von Manuela Ziegler, 31.10.2025
„Wir bleiben wagemutig, trotz aller Hürden.“

Der Musiker Christoph Luchsinger spricht über die Kulturförderung im Thurgau: Chancen, Herausforderungen und wie freie Musiker:innen Projekte realisieren, trotz bürokratischer Hürden und begrenzter Mittel. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Christoph, wie siehst du die Kulturförderung im Thurgau?
Es gab vor ein paar Jahren einen Runden Tisch zu diesem Thema – ich meine, initiiert von der Kulturstiftung selbst. Viele Künstler:innen haben sich mehr Unterstützung im Bereich Bürokratie gewünscht, zum Beispiel für Projektentwicklung und Budgetierung. Wie das weiterging, habe ich aus den Augen verloren. Ich kenne die Problematik auch. Da bestätigt sich das landläufige Bild vom Künstler als Einzelkämpfer. Doch ich fände es hilfreich, gäbe es einen festen Ansprechpartner, der Unterstützung bei allen Problemen rund um Administration bietet. Sehr löblich ist, dass die Kulturstiftung zusammen mit der regionalen und kantonalen Kulturförderung St. Gallens eine gemeinsame Eingabeplattform für die Projektbeiträge hat. Das vereinfacht die Eingabe. Bei anderen Förderinstitutionen, vor allem privaten Stiftungen, ist das oft aufwändiger.
Bräuchte es auch Unterstützung für die Gesuche selbst?
Bis ich vor vier Jahren die interdisziplinäre Konzertreihe für Neue Musik «NŒISE» ins Leben gerufen habe, hatte ich nur einmal Kulturförderung beantragt. Ansonsten habe ich als Dirigent, Musiklehrer und als Zuzüger sowie solistisch gearbeitet. Für ein früheres Ensemble habe ich mich an einer Eingabe versucht und es wieder sein lassen, weil es mir mit den verschiedenen Gesuchsformularen der Förderinstitute zu kompliziert und arbeitsintensiv war. Für mein aktuelles Quintett «Generell5» habe ich den Faden wieder aufgenommen. Die Projekteingaben scheitern jedoch oft daran, dass uns nebst der Entwicklung neuer Programme, dem Organisieren von Auftritten und dem Proben am Ende die Zeit zu knapp wird, Dossier, Budget und Eingaben auch noch zu machen. Aktuell bezahle ich bei «NŒISE» eine Person dafür, dass sie mich in der Kommunikation, bei Social Media und der Medienarbeit unterstützt sowie Dossiertexte überarbeitet und auch für die verschiedenen Anwendungen anpasst. Es könnte eine Idee sein, dass die Förderinstitute jemanden zur Verfügung stellen, der oder die auf Mandatsbasis bei Dossier, Budget und Eingaben hilft.
Christoph Luchsinger arbeitet seit etwa 25 Jahren als Musiklehrer im Kanton, gründete und leitete während fast 20 Jahren die Liberty Brass Band Junior und ist als freischaffender Trompeter in verschiedenen Ensembles und Orchestern sowie als Solist tätig. Während seiner Studienzeit wurde seine Neugierde nach neuen Klängen, seine Experimentierfreudigkeit und die Bereitschaft, sich auf Fremdes und Unbekanntes einzulassen und das Interesse an Aktueller Musik geweckt. Während Corona hat der die experimentelle Neue-Musik-Reihe «NŒISE» entwickelt und gestartet. In einem Interview mit thurgaukultur.ch hat er damals erklärt, was ihn an der Arbeit fasziniert und warum Neue Musik spannend für viele Menschen ist.
„Die Projekteingaben scheitern jedoch oft daran, dass uns nebst der Entwicklung neuer Programme, dem Organisieren von Auftritten und dem Proben am Ende die Zeit zu knapp wird, Dossier, Budget und Eingaben auch noch zu machen.“
Christoph Luchsinger, Musiker
Wie bist du ansonsten mit der Kulturförderung zufrieden?
Wir haben während Corona ein Kulturprojekt nicht wie geplant durchführen können, stattdessen für eine alternative Durchführung vom Kulturamt sehr grosse Unterstützung erhalten. Das fand ich sehr gut. Während Corona habe ich mir auch die Zeit für mein erstes grösseres Gesuch «NŒISE» genommen – für die Ausschreibung zum Wettbewerb KosmosMusikThurgau zur Entwicklung von genreübergreifenden Musikprojekten. Mein Beitrag war einer von zweien, welcher ausgewählt und unterstützt wurde. Ich freue mich, dass die Kulturförderung dem Thema Neue Musik aufgeschlossen gegenübersteht. Allerdings gab die Aufgabenverteilung zwischen den Einrichtungen etwas zu reden, denn der Wettbewerb wurde vom Kulturamt ausgeschrieben, doch grundsätzlich ist zeitgenössische Musik bei der Kulturstiftung angesiedelt. Bis dato hatte ich die verschiedenen Schwerpunkte der Einrichtungen gar nicht bemerkt.
