von Bettina Schnerr, 28.05.2021

Die Wiederentdeckung des Humors

Die Wiederentdeckung des Humors
Szene aus der Komödie „Floh im Ohr“, die Fabian Alder für das Theater Magedeburg inszeniert hat. Alder erhält in diesem Jahr einen der Kultur-Förderbeiträge des Kantons Thurgau. | © Andreas Lander

Der Regisseur Fabian Alder will Komödien und Boulevardstücken die gesellschaftliche und politische Relevanz zurückbringen, für die diese Gattung Theaterstücke lange Zeit bekannt war. Dafür erhält er dieses Jahr einen der Förderbeiträge des Kantons Thurgau. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Schaut man auf die Stücke, die Fabian Alder inszenieren kann, findet man eine breite Mischung: Klassiker wie Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ und Schillers „Die Räuber“ gehen Hand in Hand mit einer Fassung des Filmklassikers „Blade Runner“ und Volksstücken wie „Fräulein Pollinger“. Gerade in den letzten Jahren hat er sich mit Komödien und Boulevardstücke eine Nische geschaffen.

Der gebürtige Weinfelder arbeitet zur Zeit viel in Wien am Theater in der Josefstadt und dem Theater Bronski & Grünberg. „Die Stückauswahl trifft mal die künstlerische Leitung des Theaters, mal kann ich Vorschläge einbringen,“ erzählt Alder. Seine letzte Arbeit in der Schweiz war 2019 die Zusammenarbeit mit dem Theater Gleis 5 in Frauenfeld.  In Magdeburg läuft demnächst die Komödie „Floh im Ohr“.

Video: Fabian Alders jüngste Arbeit im Thurgau (2019)

Theatertexte sind nicht für die Ewigkeit

Der Förderpreis des Kantons Thurgau unterstützt die Arbeit von Fabian Alder allerdings nicht im Bereich Regie, wie man nun vermuten könnte. Alder reichte ein Schreibprojekt ein, erzählt er: „Vor etwa drei Jahren begann ich, Texte zu bearbeiten. Komödien oder Volksstücke sind üblicherweise keine Texte für die Ewigkeit.“ Alder versah die Texte mit aktualisierten Bezügen und wurde für seine Bearbeitungen belohnt: „Während der Aufführungen erlebt man die Reaktionen des Publikums auf einzelne Szenen ganz direkt mit und gerade die aktualisierten Passagen kamen gut an.“

Gerade Komödien sind, so der Thurgauer, ein dankbares Pflaster dafür. Traditionell wurden sie mit aktuellen Bezügen gespickt und das zeitgenössische Publikum verstand die Anspielungen auf Tagesgeschehen und Personen. Daraus speiste sich ein grosser Anteil an den Erfolgen und Theater zeigte gesellschaftliche und politische Relevanz.

Regisseur Fabian Alder (l.) und Schauspieler Erich Hufschmid im Pressegespräch zur Produktion «Der Held der westlichen Welt» in der Theaterwerkstatt Gleis 5. Bild: Claudia Koch

Fingerzeige nach aussen wirken nicht

In solchen Stücken wurde gerne das Bürgertum aufs Korn genommen, also genau jene Leute, die im Saal sassen. Eine Kunst, die etwas verloren gegangen sei. Denn die gerne praktizierte Methode, in Inszenierungen krampfhaft Gegenwartsbezüge herzustellen, funktioniert seiner Meinung nach nicht: „Das ergibt nicht immer Sinn oder es wirkt schnell plump. Wenn ich das Publikum meine, muss ich es genau adressieren. Solche Effekte zeigen auf jemanden da draussen und im Publikum nimmt sich niemand selbst in den Figuren wahr.“

Die Konsequenz daraus liegt für Fabian Alder auf der Hand: „Wenn ich mit einem Theaterstück eine Botschaft vermitteln will, schreibe ich es genau so rein, wie es ankommen soll, statt mit belehrenden und im schlimmsten Fall selbstgefälligen Stilisierungen zu arbeiten.“ Nach den guten Erfahrungen mit kleineren Bearbeitungen schreibt der Regisseur nun ein ganzes Stück, das er von Grund auf an eine Aussage anpassen kann. Die bitteren Wahrheiten verstecken sich, so sein Konzept, hinter pointierter Ironie.

