von Judith Schuck, 27.11.2025
Der Fälscher, der um sein Leben malte

Im Spycher Scherzingen erzählt Patrick van Odijk von einem Fälscher, der Hermann Göring täuschte – und damit sein Leben rettete. Eine Lesung, die zeigt, wie nah Wahrheit und Betrug beieinanderliegen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
«Das Kunstwerk ist grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen. Was Menschen gemacht hatten, das konnte immer von Menschen nachgeahmt werden. Solche Nachbildung wurde auch ausgeübt von Schülern zur Übung in der Kunst, von Meistern zur Verbreitung der Werke, endlich von gewinnlüsternen Dritten.» So fasste der jüdische Philosoph Walter Benjamin 1935 im Pariser Exil in seinem berühmten Aufsatz «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» die Problematik zusammen. Fast 100 Jahre später ist das Thema aktueller denn je – nicht zuletzt wegen künstlicher Intelligenz, die Urheberrechtsfragen in neue Dimensionen hebt.
Um eben diese «gewinnlüsternen Dritten», die Benjamin erwähnt, ging es auch an einer Lesung im Scherzinger Spycher. Der Journalist und Autor Patrick van Odijk, der in Ravensburg aufwuchs und niederländische Wurzeln hat, kam zum Thema seines Debütromans «Der falsche Vermeer», als er auf die Geschichte von Han van Meegeren stiess. Van Meegeren (1889–1947) war Maler, Restaurator – und einer der raffiniertesten Kunstfälscher des 20. Jahrhunderts.
«Eine spannende Persönlichkeit, ein Hasardeur, ein Spieler. Er ist steinreich geworden», erklärt der Autor. In den Niederlanden, Grossbritannien und den USA wurde viel über ihn geforscht. «Doch niemand hat wirklich erzählt, warum er Fälscher und nicht zeitgenössischer Künstler wurde.» Diese Lücke wollte van Odijk schliessen.
Eine junge Reporterin nimmt die Spur auf
Bei seinen Recherchen profitierte er von der offenen Archivkultur in den Niederlanden. Besonders die Bestände der drei grossen Widerstandszeitungen aus der Zeit des Nazi-Regimes waren für ihn wertvoll. Eine davon, Het Parool, spielt im Roman eine zentrale Rolle: Die junge Reporterin Meg van Hettema kommt dem Fälscher auf die Spur.
Im Roman heisst er Jan van Aelst – ein Mann, der wie sein historisches Vorbild nicht nur Vermeer imitierte, sondern sogar eine Fälschung an Hermann Göring verkaufte. Die Nationalsozialisten verehrten die alten Meister als wahre Kunstschaffende und stempelten zeitgenössische Künstler:innen als «entartet» ab – auch das thematisiert der Roman eindrücklich.
Der Spycher in der Spycherstrasse 13 in Scherzingen ist vermutlich das älteste Gebäude der Gemeinde. Heute gehört er Herbert Lippenberger, Historiker und Pädagoge, der das spätmittelalterliche Steinhaus für kulturelle Anlässe öffnet. Zuvor gehörte es dem Maler Karl Beutler und später dessen Tochter. Beutler dokumentierte die Landschaft rund um Scherzingen in zahlreichen Werken und nutzte den Spycher jahrzehntelang als Atelier. Den Abend im Spycher ermöglichte der Kulturverein Hööi aus Altnau, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Menschen bei Essen und Kultur zusammenzubringen.
Doch van Odijk will nicht nur historische Fakten erzählen. Sein Buch lädt dazu ein, grundsätzlich über Wahrhaftigkeit, Täuschung und moralische Grauzonen nachzudenken. Van Aelst landet im Gefängnis, weil er mit den Nazis kollaborierte.
Der Spektrum-Artikel zum realen Fall beginnt so: «Im Juli 1945 stand der Maler Han van Meegeren in seinem Atelier in Amsterdam und malte um sein Leben. Er musste beweisen, dass er tatsächlich ein Kunstfälscher war. Sollte ihm das nicht gelingen, drohte ihm die Todesstrafe. Der Grund: Van Meegeren war wegen Landesverrat angeklagt. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs ein Gemälde verkauft – an den Nationalsozialisten Hermann Göring.»
