von Michael Lünstroth, 06.08.2019

Vom Zauber des Anfangs

Vom Zauber des Anfangs
Will Geschichten erzählen: Jung-Autorin Olivia Grubenmann. | © zVg

Schriftstellerin? Autorin? Ist das heute noch ein Berufsziel für junge Menschen? Für Olivia Grubenmann aus Wuppenau auf jeden Fall. Sie arbeitet gerade an ihrem ersten Roman. Es soll ein Porträt ihrer Generation werden. 

Über wenige Berufe gibt es so viele Klischees wie über den des Schriftstellers: Er wartet pfeifenrauchend im Sessel auf den einen genialen Einfall. Sie sitzt stundenlang in Cafés und tut so als würde sie arbeiten. Und besonders beliebt: Schriftsteller schlafen immer bis mittags, weil sie die ganze Nacht wie im Rausch durchgearbeitet haben. Begleitet nur vom heiligen Geist des exquisiten Rotwein, der seit dem letzten Toskana-Urlaub kistenweise im Keller lagert. 

Olivia Grubenmann kennt diese Klischees nur zu genau. Sie ist 24 Jahre alt, hat gerade ihre Bachelorarbeit an der Uni Zürich abgegeben und will jetzt Schriftstellerin werden. „Ich habe am Anfang auch gedacht, ich müsste jetzt abends schreiben und die ganze Nacht am Schreibtisch sitzen, weil das doch angeblich alle so machen“, sagt sie im Gespräch mit thurgaukultur.ch Versucht hat sie es schon. Hat nicht funktioniert. „Das war ein ziemlicher Krampf. Die Texte, die dabei entstanden sind, taugten nichts. Ich habe das dann wieder gelassen.“ Sie schreibt jetzt lieber am Morgen. Da könne sie besser arbeiten.

Die Kulturstiftung unterstützt den neuen Roman mit einem Werkbeitrag

Aktuell liegt auf ihrem Schreibtisch - der Plan für einen neuen Roman. „Millennials“ soll er heissen, darin will die 24-Jährige so etwas wie das Porträt ihrer Generation aufschreiben. „Es handelt sich um die Geschichte einer Treibenden, die versucht, ihren Platz und ihre Stimme zu finden, in einer lauten, schnelllebigen Zeit voller Möglichkeiten“, schreibt sie im Exposee zum Roman. Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau fand die Idee so gut, dass sie der jungen Autorin einen Werkbeitrag in Höhe von 5000 Franken zugesprochen hat. Hauptschauplatz der Geschichte ist Zürich, aber auch Thurgauer Ort wie Arbon und Kreuzlingen tauchen im Roman auf. 

Die Frage allerdings ist: Wie kommt jemand in dieser Zeit noch auf die Idee, sein Leben der Literatur zu verschreiben? Olivia Grubenmann, hellblaues Kleid, die Haare zum Zopf zusammengebunden, Nettes-Mädchen-von-nebenan-Look, kramt für die Antwort darauf ein bisschen in ihrer Kindheit: „Ich habe schon in der 3. Klasse angefangen zu schreiben, meine Lehrerin hat das damals bemerkt und hat mich gefördert. Später habe ich Gedichte geschrieben, Kurzgeschichten. Mir hat das immer wahnsinnig viel Freude gemacht. Es hat mich irgendwie erfüllt“, sagt die 24-Jährige. Ihre Maturaarbeit an der Kantonsschule Wil war ein englischer Roman. „Nach der Kanti wollte ich dann das Handwerk des Schreibens lernen“, sagt Grubenmann. Sie macht das an der Schule für Angewandte Linguistik in Zürich. Dort absolviert sie den Kurs „Literarisches Schreiben“. 

«Das Schreiben hat mir schon immer wahnsinnig viel Freude gemacht. Es erfüllt mich irgendwie.»

Olivia Grubenmann, Jung-Autorin

Neben der Theorie geht sie aber auch in die konkrete Praxis: Gemeinsam mit einer Freundin gründet sie das Onlinemagazin intimagazine.com, ein Magazin, in dem sie über alles schreiben, was sie interessiert. Der Blog ist noch online, der aktuellste Beitrag ist aus dem Mai 2019. „Während der Bachelorarbeit blieb leider nicht mehr so viel Zeit dafür, aber ich habe dort sehr viel gelernt“, erklärt Olivia Grubenmann. Ihre Abschlussarbeit an der Uni Zürich widmete sie übrigens einem anderen Thema, das ihr wichtig ist: Klimaschutz. Sie hat untersucht, wie nachhaltig die so genannten „Green cities“ wirklich sind.

In ihrer literarischen Arbeit will sie Geschichten erzählen, die sie selbst erlebt hat, zu denen sie auch wirklich etwas sagen kann. So entstand auch die Idee zum neuen Roman „Millennials“: „Egal mit welchen Leuten in meinem Alter ich spreche, irgendwann kommt es beinahe automatisch zu den Themen ‚Angst vor der Zukunft‘, ‚Druck der Gesellschaft‘ und ‚Überforderung bei wichtigen Entscheiden‘“, sagt die Jung-Autorin. Was vielen in ihrer Generation fehle, sei der Mut, sich selbstbestimmt für etwas zu entscheiden und sich nicht vom Umfeld in eine Richtung drängen zu lassen oder in Angst zu erstarren, findet Grubenmann. Mit ihrem Roman wolle sie jungen Menschen zeigen, „dass sie mit ihren Sorgen und Ängsten nicht allein sind“.

Im Januar 2020 soll der Roman fertig sein. Und dann?

Sechs Kapitel des Romans hat sie bereits geschrieben, Konzept und Handlung stehen für 16 weitere Kapitel. Wie fix ist der Roman in ihrem Kopf bereits? „Die wesentlichen Erzählstränge sind angelegt, die Figuren stehen fest, aber ich bin auch noch offen für Umwege und Neuentdeckungen beim Schreiben“, sagt die 24-Jährige. Den Herbst will sie zur intensiven Schreibphase nutzen. Dass sie sich diese Zeit ohne Druck noch anders Geld verdienen zu müssen, nehmen kann, verdankt sie der Unterstützung durch die Kulturstiftung. Wenn alles gut läuft, will sie den Roman im Januar 2020 fertig haben. 

Danach folgt der für alle Jung-Autoren schwierigste Teil - einen Verlag zu finden, der das Manuskript auch veröffentlichen will. Olivia Grubenmann weiss, dass das auf sie zukommt, aber sie will sich damit jetzt noch nicht zu sehr beschäftigen. Jetzt gehe es erstmal darum, den Roman fertig zu schreiben, sagt sie. Alles andere komme danach. Wer so gelassen ist, scheint zwei wichtige Lektion schon gelernt zu haben, die es braucht, um als Schriftstellerin Erfolg zu haben: Geduld. Und den Glauben an das eigene Können.

Leseprobe: Texte von Olivia Grubenmann können Sie in diesem Dokument runterladen Leseprobe von Olivia Grubenmann.pdf

 

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