von Brigitte Elsner-Heller, 17.06.2019

„Ich bin nur ein Clown“

„Ich bin nur ein Clown“
Spiegelbilder? Foottit (Olli Hauenstein) und sein Kompagnon Chocolat (Ramses Alfa). | © Bjørn Jansen

Selten fällt eine Premiere wortwörtlich ins Wasser. Bei „Foottit und Chocolat“, der Clowns-Geschichte im Zirkuszelt, musste das Spiel jedoch zur Pause wegen eines tobenden Gewitters abgebrochen werden. Gut, dass das Konstanzer Theater sturmerprobt ist.

Gänse sind wachsame Tiere, und so haben sie etwa 400 vor unserer Zeitrechnung angeblich das Kapitol in Rom vor der Eroberung bewahrt, indem sie Alarm schlugen. Wären die sechs weissen Laufenten, die im Zelt des Zirkus' „Salto-Mortale“ zum Auftakt so brav ihre Runden drehten, nur auch Gänse gewesen: Sie hätten vielleicht rechtzeitig davor gewarnt, dass bald nicht mehr Christoph Nix (Theaterfassung), Mark Zurmühle oder Olli Hauenstein (beide Regie) das Heft des Handeln bei der Premiere von „Foottit und Chocolat“ in Händen halten könnten, sondern dass gänzlich ausser Rand und Band geratene himmlische Heerscharen Regie führen würden.

Was eben noch die Idylle am See auf dem Konstanzer Festgelände Klein Venedig gewesen war, verwandelte sich in der Pause der Premiere in eine Szenerie, bei der die Mitarbeiter des Konstanzer Theaters durchaus auch als „Katastrophenhelfer“ einen guten Job machten. Dennoch musste die Premiere abgebrochen werden, denn das Zirkuszelt stand schon teilweise unter Wasser – stand aber immerhin noch, genau wie das benachbarte Bierzelt, in dem nicht wenige der Premierenbesucher Schutz gesucht hatten. Jedenfalls behalten die Karten ihre Gültigkeit, sodass man sich „Foottit und Chocolat“ noch einmal in Gänze anschauen kann.

Zirkus: Eine vergessene Welt?

Und das könnte sich schon lohnen, wie der Start der Inszenierung vermuten lässt (wobei sich eine Premieren-Kritik an dieser Stelle naturgemäss verbietet). Zum einen wäre da schon mal das seltsame Gefühl, schon sehr lange nicht mehr in einem Zirkuszelt gewesen zu sein. Ist dies immer noch eine Welt der Träume? Eine jenseits der Existenz zwischen Bürostuhl und Einkaufszentrum? Oder doch „nur“ eine vergessene Welt? Und wie mag das für die Familie Bügler sein, die mit ihrem Zirkus Salto-Mortale auf Klein Venedig gastiert – mit eigenem Programm und als prägendes Ambiente für die Theateraufführung von „Foottit und Chocolat“, einer vom wirklichen Leben geschriebenen und hier von Christoph Nix dramatisierten Clowns-Geschichte, die poetisch ist, aber dabei auch Rassismus und Ausbeutung thematisiert (2016 kam sie als „Monsieur Chocolat“ ins Kino; Film- wie Theaterfassung basieren auf Gérard Noiriels Biografie über das Leben von Rafael Padilla). Auch ein Kinderstück wird hier auf Klein Venedig noch ins Arenen-Rund kommen (Premiere „Sagt der Walfisch zum Thunfisch“: 23. Juni). Ganz unter freiem Himmel schliesslich das Seiltänzerstück „Katharina Knie“ von Carl Zuckmayer (Premiere 29. Juni).

Bilderstrecke: Szenen aus „Foottit und Chocolat“

Vom Ende her erzählt

Aber noch laufen die Enten – also keine Elefanten oder Tiger – brav mit ihrem Dompteur im Kreis, bevor die Musik einsetzt mit einem Trauermarsch. Jetzt kommt die Zirkusgemeinde, bunt kostümiert, um einen Karren durchs Rund zu ziehen. Immer schneller laufen die Kostümierten, so dass plötzlich eine Kiste, eine ungut längliche Kiste, aus dem Wagen purzelt. Ja, die Geschichte um den weissen und den schwarzen Clown, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts real ereignete, sie endet, wie alles Irdische endet.

