Seite vorlesen

von Manuela Ziegler, 30.10.2025

«Es fehlen bezahlbare Atelierräume.»

«Es fehlen bezahlbare Atelierräume.»
«Das finde ich unerhört.» Die Künstlerin Isabelle Krieg über die ungenutzten Flächen im ehemaligen «Tour de Suisse»-Gebäude in Kreuzlingen. | © Nina Maier

Isabelle Krieg ist eine der bekanntesten Künstlerinnen im Thurgau. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit der hiesigen Kulturförderung – und was sie dringend ändern würde. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Isabelle, wie sind deine Erfahrungen mit der Kulturförderung im Thurgau?

Die Chancen der Förderung sind nach meiner Erfahrung sehr gut. Bei der Kulturstiftung habe ich dreimal projektbezogene Förderung zwischen 6'000 und 10'000 Franken beantragt und das immer bewilligt bekommen. Das ist grossartig und dafür bin ich sehr dankbar. Es gibt noch viele andere Fördertöpfe, für die ich mich bewerben könnte. Es gibt nur eine einzige Ausschreibung im Kanton, die ich modifizieren würde.

Welche Ausschreibung würdest du modifizieren?

Das interdisziplinäre Projekt «Ratartouille» wird zweijährlich von der Kulturstiftung vergeben und ist mit 100'000 Franken dotiert. Zuerst findet eine Vorauswahl durch eine Fachjury statt, im zweiten Schritt kommt es zu einem Public Voting. Und wer die meisten Fans für sich motivieren kann, räumt ab. Das finde ich für so eine grosse Summe problematisch. Das erste Projekt hat nicht stattgefunden, weil der eine Projektpartner des Gewinnerteams, Richard Tisserand, leider gestorben ist. Von der Realisierung des zweiten habe ich bisher nichts mitbekommen. Die dritte Runde wurde gerade abgeschlossen. Wie gesagt, hier halte ich es für notwendig, die Bedingungen zu modifizieren, aber das findet unterdessen schon statt. Wichtig zu erwähnen sind noch die Wege der Antragsstellung allgemein.

Was meinst du mit «Wege der Antragsstellung» genau?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei der Kulturstiftung Thurgau bei den projektbezogenen Beiträgen, etwa für eine Ausstellung, aus den Anträgen nicht klar hervorgeht, wer den Antrag stellen muss: die Künstler:in oder die Institution? Selbst von Seiten der Kulturstiftung gab es verschiedene Auskünfte, wer das Gesuch stellen müsse. Es wäre sinnvoll, die Formulare diesbezüglich zu überarbeiten. Denn der Zeitaufwand ist generell immens.

 

Immer engagiert - die Künstlerin Isabelle Krieg. Bild: Andrea Vogel

 

Isabelle Krieg – zur Person

Isabelle Krieg ist bildende Künstlerin und lebt seit 2019 in Kreuzlingen. Die in Fribourg Gebürtige gewann Wettbewerbe für Kunst am Bau, beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit Malerei, Zeichnung und Objekten. Isabelle Krieg machte nach der Matura Erfahrungen auf der Alp, im Kleinzirkus und an der Accademia Dimitri Verscio, studierte ein paar Jahre an der Hochschule für Design und Kunst Luzern und entschloss sich dann, ihre Kunst autodidaktisch auszuüben. Über ein Atelierstipendium des Kantons Freiburg gelangte sie 1999 nach Berlin und blieb dort insgesamt sieben Jahre, unterbrochen durch Atelieraufenthalte in der Fundaziun Nairs in Scuol, am Schweizer Institut in Rom und in der Stiftung Binz39 in Zürich. 2012 gründete sie in Dresden eine Familie, lebte dort ebenfalls sieben Jahre und zog 2019 mit ihr an den Bodensee. 2024 erhielt sie den Förderpreis des Kantons Thurgau. Aktuell zeigt sie eine grosse Einzelausstellung im Kunstmuseum Thurgau.

Hast du eine Idee, wie die Anträge vereinfacht werden können?

Es sind sehr viele Formalitäten. Anträge stellen ist eine mühselige und langwierige Tätigkeit. Es braucht eine Doku für den Projektbeschrieb, dann Budget, Finanzierungs- und Zeitplan, plus eine Doku der bisherigen künstlerischen Tätigkeiten, die jedes Mal angepasst werden muss. Und das alles ist bei jeder Förderstelle ein bisschen anders. Die bisherigen Arbeiten zum Beispiel könnte sich eine Jury ja auch auf meiner Webseite anschauen. Handkehrum sind solche Anträge immer wieder auch Anlässe, die eigene Doku zu aktualisieren, was man sonst immer vor sich hinschiebt – es hat also auch positive Seiten. Aber auch die Juryentscheidungen sind für mich nicht immer nachvollziehbar.

 «Anträge stellen ist eine mühselige und langwierige Tätigkeit.»

Isabelle Krieg, Künstlerin
Welche Juryentscheidung ist dir nicht klar?

Ich habe mich dreimal für die personenbezogenen Förderbeiträge beim Kulturamt beworben. Das erste Gesuch wurde abgelehnt mit der Begründung, dass ich noch nicht lange genug im Thurgau lebe – das verstehe ich. Das zweite Gesuch wurde abgelehnt, weil ich Geld für Infrastruktur und Organisatorisches angegeben hatte. Solche Ausschlusskriterien gehen aber an der Realität eines Künstlerlebens vorbei. Du brauchst das Geld schliesslich für dein gesamtes Leben, was auch das Kunstschaffen beinhaltet. Der dritte Antrag für eine Weiterentwicklung meiner Arbeiten mit natürlichen Pigmenten wurde im Jahr 2024 erfreulicherweise bewilligt. Bei der Preisverleihung erfuhr ich, dass eine andere Künstler:in die Förderung zum dritten Mal erhalten hatte – und zwar beim zweiten Mal ebenfalls für Verbesserung ihrer Infrastruktur. Das verstehe ich nicht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Es ist wichtig, hartnäckig zu bleiben und bei den entsprechenden Ansprechpartnern nachzuhaken. Was mich derzeit am meisten beschäftigt, ist, dass ich mich auf der Suche nach einem grösseren, bezahlbaren Atelier alleingelassen fühle.

