. Das Langfristigkeit der Situation ist dabei das grösste Problem, bringt es Usama Al Shahmani auf den Punkt: „Ohne Perspektiven gibt es keine Planungen und das birgt bei den langen Vorlaufzeiten für Veranstaltungen echte Schwierigkeiten.“ Bei ihm liegt unter anderem ein Theaterprojekt auf Eis, für das es viel Interesse gab. Auf unbestimmte Zeit verschoben, nicht einmal der Herbst 2021 scheint möglichen Partnern sicher genug.

Auch Rahel Kraft wird nicht alles umsetzen können, was für dieses Jahr einmal geplant war, darunter ein Projekt mit der Kunsthalle Luzern. Ebenfalls mit unbekanntem Ausgang. Aber etwas hat sich verändert: „Irgendwie habe ich mich wohl abgefunden und ich vertraue darauf, dass ich Lösungen finde,“ meint sie. „Improvisation und Reaktion auf die Umstände ist Teil meiner Arbeit.“

Kunst für das Publikum — mit oder ohne?

Oliver Kühn hatte Glück und wahrscheinlich hat er das weiterhin: Wegen des geplanten Freiluftstückes sind seine aktuellen Perspektiven günstig, dass er in vergleichsweise kurzer Zeit wieder auftreten kann. Bei Usama Al Shahmani gilt das nicht und das ist etwas, was dem Frauenfelder nicht nur sehr fehlt, sondern auch belastet.

Er zieht aus Begegnungen viel Energie für sein Schaffen, doch davon kann derzeit keine Rede sein. „Zwischen Dezember und April fallen alleine 17 Lesungen aus, darunter einige grosse Veranstaltungen“ erzählt er. Austausch aber ist für essentieller Bestandteil seiner Arbeit. „Dass ich nicht einschätzen kann, wie es weitergeht, bereitet mir wirklich Sorgen.“

„Dass ich nicht einschätzen kann, wie es weitergeht, bereitet mir wirklich Sorgen.“

Usama Al Shahmani, Schriftsteller (Bild: Bettina Schnerr)

Bei Rahel Kraft ist der direkte Publikumskontakt nicht bei jedem Projekt gegeben. Für sie spielt eher der Raum und damit verbunden die Klangqualität eine grosse Rolle. Als Performerin hat sie oft keine fixe Position während ihrer Aufführungen. Manchmal bleiben auch die ZuhörerInnen nicht am Platz.

„Streaming ist keine Lösung, da sie solche gemeinsamen Erfahrungen nicht übermitteln kann,“ sagt sie. Doch Veranstalter beweisen in diesem Bereich Kreativität. Klangmanifeste in Wien gestaltete Litfasssäulen zu künstlerischen Anlaufpunkte um, wo mit QR-Codes Video- und Soundarbeiten abgerufen werden konnten. Als Freiluftveranstaltung löst das Konzept die Herausforderung, Menschen weiträumig voneinander zu trennen, und nimmt gleichzeitig Einfluss auf die Tonqualität.

Wie wäre es mit einem Grundlohn?

Finanziell nehmen die drei Kunstschaffenden sehr unterschiedliche Strömungen wahr. Oliver Kühn hat es gut getroffen, da seine Projekte oft mit teilweisen Vorfinanzierungen auf die Beine gestellt werden. Trotz der ausgefallenen Vorstellungen bilanziert das Theater derzeit nur ein Defizit von 1500 Franken.

Rückstellungen fangen die Summe auf. Die fehlenden Gelder könnte er durchaus einfordern, aber dazu hat er eine klare Haltung: „Für mich eine Frage von Fairness und Anstand,“ lehnt er ab. „Das Theater hatte gut kalkuliert, viel Glück und andere brauchen die Gelder ganz sicher nötiger.“

 

„Das Bild des Künstlers ist in der Schweiz doch sehr romantisiert und ich finde es wertvoll, dass es realistischer wurde.“

Rahel Kraft, Klangkünstlerin

Für Usama Al Shahmani, dessen Einkünfte als Schriftsteller massgeblich von Veranstaltungen und Lesungen geprägt sind, ist die Situation nicht so sorgenfrei. Eine grosse Unsicherheit, die schon im letzten Gespräch eine Rolle spielte, bleibt nämlich bestehen: „Viele Lesungen werden inzwischen gar nicht erst gebucht,“ erklärt er. Achtzig Prozent ausfallender Erlöse übernehmen das Kulturamt und die Ausgleichskasse des Kantons Thurgau. Doch für verschobene oder nicht gebuchte Termine gibt es nichts. Eine Lösung dafür ist nicht in Sicht.