„Es könnte eine Idee sein, dass die Förderinstitute jemanden zur Verfügung stellen, der oder die auf Mandatsbasis bei Dossier, Budget und Eingaben hilft.“
Christoph Luchsinger, Musiker
Wäre es notwendig, dass die Zuständigkeiten der Fördereinrichtungen besser kommuniziert würden?
Man muss sich als Künstler:in damit auseinandersetzen, wer welche Zuständigkeiten hat und welche Möglichkeiten bestehen. Grundsätzlich gibt es keine Unterstützung durch Kulturamt und Kulturstiftung gleichzeitig. Ebenso erhält man von den Kulturpools nichts, wenn ein Projekt vom Kulturamt gefördert wird. Ist das Projekt bei der Kulturstiftung angesiedelt, dann kann man auch Unterstützung beim entsprechenden Kulturpool beantragen. Das ist verwirrend, nicht nur für die Künstler:innen, und könnte vielleicht vereinfacht werden. Ich habe den Eindruck, auch die verschiedenen Institutionen tun sich bisweilen schwer damit. So hatte ich für drei Anträge zu NŒISE in drei Saisons drei verschiedene Institutionen: zuerst, wie gesagt, das Kulturamt durch den Wettbewerb, dann die Kulturstiftung für einen Kompositionsauftrag und diverse Kulturpools für die Aufführungen an den diversen Orten. Wenn für mich gewisse Zuständigkeiten nicht klar waren, habe ich jeweils persönlich angefragt und schnell Hilfe bekommen. Trotz der finanziellen Unterstützung bleiben diese freien Projekte aber wagemutig.
„Wenn für mich gewisse Zuständigkeiten nicht klar waren, habe ich jeweils persönlich angefragt und schnell Hilfe bekommen.“
Christoph Luchsinger, Musiker
Warum sind die geförderten Projekte für dich trotzdem wagemutig?
Ich reiche nicht nur für mich ein. Die Projekte von NŒISE waren bisher immer Kooperationen mit anderen Ensembles, Musiker:innen, Komponist:innen, Künstler:innen und weiteren Personen wie Techniker:innen und wissenschaftlich Mitwirkenden. Bei der Finanzierung war ich auch für die Honorare aller Mitwirkenden verantwortlich. Ich hafte mit meinem Privatvermögen, wenn es scheitert, da ich kein Verein bin, sondern aktuell immer noch als Privatperson organisiere. Und scheitern ist immer auch möglich: sei es, dass ich selbst in Verzug gerate mit meinen Arbeiten, oder die Technik nicht funktioniert, oder mir jemand vom Personal abspringt, oder auch die Fördergelder nicht ausreichen. Denn alles Geld wird ohnehin meist nicht gesprochen, und man erhält immer auch Absagen. Das riskanteste Projekt war in der letzten Saison «Stadt-Land-See»: Für die Walbeobachtungsfahrt auf dem Untersee musste ich ein Schiff chartern und alle Plätze besetzen, um Schiff und Besatzung zu bezahlen.
Wie gehst du damit um, wenn die Unterstützung tatsächlich geringer ausfällt, als von dir kalkuliert?
Da braucht es jeweils Flexibilität bei allen. Im letzten Fall haben wir den veranschlagten Wochensatz von allen Mitarbeitenden gering reduziert. Und wir haben Technik und Regie vereinfacht, statt digitaler Elemente, wie geplant, vieles analog umgesetzt. Am meisten habe ich bei mir selbst gespart, zum Beispiel die künstlerische Leitung nicht entsprechend in Anschlag gebracht. Das ist bei vielen freien Projekten so, dass ich viel Eigenleistung erbringe, die ich nicht voll verrechnen kann.