Wie verlief deine Raumsuche bisher?

Ich habe im ehemaligen «Tour de Suisse»-Gebäude in der Wasenstrasse Kreuzlingen ein kleines Atelier, das aus allen Nähten platzt – im Haus, das einer Immobilienfirma gehört, die eigentlich die oberen Stockwerke zu Lofts umbauen wollte. Nun gibt es seit mehreren Jahren auf zwei Stockwerken Leerstand. Und wir sprechen hier von ungefähr 1'500 Quadratmetern. Das finde ich unerhört. Zwar durfte ich vor vier Jahren eine halbe Etage für die Vorbereitung einer Ausstellung zwischennutzen, aber das wurde mir inzwischen wieder untersagt, wegen fehlendem Brandschutz. Aus der Not habe ich nun in einem anderen Gebäude, eineinhalb Kilometer von hier, einen weiteren Raum als Zusatzatelier angemietet, was aber logistisch nicht funktioniert, da ich nicht an zwei Orten gleichzeitig sein kann. So dient es mir letztlich bloss als Lager. Dafür ist aber die Miete zu teuer, und ein Teil meiner Förderbeiträge geht jetzt dafür drauf, was nicht vorgesehen war.

 

«Die Kulturförderung ist sehr wichtig, damit ich meine künstlerischen Projekte zuverlässig realisieren kann.»

Isabelle Krieg, Künstlerin

Was wünschst du dir von der Kulturförderung in Sachen Räumen?

Es braucht entweder eine verlässliche, künstlerspezifische Förderung explizit für Ateliers oder die Stadt bezuschusst Mieten für angemessene Räumlichkeiten in privaten Immobilien. Ich bin angewiesen auf ein staatlich unterstütztes Atelier, da ich keine Marktpreise bezahlen kann.

Passt das zu deinem Selbstverständnis als Künstlerin?

Unterstützung für Kunst und Kultur sollte selbstverständlich sein, denn sie haben eine übergeordnete Bedeutung für die Gesellschaft. Leider fehlt dieses Selbstverständnis vielen Künstlerinnen – auch mir manchmal. Unlängst hatte mich zum Beispiel ein Immobilienbesitzer gefragt, warum wir Künstlerinnen eigentlich unterstützt werden müssten; da könne ja jeder Schreiner kommen und das auch verlangen, und ich hatte auf die Schnelle die überzeugenden Argumente auch nicht parat.

Wie setzt sich dein Einkommen zusammen?

Mein Verdienst setzt sich aus verschiedenen Bausteinen zusammen: aus Verkäufen an Private und an Museen und andere Institutionen, zum Teil entstehen diese auch in Zusammenarbeit mit Galerien. Weiter speist sich mein Verdienst aus Kunst-am-Bau-Projekten, aus Jury- und, selten, aus Lehrtätigkeit. Doch alle diese Einkünfte schwanken, sind unregelmässig und daher nicht planbar. Die Kulturförderung ist sehr wichtig, damit ich meine künstlerischen Projekte zuverlässig realisieren kann.

 

Die Künstlerin Isabelle Krieg in ihrem Atelier. Bild: Ira Titova

Die Serie & der Recherchefonds

Die Beiträge zur Kulturförderung von Manuela Ziegler sind entstanden im Rahmen unseres Recherchefonds. Bereits erschienen sind eine quantitative Analyse zur Vergabe der Kulturförderbeiträge des Kantons Thurgau in den Jahren 2020 bis 2024 sowie ein Interview mit Michelle Geser Lunau vom kantonalen Kulturamt.

 

Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Unter dem Titel «15 Jahre, 15 Geschichten» sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebündelt. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.

 

Bewerbungen für weitere Recherchen sind jederzeit per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch

 

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kulturpolitik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Debatte
  • Interview
  • Kulturförderung

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

Literaturwettbewerb «Das zweite Buch» 2026

Die Marianne und Curt Dienemann Stiftung Luzern schreibt zum achten Mal den Dienemann-Literaturpreis für deutschsprachige Autorinnen und Autoren in der Schweiz aus. Eingabefrist: 15. Juni 2026

Ähnliche Beiträge

Kulturpolitik

50 Ideen. Und eine unausgesprochene Frage

Das Sparpapier der externen Finanzexpert:innen zeigt: Wir sind gut darin, unsere Welt technisch zu vermessen. Aber Zahlen alleine sagen nichts über gesellschaftliche Werte. Ein Kommentar. mehr

Kulturpolitik

Jetzt sind die Sparpläne auf dem Tisch

Kein Geld mehr fürs Theater St.Gallen, Eintrittspreise in allen kantonalen Museen und Eltern sollen mehr für Musikschulen zahlen: Das bedeuten die Sparvorschläge der externen Expert:innen für die Kultur im Thurgau. mehr

Kulturpolitik

Kreuzlinger Museen: Zukunft wird (auch) aus Geld gemacht

Seemuseum, Bodensee Planetarium und Museum Rosenegg sollen ab 2027 mehr Geld erhalten. So will der Kreuzlinger Gemeinderat die Weiterentwicklung der Häuser sichern. Das letzte Wort hat aber das Volk. mehr