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Es ist kompliziert

Es ist kompliziert
Herausfordernd wie ein Scrabble-Match: Die Zukunftsplanung der Thurgauer Museenlandschaft. | © Michael Lünstroth

Das Historische Museum bekommt einen neuen Standort, das Kunstmuseum bleibt wo es ist. Was die jüngsten Entscheidungen der Politik für die Museen und die BesucherInnen bedeuten. Ein Kommentar.

Politische Entscheidungsprozesse sind manchmal wunderlich. In klugen Sätzen werden zunächst Situationen oft akkurat analysiert, Probleme erkannt und benannt, um am Ende dann doch die falschen oder inkonsequente Schlüsse daraus zu ziehen. Ein solches auf halber Strecke stehen bleiben, findet sich auch in den jüngsten Entscheidungen des Regierungsrats zu den Museen im Thurgau.

Zwei Beispiele: Arbon wird zwar als besserer Standort für das Historische Museum erkannt, aber es fehlt der Mut, das Museum komplett dorthin zu verlegen. Beim Kunstmuseum wurden jahrelang die Platznöte als besonders dringlich erachtet. Als man nun realisiert hat, dass ein Wachstum am bisherigen Standort in der Kartause Ittingen kaum möglich ist, wagt man nicht die naheliegende Konsequenz - einen neuen Standort zu suchen. Stattdessen bleibt man weiter in Nibelungentreue an der Seite der Stiftung der Kartause - auf Kosten einer angemessenen Zukunftsperspektive für das Kunstmuseum.

Doppelte Lösung: Das Historische Musuem soll künftig in Frauenfeld (links, Schloss Frauenfeld) und in Arbon (rechts, Webmaschinenhalle) beheimatet sein. Bilder: Archiv

In diesen Zeiten ein Museum zu planen ist nicht selbstverständlich

Das Problem an dieser Halbherzigkeit: Die eigentlich gute Nachricht dieses 4. Juni 2020 geht in der kompromissreichen Kleinteiligkeit des Beschlusses unter. Sie lautet: Kurz nach dem Corona-Shutdown, während andernorts noch dauerhafte Schliessungen von Kultureinrichtungen befürchtet werden, macht der Regierungsrat den Weg frei für den Bau eines neuen Museums. Das ist wirklich grossartig und man kann nicht oft genug betonen, wie gut diese Nachricht für den Kanton ist. Um es klar zu sagen: In diesen Zeiten ein neues Museum zu planen, ist keine Selbstverständlichkeit. Der Entscheid zeugt von der klugen Einsicht, dass Kultur systemrelevant ist.

Trotz der grundsätzlichen Freude darüber muss man allerdings auch festhalten: Die jetzt verkündeten Beschlüsse sind nicht der Befreiungsschlag für die Museen, der es hätte sein können. Mutig und spektakulär wäre es gewesen, wenn man das Historische Museum komplett nach Arbon verlegt hätte. Nicht, weil die Arboner so eifrig darum gekämpft haben, sondern weil das grössere Innovations- und Entwicklungspotenzial in der Region um die Bodenseestadt liegt. Hätte man dann noch im gleichen Zuge das Kunstmuseum aus der Idylle in Ittingen befreit und nach Frauenfeld in ein urbanes Umfeld eingebettet - der Coup wäre perfekt gewesen.

Für grosse Lösungen waren die politischen Zwänge zu mächtig

In das neu entstehende Areal rund um den Bahnhof, hätte ein Kunstmuseum sehr gut gepasst. Es hätte zudem den Charme gehabt, dass man sich aus der offenbar komplizierten Zusammenarbeit mit der Stiftung der Kartause Ittingen hätte lösen können. Das wäre ein echtes Aufbruchssignal in eine neue Zeit gewesen.

Hätte hätte Fahrradkette.

Für eine solch grosse Lösung waren die politischen Zwänge aber offenbar zu mächtig. Der Spielraum der Politik wurde zwischen alten Zusagen an den Oberthurgau, der unverbrüchlichen Treue zur Kartause Ittingen und die Aussicht auf anstehende Volksentscheide immer kleiner. Letzteres begünstigt übrigens immer Kompromisslösungen, weil sie, so die Hoffnung, am ehesten eine Mehrheit bei den Bürgern finden.