„Am meisten habe ich bei mir selbst gespart, zum Beispiel die künstlerische Leitung nicht entsprechend in Anschlag gebracht. Das ist bei vielen freien Projekten so, dass ich viel Eigenleistung erbringe, die ich nicht voll verrechnen kann.“
Christoph Luchsinger, Musiker
Die Beiträge zur Kulturförderung von Manuela Ziegler sind entstanden im Rahmen unseres Recherchefonds. Bereits erschienen sind eine quantitative Analyse zur Vergabe der Kulturförderbeiträge des Kantons Thurgau in den Jahren 2020 bis 2024 sowie ein Interview mit Michelle Geser Lunau vom kantonalen Kulturamt.
Zum 15. Geburtstag von thurgaukultur.ch haben wir im Mai 2024 einen Jubiläums-Recherchefonds initiiert, um bislang unterbelichtete Themen unter die Lupe nehmen zu können. Unter dem Titel «15 Jahre, 15 Geschichten» sollen tief recherchierte Beiträge zu verschiedenen Themenfeldern des Thurgauer Kulturlebens entstehen. Alle Beiträge werden in einem Dossier gebündelt. Der Recherchefonds wird unterstützt von der Stiftung für Medienvielfalt und der Crescere Stiftung Thurgau.
Bewerbungen für weitere Recherchen sind jederzeit per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch
Müsstest du nicht anders kalkulieren, beziehungsweise deine Arbeitsleistung in vollem Umfang aufschreiben?
Das mache ich schon. Es wird auch von den Förderinstitutionen kommuniziert, dass die Produktionskosten voll angegeben werden müssen. Ich mache eine Kostenschätzung aufgrund von Erfahrungswerten. Dann kann es immer sein, dass Unvorhergesehenes dazwischenkommt. Oder man braucht für gewisse Arbeiten länger als geplant. Und bei Selbständigen in der Privatwirtschaft aus meinem Umfeld sehe ich ebenfalls, dass viele Arbeiten nicht immer direkt abgerechnet werden können. Einiges wird quersubventioniert – wie bei mir auch. Gleichzeitig ist die Organisation und künstlerische Leitung der Konzertreihe NŒISE für mich auch so etwas wie ein Studium in Musikmanagement, bei dem ich unglaublich viel über Kulturpolitik, Produktion, Casting und Budgetierung lerne, und meine, Aufwand und Ertrag halten sich irgendwie die Waage. Zum Glück helfen auch meine Frau und mein kleiner Sohn mit – zum Beispiel beim Einlass, beim Briefversand oder bei der Organisation der zahlreichen Requisiten. Ich erlebe es manchmal wie die Zusammenarbeit der Familie auf einem Bauernhof. Existenziell funktioniert es aber nur, weil ich es querfinanziere durch meine Unterrichtstätigkeit und durch meine Arbeit als freischaffender Musiker. Und auch diese Einnahmen sind Schwankungen unterworfen, weil nicht alle Aufträge gleich bezahlt sind, die Engagementzahlen variieren oder die Unterrichtspensen sich jedes Semester ändern. Doch der entscheidende Vorteil bei der freien Arbeit momentan: Ich kann machen, was ich will. Mittelfristig würde ich sagen, das monetäre Verhältnis von Aufwand und Ertrag muss besser werden.
Wie kann das Verhältnis von Aufwand und Ertrag besser werden?
Wenn ich mit NŒISE bei einem Projekt auch kantonsübergreifend tätig werde, wie etwa in Stein am Rhein oder Zürich, kann ich in den jeweiligen Kantonen angesiedelte Stiftungen ebenfalls zusätzlich anfragen. Im Thurgau ist die private Stiftungslandschaft leider sehr begrenzt. Bei schweizweit tätigen Stiftungen ist es manchmal etwas schwierig, wenn das Projekt nur in einem Kanton stattfindet.
„Wir stellen unser Licht unter den Scheffel und verkaufen uns schlecht.“
Christoph Luchsinger, Musiker
Vermutlich hängt das schiefe Verhältnis von Aufwand und Ertrag auch mit meinem Selbstbild als Künstler zusammen, und da ergeht es mir wie vielen: Wir stellen unser Licht unter den Scheffel und verkaufen uns schlecht. Dabei können wir sehen, dass es ohne Subventionen in kaum einem Wirtschaftszweig geht, und es völlig legitim ist, Kunst und Kultur zu fördern. Nehmen wir nur den Ruder- oder Radsport, der ohne Sponsoring nicht auskommt. Und wenn der Schweizer Franken nicht von der Nationalbank gestützt würde, würde unser Export nicht rentieren. Das ist nichts anderes als eine Subvention.
Video: So klingt die Arbeit von Christoph Luchsinger

Von Manuela Ziegler
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