Der Teufel trägt Hut

Der Teufel trägt Hut
Der Blick des Teufels: Hans-Rudolf Spühler ist der Teufel in Florian Rexers Inszenierung von «Die schwarze Spinne». Zumindest halb. | © Sascha Erni

Angst, Tod, Aberglauben - die Schlossfestspiele Hagenwil wagen sich in diesem Jahr mit „Die schwarze Spinne“ von Jeremias Gotthelf an einen düsteren Stoff. Wie gemacht für unsere Pandemie-Zeit.

Nur mal angenommen, der Tod eines Menschen könnte die Leben vieler anderer Menschen retten: Wäre es zu rechtfertigen, dieses eine Leben zum Wohle der anderen zu opfern? Geht das überhaupt? Darf man Menschenleben so miteinander verrechnen, dass der einzelne Lebenswert quasi nach Menge bestimmt wird? Derlei brisante Fragen sind der Kern von Jeremias Gotthelfs Novelle „Die schwarze Spinne“, die 1842 erschienen ist. Der Schweizer Dichter hat seine Haltung zur Eingangsfrage darin klar formuliert: „Die Schuld an einer Seele wiegt tausendmal schwerer als die Rettung tausend und abermal tausend Menschenleben“, heisst es da.

Aktuell sind diese Fragen bis heute und wohl auch deshalb kommt der Stoff nun bei den Schlossfestspielen Hagenwil ab 5. August auf die Bühne. Dass diese düstere Geschichte über Teufel, Gott und eine Gesellschaft in Angst nun ausgerechnet der eher als Pointen-Jäger bekannte Florian Rexer inszeniert, verspricht, neben der offensichtlichen Relevanz des Stoffes in Zeiten einer Pandemie, ein bisschen Spannung vor der Premiere.

Regisseur Florian Rexer bei der Probenarbeit. Bild: Sascha Erni

Der Teufel fährt Motorrad und hat eine Persönlichkeitsspaltung

Ein Dienstagabend in Hagenwil. Es ist einer dieser schwül-heissen Sommertage, die im gefühlten 2-Stunden-Rhythmus zwischen Tropenklima und monsunartigen Regenfällen wechseln. Florian Rexer steht in schwarz-weissen Bermudashorts, schwarzem T-Shirt und grauen Slippern vor seinem Ensemble. „Wir haben noch eine Woche bis zur Premiere, ich möchte in den nächsten Tagen ein bisschen Putzarbeit machen, also das Stück bereinigen, so dass wir es in eine stimmige Version bekommen“, sagt der Regisseur.

Seine SchauspielerInnen gucken, nicken und dann kann es los gehen. Alle auf Position, ein lauter Motor knattert vor dem Schloss, Gitarrenriffs von AC/DC (natürlich „Highway to hell“) kommen vom Band und Hans-Rudolf Spühler und Bigna Körner fahren mit schwarzem Motorrad vor. Kennzeichen: TG - 666. Der Teufel sitzt in Rexers Version auf einem Motorrad und leidet offenbar unter einer Persönlichkeitsspaltung: Er ist Mann und Frau zugleich.

Des Teufels Motorrad. Bild: Sascha Erni

Die namenlose Angst, die überall und nirgends ist

Zu Jeremias Gotthelfs Zeiten war das noch einfacher: In dessen Novelle erscheint der Teufel im Kleid des Grünen Jägers und verführt die dörfliche Bevölkerung, sich auf einen Pakt einzulassen: Er hilft ihnen beim beschwerlichen Bau eines Schattengangs für ihren tyrannischen Herren, dafür fordert er für sich ein ungetauftes Baby. Man ahnt, in welch ausweglose Situation sich die Bauern da bringen werden und doch ist es erst der Anfang des Terrors, den die das Stück seinem Namen gebende Schwarze Spinne in ihre Leben bringen wird. „Das Sterben daran war schrecklicher als man es je erfahren und schrecklicher noch als das Sterben war die namenlose Angst vor der Spinne, die allenthalben war und nirgends“, schreibt Jeremias Gotthelf.

Von da ist es dann wirklich nicht mehr weit in unserer Corona-Gegenwart. „Die Parallelen sieht ein Blinder mit Krückstock“, findet Florian Rexer. Das Stück zeige eine Gesellschaft im Krisenmodus. „Die Spinne ist da und mit ihr die Angst vor ihr. Und beides bekommst du einfach nicht weg, egal was du tust“, erklärt der Regisseur. Die Arbeit an dem Stück - für ihn einer der herausforderndsten Stoffe, die er je inszeniert hat: „Das Stück lässt Dich nicht mehr los, es prüft uns immer wieder aufs Neue und zeigt sich jedes Mal von einer anderen Seite“, sagt Rexer.

Das Ensemble der diesjährigen Schlossfestspiele Hagenwil bei der Eröffnungsszene. Bild: Sascha Erni

Coronavirus stellt besondere Herausforderungen ans Theater

Das Coronaviurs hatte die Schlossfestspiele Hagenwil lange vor der ersten Probe vor eine schwere Entscheidung gestellt: Soll man in diesem Jahr aufführen, oder nicht? Als klar war, dass es grundsätzlich möglich wäre, haben sie sich entschieden, auf die Bühne zu gehen. „Wir sind superfroh, dass wir überhaupt spielen können, auch wenn in diesem Jahr alles ein bisschen komplizierter ist“, erklärt Florian Rexer, der ja nicht nur Regisseur, sondern auch künstlerischer Leiter der Schlossfestspiele ist.