Dabei könnte man die doch auch anders überzeugen: Zum Beispiel mit einem Museumskonzept, das die BesucherInnen in den Mittelpunkt stellt. Denn: Ohne Besucherinnen und Besucher nützt das beste Museum nichts. Also: Was will das Publikum von einem Museum? Grob gesprochen sind es vor allem drei Dinge: Eine gute Erreichbarkeit (digital wie analog), attraktive Inhalte und eine dazu passende attraktive Hülle, sprich, die Architektur des Gebäudes sollte so klug konzipiert sein, dass man das Haus immer wieder gerne besucht. Es wird eine der Hauptaufgaben der neuen Projektgruppe sein, diese drei Themen bis zum Frühjahr 2021 zu bearbeiten. Und zu schauen in welchem der beiden noch zur Wahl stehenden Gebäude, sich die Ideen am besten realisieren lassen.

Eigentlich der perfekte Standort für ein Kunstmuseum: Das Planungareal am Oberen Mätteli in Frauenfeld. Hier hätte ein Neubau des Historischen Museums entstehen können. Nach dem Arbon hierfür den Zuschlag bekommen hat, wäre der Platz wieder frei. Bild: Stadt Frauenfeld

Was wird jetzt aus dem Kunstmuseum?

Für das Museum selbst wird es zudem darum gehen, ein schlüssiges Betriebskonzept zu erarbeiten. Also die Frage zu klären, wie man ein Museum an zwei Standorten möglichst klug bespielt. Davor empfiehlt sich ein Blick in die Archive und Depots des Historischen Museums: Gibt es da überhaupt ausreichend Exponate zur Industriegeschichte, um grosse Ausstellungsflächen zu bestücken? Wer Museumsdirektorin Gabriele Keck und ihr Team kennt, ahnt, dass sie für all diese Fragen schlüssige Antworten finden werden.

Während sich also beim Historischen Museum nach jahrelangem Stillstand nun Konturen für die zukünftige Entwicklung ergeben, verwischen diese beim Kunstmuseum wieder. Dabei war das Projekt ursprünglich mal als dringlicher erachtet worden als die Standortfrage des Historischen Museums. Jetzt haben sich die Verhältnisse gedreht. Für die Ambitionen des Kunstmuseums ist das ohne Frage ein Rückschritt. Markus Landert und sein Team stehen jetzt vor einer grossen Aufgabe: Sie müssen das Museum unter den gegebenen Bedingungen bei mässigem Entwicklungspotenzial neu denken. Es ist ihnen zuzutrauen, dass sie das schaffen. Sie haben schon zuletzt einen guten Job gemacht: 2019 war das Kunstmuseum das meist besuchte Museum des Kantons.

Mehr Optionen, mehr Wissen, aber auch mehr Entscheidungszwang

Was bedeutet all das nun für die BesucherInnen? Nun, im Kunstmuseum ändert sich vorerst nicht viel. Die Aufteilung des kantonalen Historischen Museums in zwei Abteilungen, eine für die mittelalterliche Geschichte (Frauenfeld), eine für die neuere Thurgauer Geschichte ab 1798 (Arbon) bedeutet für die BesucherInnen künftig (also vermutlich irgendwann ab 2026/2027) allerdings, dass sie sich schon vor ihrem Besuch entscheiden müssen, welcher Teil der Thurgauer Geschichte sie interessiert: Ritterrüstung oder Webmaschine? Das war es dann aber schon mit Zumutungen für das Publikum. Ansonsten bekommt es mit mehr Museen, mehr Optionen, mehr Wissen und mehr Erlebnis. Und sollte jemanden die Eingangs-Entscheidung überfordern: Man darf auch zweimal im Jahr ins Museum gehen.

Bilderstrecke: Wie sich die HRS (Eigentümer der zur Verfügung stehenden Gebäude) das Museum in Arbon vorstellt (Stand 2016)

 

Alle Texte und Entwicklungen in unseren Themendossiers

In den vergangenen Jahren haben wir immer wieder über die Situationen im Historischen Museum und im Kunstmuseum Thurgau berichtet. Alle Texte dazu haben wir in unseren Themendossiers gebündelt. Das Dossier zum Kunstmuseum findet ihr hier, das Dossier zum Historischen Museum dort.

Bilderstrecke: So sieht es heute in der Webmaschinenhalle aus

 

 

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