Das Thema liegt direkt vor der Haustür

Natürlich bringt der Plot, wie Alder ihn vor Augen hat, einen klaren Thurgau-Bezug mit. „Die Hauptfigur orientiert sich an meiner eigenen Biografie, ein Künstler aus einem vergleichbaren Umfeld,“ beschreibt er. Allerdings kehrt sein Protagonist gescheitert zu seinen Eltern in die Kleinstadt zurück und zieht mit Mitte 30 erst einmal wieder ins alte Kinderzimmer. Die liberale und linke Grundhaltung, die Kunstschaffende oft verströmen, hält im Plot aber nicht lange: Über frühere Freunde rutscht der gescheiterte Künstler in die rechte Szene ab.

„Wir denken gerne an auffällige Pöbler, denen sich gut ausweichen liesse,“ erinnert Alder. „Aber diese Szene tritt gepflegt und gut bürgerlich auf.“ Nach dem beruflichen Scheitern erfährt die Figur hier eine gewisse Geltung, die sie anfällig macht: „Wer zu oberflächlich ist und viel redet statt konsequent handelt, lässt sich schnell drehen.“

In der Schweiz werde im Vergleich zum Ausland wenig über die rechte Szene geredet, aber: „Es wird gerne ignoriert, doch die Probleme gehen davon natürlich nicht weg.“ Fabian Alder wird mit seinem eigenen Theaterstück deshalb an die kritisch-politische Komödientradition anknüpfen.

Video: 10-Minuten-Ausschnitt aus Blade Runner (Regie: Fabian Alder)

 

Zur Person

Fabian Alder, geboren 1981, studierte Regie an der HfS "Ernst Busch" in Berlin. Zuvor assistierte er am Schauspielhaus Zürich und am Schauspiel Essen unter anderem bei Werner Düggelin, Karin Henkel, Roger Vontobel und David Bösch. Alder arbeitete unter anderem am Theater Augsburg, am Schauspielhaus Zürich, am Schauspiel Essen sowie für Theater und Philharmonie Thüringen. Nach 2013 erhält Fabian Alder den Kulturförderpreis des Kantons Thurgau zum zweiten Mal für seine Arbeit.

Die Kulturförderbeiträge

Einmal im Jahr vergibt der Kanton Thurgau seine Kultur-Förderbeiträge an KünstlerInnen, die mit einem überzeugenden Vorhaben den nächsten Schritt ihrer Karriere gehen wollen. In diesem Jahr werden drei Frauen und drei Männer ausgezeichnet aus den Sparten Bildende Kunst, Theater und Musik. Der Preis ist mit jeweils 25'000 Franken dotiert. Die Preisverleihung findet digital statt - am Donnerstag, 3. Juni, 19 Uhr. Wer dabei sein will: Alle Informationen zur Anmeldung gibt es hier.

 

Die Preisträger sind: Jasmin Albash (Musikerin), Fabian Alder (Regisseur), Claudia Bühler (bildende Künstlerin), Susanne Hefti (bildende Künstlerin), Daniel V. Keller (bildender Künstler) und Pablo Walser (bildender Künstler). Fabian Alder (hatte zuletzt 2019 mit der Theaterwerkstatt Gleis 5 «Der Held der westlichen Welt» inszeniert) und Daniel V. Keller (hat die 18. Ausgabe der Facetten-Reihe der Kulturstiftung gestaltet) erhalten den Förderbeitrag nach 2013 (Fabian Alder) bzw. 2016 (Daniel V. Keller) bereits zum zweiten Mal.

 

Die Serie: In einer Porträtserie stellen wir alle PreisträgerInnen vor. Alle Teile der Serie werden in unserem Dossier zu den Förderbeiträgen gebündelt. Dort finden sich auch Porträts zu früheren PreisträgerInnen.

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