Wobei das Leben von Chocolat, der als Sklave auf Kuba geboren wurde und sich in Europa den Namen Rafael Padilla gab (gespielt von Ramsès Alfa), geprägt ist von der Geschichte der Sklaverei und dem Rassismus, der sich – nicht nur – daraus ableitete. Selbst sein Clown-Partner, der aus England stammende George Foottit (Olli Hauenstein) hatte keinerlei Skrupel, den grösseren Teil der Gage für sich einzustecken.

Strahlend schön: Jana Alexia Rödiger als Claudel in der Manege. Bild: Bjørn Jansen 

„Der Neger soll den Neger machen!“

Die Geschichte ist also eine, die als Rückblende erzählt wird. George Foottit, wunderbar verkörpert vom Schweizer Clown Olli Hauenstein, ist am Ende seiner Karriere, soll nicht weiter engagiert werden. Sein „Was soll ich denn machen, ich bin nur ein Clown“ spricht eindrücklich die Tragik an, die darin stecken kann, für andere die Lacher zu entwerfen. Als er mit Rafael Padilla, den „Neger“, auf einen Menschen trifft, der in der Hierarchie noch weiter unten steht, geht es mit ihm bergauf. Das Duo „Foottit und Chocolat“ wird geboren, und schon bald geht es auf nach Paris. Den Zirkusdirektor freut es nicht, denn „Der Neger soll gefälligst den Neger machen – und fertig!“

Dennoch: Romeo findet Julia und umgekehrt

Zart verwoben treten Zirkus und Theater gemeinsam auf, darf sich der Chocolat genannte Clown noch in die zarte, mit weißem Kostüm noch weissere Zirkusartistin verlieben, die auf einem Pferd jongliert (Jana Alexia Rödiger). Gesehen haben wir es nicht mehr, aber wir wissen, dass sie seine Frau werden wird. Und wie hätte es anders sein sollen, wo die beiden doch ihre gemeinsame Liebe zu Shakespeare dem Publikum vorführen. Romeo und Julia – was sonst? Zur Pause, die überraschend das Ende der Premiere bedeuten wird, können wir noch ahnen, dass die Sache mit Foottit nicht aus reiner Menschenliebe heraus geboren ist: Foottit ist derjenige, der um die Gage verhandelt und die Zahlen für sich behält.

Peter Cieslinski in seiner Rolle als Zirkusdirektor. Bild: Bjørn Jansen 

 

Theater und die hohe Kunst des Improvisierens

Ja, man hätte an diesem Abend mehr sehen wollen. Mehr von all dem, was Theater und Zirkus eint: Phantasie, Träume, Nachdenklichkeit – vielleicht auch der Versuch, die Dinge „irgendwie“ gut zu machen, die nicht gut sind. Nicht zu vergessen die Kunst der Darstellung. Der Clown fällt, schaut verdutzt, steht wieder auf. Und der ersten (halben) Premiere wird am morgigen Dienstag, 18. Juni, eine zweite folgen. Der Teil des Publikums, der im Zirkuszelt nach der Pause ausharrte, soll dort spontan und improvisiert unterhalten worden sein, wurde berichtet. Bravo! Da erinnert man sich doch wieder an die Premiere von Umberto Ecos „Der Name der Rose“ auf dem Münsterplatz, der nach der Pause wegen Gewitter ins Innere des Münsters verlegt wurde. Auch dort improvisierten damals die Schauspieler, dass es nur so ein Vergnügen war. Unvergessliche Momente: Das kann Theater schaffen.

Weitere Aufführungen am 18./19./22./30. Juni sowie 3./5./7./10./13./17./19./21. und 27. Juli. Beginn jeweils 20 Uhr. Kartenreservationen sind hier möglich. Tickets kosten im Vorverkauf 31 Euro. 

Szene aus "Foottit & Chocolat" im Theater Konstanz. Bild: Bjørn Jansen 

 

 

 

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