Abstände einhalten, das ist im engen Schlosshof noch schwieriger als anderswo. Deshalb gilt besondere Vorsicht: Die ZuschauerInnen werden bei den Aufführungen nach Sitzreihen zu ihren Stühlen gebeten, statt 167 werden maximal nur 110 ZuschauerInnen pro Vorstellung eingelassen, Desinfektionsmittel stehen bereit, das Stück läuft ohne Pause und die sonst übliche Premierenfeier fällt in diesem Jahr aus.

Wie viel Glück ist dem frisch geborenen Kind vergönnt? Bild: Sascha Erni

Grosse Pfützen und ein Teufelspakt

Bei der Probe eine Woche vor der Premiere schüttet es derweil aus Kübeln. Der Regen prasselt auf die Bühne. Die Produktionsleiterin Rebekka Schroff wischt engagiert gegen die Wasserströme an. Ein Match, das sie nicht gewinnen kann, am Ende stehen etliche Pfützen auf der Bühne. Dem Regisseur Florian Rexer geht die gute Laune trotzdem nicht aus: „Ein bisschen weniger Regen, Andi!“, ruft er seinem Techniker zu. Die SchauspielerInnen proben ungerührt weiter. Der grüne Jäger will sie gerade von seinem Teufelspakt überzeugen und man spürt wie sie nach und nach weich werden und sich der Verheissung ergeben.

Gott, Teufel, Aberglaube - es steckt viel in dem Stück, was uns auch heute bewegt. Regisseur Rexer bekennt, dass er seit der Arbeit an der Schwarzen Spinne intensiver über Gott nachdenkt. Der echte Donnerschlag, der den vom Band an der exakt geplanten Stelle der Probe übertönt, ein Glockenschlag zu unerwarteter Zeit, Menschen, die in Teufelskostümen am Schloss vorbeifahren - Theaterleute neigen ohnehin zu Aberglauben, aber das was hier passiert, überrasche ihn immer wieder, sagt Rexer. „Entweder ist es Gott oder Doris“, fügt er noch an. Und meint damit Doris Haudenschild, Schauspielerin und langjähriges Ensemblemitglied der Schlossfestspiele, die im vergangenen Jahr gestorben ist.

Was der Regisseur Florian Rexer sieht. Bild: Sascha Erni

Die Spinne? Sie schlummert längst in uns allen

Dass der Teufel die Menschen stets verführe, sieht er im Übrigen nicht unbedingt. „Alles, was passiert, initiieren die Menschen selbst, der Teufel muss im Grund gar nicht eingreifen“, findet er. Und selbst wenn die Spinne am Ende besiegt wird, weiss man nicht so recht: Ist sie wirklich besiegt? Oder schlummert die Niedertracht der Spinne ohnehin in jedem von uns und kann jederzeit ausbrechen?

Wenn man so will, ist Jeremias Gotthelfs Geschichte das Spiegelbild einer vor-wissenschaftlichen Gesellschaft in Krisenzeiten. Gelänge es der Inszenierung diesen Spiegel vor unsere wissenschaftliche Gesellschaft in Zeiten der Pandemie zu stellen - Gotthelf wäre endgültig in der Gegenwart angekommen.

Termin: Premiere der Schlossfestspiele Hagenwil ist am Mittwoch, 5. August. Gespielt wird bis zum 5. September fast täglich. Eine Übersicht zu allen Terminen gibt es in unserer Agenda. Tickets (61,25 Franken) gibt es direkt über die Internetseite der Schlossfestspiele.

Regisseur Florian Rexer im Gespräch mit Thurgaukultur-Redaktionsleiter Michael Lünstroth am Rande der Proben im Schloss Hagenwil. Bild: Sascha Erni

 

Theater für Kinder bei den Schlossfestspielen

Jedes Jahr gibt es bei den Schlossfestspielen auch eine Inszenierung für Kinder. In diesem Jahr steht der Kinderbuchklassiker „Der Zauberer von Oz“ auf dem Programm. Florian Rexer führt Regie. In der Geschichte geht es darum: Ein Sturm trägt die kleine Dorothy Gayle in das magische Land Oz. Verzweifelt macht sie sich auf den Weg in die Hauptstadt, wo der grosse Zauberer von Oz lebt. Nur er kann ihre Rückkehr nach Hause ermöglichen. Der Weg dorthin wird zu einer Reise voller Gefahren und Abenteuer, doch findet Dorothy schnell neue Freunde und Verbündete: eine Vogelscheuche, die sich Verstand wünscht, ein Mann aus Blech, der gerne ein Herz hätte, und einen furchtsamen Löwen, der unbedingt mutiger sein möchte.

 

Aufführungen: Premiere ist am Sonntag, 9. August, 15 Uhr. Alle weiteren Aufführungstermine gibt es bei uns in der Agenda. Das Stück dauert ca. 40 Minuten und richtet sich an Kinder ab 5 Jahren. Tickets (13 Franken für Kinder, 19,50 Franken für Erwachsene) hierfür gibt es auch über die Internetseite der Festspiele.

 

 

 

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