„Das verursacht finanzielle Sorgen, denn hier geht es effektiv um Existenzen.“ Bei selbständigen Künstlern alternativ Abgleiche mit dem Monat vom Vorjahr anzustellen, funktionierte letztes Jahr schon nicht gut. „Ein befristeter Grundlohn wäre schon eine Lösung,“ überlegt er.

Video: Usama Al Shahmani als Literaturkritiker beim SRF Literaturclub

Viel Bürokratie, aber auch mehr Angebote

Die angebotene Vereinfachung der Bürokratie wurde offenbar nicht umgesetzt. Aber: „Ich habe den Eindruck, dass für uns fast einfacher geworden ist als zu normalen Zeiten,“ sagt Oliver Kühn.

Während er sich bei seinen Eingaben für „Trainingslager“ in Vor-Corona-Zeiten noch rechtfertigen musste, dass er ein Kammerstück für wenige Zuschauer machen wollte, half diese Konstellation während der Aufführungsphase: „Rückblickend hat es sich gelohnt, daran festzuhalten, weil wir während der Krise das Stück überhaupt nur deshalb spielen konnten.“

Rahel Kraft spürt, dass die Kantone reagiert haben: „Zürich und Basel bieten inzwischen pauschalere Rahmen für Künstler an, haben mehr dieser Formate geschaffen oder aufgestockt,“ weiss sie. Dazu gehören auch Recherchebeiträge des Kantons Thurgau oder Arbeitsstipendien. Werkbeiträge diverser Stiftungen, darunter ProHelvetia, helfen ebenfalls oft auf breiterer Basis als zuvor.

„Ich habe den Eindruck, dass für uns fast einfacher geworden ist als zu normalen Zeiten“, sagt Theatermacher Oliver Kühn. Bild: Archiv

Wie halten wir es mit der Kunst?

Auf einen zentralen Punkt hat die kritische Lage der Kunstschaffenden auf alle Fälle aufmerksam gemacht: „Corona löste wichtige Diskussionen aus und rückte das Bild der Kunst gerade,“ findet Rahel Kraft. „Das Bild des Künstlers ist in der Schweiz doch sehr romantisiert und ich finde es wertvoll, dass es realistischer wurde.“ Die Idee von beseelten Talenten, denen ihr Schaffen zufliegt, ist hoffentlich passé. Zu jedem realisierten Projekt gehören Ausbildungen, Zeit, auch Rückschläge, und viel Vorarbeit.

Und das Wissen um die finanziellen Realitäten wurde geschärft. Eine vernünftige politische Lobby ist damit noch nicht geschaffen, aber was nicht ist, kann noch werden.

Denn dass es ohne Kultur ginge, weil es gerade scheinbar irgendwie funktioniert, ist ein Trugschluss. Alleine in der Schweiz erwirtschaft Kultur eine Wertschöpfung von 15 Milliarden Franken. Ein Vorschlag vom Jazz-Musiker Till Brönner: Wer immer noch glaubt, dass Kultur verzichtbar sei, dem drehen wir drei Tage lang einfach mal die Musik im Radio ab.

 

Reinhören und weiterlesen

Reinhören: Fast eine Stunde Klangkunst von Tomoko Hojo und Rahel Kraft: ”Wie klingt Zuhause? My Place/My Sound – Dreaming with Ears” in einer Fassung für Deutschlandfunk Kultur.

 

Weiterlesen: Den ersten Teil zu «Corona & Ich» findet ihr hier. Dort sprechen Rahel Kraft, Oliver Kühn und Usama Al Shahmani über die damaligen Auswirkungen der Pandemie auf ihre Arbeit, was ihnen Mut macht und was ihnen Sorge bereitet.

 

 

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