Verbrecher oder Held?
Van Meegeren – und mit ihm van Aelst – wurde aber auch als Held gefeiert. Van Odijk stiess etwa auf den Titel der Times: «The Man Who Cheated Goering». Auch der britische Guardian stilisierte ihn zu jemandem, der sein Leben riskierte, um Kunstkritiker zu narren. Gleichzeitig war sein persönliches Leben von schweren Abhängigkeiten geprägt – Alkohol und Opium setzten ihm stark zu.
Im Laufe des Abends tauchen zahlreiche Fragen auf: Was ist wahr? Was ist falsch? Und wer entscheidet das überhaupt? Van Odijk erzählt nebenbei, wie anders niederländische Medien funktionieren: Bericht und Kommentar werden häufig vermischt, eine klare Trennung von Information und Meinung ist weniger ausgeprägt als in der Schweiz oder Deutschland. Auch dadurch wird das Ringen um Wahrheit komplexer.
Wenn Fälschungen gar nicht entlarvt werden sollen
Kunstfälschungen sind weit verbreitet. Sie hängen in Galerien, Museen und gelangen in Auktionshäusern unter den Hammer. Fachleute könnten viele davon relativ schnell entlarven – doch nicht alle Institutionen haben ein Interesse daran. Die Berliner Provenienzforscherin Carolin Faude-Nagel stellte bei einer Tagung fest, dass Fälschungen nur selten konsequent aufgeklärt oder aus dem Markt entfernt werden.
Kunstwissenschaftler Johannes Nathan, spezialisiert auf Alte Meister, betont: «Wenn Einzelpersonen oder eine kleine Gruppe über einen Überhang an Autorität verfügen, bleiben Kontrollen aus und Widerstand wird unterdrückt.» Auch van Odijk bestätigt: Museen profitierten oft davon, einen vermeintlichen «echten» Meister zu zeigen.
Psychologie der Täuschung
Zum Erfolg einer Fälschung trägt auch Psychologie bei. «Wenn man ein guter Fälscher sein möchte, macht man die Gemälde, die die Expert:innen suchen. Dann schauen sie nicht mehr so genau hin», erklärt van Odijk. Viele Expert:innen verlassen sich bis heute vor allem auf die Augenscheinnahme – obwohl technische Analysen längst verfügbar wären. In seinem Roman beschreibt van Odijk detailliert, wie Jan van Aelst experimentiert, um die Materialität alter Farben glaubhaft zu imitieren.
Unter anderem mischt er Bakelit – den damals neuen Kunststoff, aus dem etwa Telefone der 1940er-Jahre bestanden – unter die Pigmente. Passend dazu brachte van Odijk ein solches Bakelit-Telefon mit zur Lesung. Ebenso einen Genever, den niederländischen Wacholderschnaps, von dem sowohl der historische Van Meegeren als auch der fiktive van Aelst reichlich tranken.
Ein falscher Dix – am Papier enttarnt
Nach der Lesung konnten die Besucher:innen mit einem Gläschen Genever auf die verworrenen Geschichten von Wahrheit und Täuschung anstossen. Damit der Schnaps nicht zu schwer auflag, gab es Gouda und eine vom Verein Hööi zubereitete Suppe.
Unter den Gästen war auch die Singener Galeristin Helena Vaihinger. Sie attestierte dem Roman einen hervorragend recherchierten Hintergrund. Sie selbst war schon Fälschungen begegnet und erkannte einmal eine angebliche Otto-Dix-Zeichnung allein an einem bestimmten Papier – ein Material, das es zu Dix’ Zeit so nicht gab. Eine fast absurde Anekdote erzählte van Odijk zum Abschluss: Der Sohn des «echten» Han van Meegeren trat tatsächlich in die Fussstapfen seines Vaters – und wurde ebenfalls Künstler und Kunstfälscher.

Von Judith Schuck
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