von Inka Grabowsky, 21.02.2019

Idyllen in Schwarz-Weiss

Idyllen in Schwarz-Weiss
"Die sieben Schwaben" dürfen in einer Ausstellung am Bodensee natürlich nicht fehlen. | © Inka Grabowsky

Im Kreuzlinger Museum Rosenegg sind noch bis Mitte Juli Scherenschnitte von Elisabeth Voigt zum Thema „Märchen“ zu sehen. Die Tochter der Künstlerin, Ursula Engeli, gewährt Einblick in die Privatsammlung. 

Es muss ein denkwürdiger Augenblick gewesen sein: 2004, ein Jahr nach dem Tod der Mutter, machten sich eine ihrer Töchter daran, ihre Bücher zum Verschenken durchzusortieren. Dabei fiel ein Blatt Papier heraus. Es war ein Scherenschnitt, den Elisabeth Voigt (1914-2003) irgendwann in den dreissiger Jahren angefertigt hatte. „Natürlich haben wir dann sämtliche Bücher untersucht“, sagt Ursula Engeli. „Am Ende haben wir rund 120 Scherenschnitte gefunden.“ In den Büchern hatten sie die Wirren des zweiten Weltkriegs und die Flucht der Familie von der sowjetisch in die britisch besetzte Zone Berlins unbeschadet überstanden. Die Kreuzlingerin ist das vierte der sieben Kinder der Künstlerin. Sie bewahrt derzeit die Sammlung auf, nachdem eine ihrer Schwestern die fragilen Kostbarkeiten hat aufkleben und rahmen lassen. Bisher sind die Werke kaum je in der Öffentlichkeit präsentiert worden, zuletzt 2013 in Lengwil. Elisabeth Voigt hat zwar an der Kunsthochschule Dresden Kurse in Holzschnitzerei, Glasschleifen und Kaltnadelradierung belegt, ihre Ausbildung aber nach der Heirat aufgegeben. „Unsere Mutter hat die Scherenschnitte für sich selbst gemacht“, erinnert sich Ursula Engeli. „Bestenfalls bekamen Verwandte sie als Glückwunschkarten.“

Bilderstrecke: So sehen die Scherenschnitte aus

Romantische Motive mit höchster Präzision

Die Motive ergeben sich aus den Vorlieben von Elisabeth Voigt. Niedliche Kinder, Engel, Drachen und Elfen bevölkern ihren Kosmos. „Das war auch bei den Theaterstücken so, die sie für uns geschrieben und jedes Jahr zu Weihnachten mit uns aufgeführt hat“, erinnert sich Ursula Engeli. Im Museum Rosenegg sind etwa sechzig der Werke zu sehen. Museumsleiterin Yvonne Istas hat bewusst auf religiöse oder weihnachtliche Motive verzichtet. Sie will mit der Schau die Wanderausstellung „Grimms Tierleben -Tiere in Märchen und Forschung“ ergänzen, die ab Mitte März in der Rosenegg Station macht. Dementsprechend hat sie sich auf Kinderszenen, Märchenmotive und andere literarische Vorbilder fokussiert. „Es war interessant und schwierig, die Auswahl zu treffen“, sagt Jörg Engeli. „Immerhin haben wir einen Katalog mit nummerierten Kopien, so dass man leichter blättern kann.“

Es gibt überall liebevolle Details zu entdecken: Museumschefin Yvonne Istas und Ursula Engeli betrachten eine Vitrine der Ausstellung. Bild: Inka Grabowsky

 

Perfektionistin und Autodidaktin

Die Linkshänderin hat ihre Motive nie vorgezeichnet, sondern einfach mit der Schere drauflos geschnitten. „Ich habe ihr dabei zugesehen“, so die Tochter. „Bei meiner Mutter musste immer alles auf Anhieb sitzen. Sie begann spontan – und das Bild war dann plötzlich fertig.“ Wer sich ausreichend Zeit nimmt, entdeckt nicht nur liebevoll inszenierte Details, sondern auch stilistische Unterschiede. Mal gemahnt ein Bild an den Expressionismus, mal an den Jugendstil, oft an naive Kunst. Yvonne Istas sagt: „Die Werke von Elisabeth Voigt sind zeitlos - oder aus der Zeit gefallen – je nach der Einstellung des Betrachters.“
 
„Märchenwelt im Scherenschnitt“ mit Werken von Elisabeth Voigt (1914 – 2003) läuft vom 24.2. bis 14.7.2019.  Vernissage am 22. Februar um 18 Uhr. Die sieben Kinder der Künstlerin werden da sein. Enkelin Simone Wallis hält die Laudatio. Ursula und Jörg Engeli sorgen für den musikalischen Rahmen.

Adrian H. Müller ist neuer Stiftungspräsident 

Die Stiftung Rosenegg hat mit Jahresbeginn einen neuen Präsidenten erhalten: Adrian H. Müller aus Tägerwilen löst Thomas Fischer aus Triboltingen in seinem verantwortungsvollen Amt ab. Das erklärte das Museum in einer Medienmitteilung.
 
Mit Ihrer Gründung 1998 hat sich die Stiftung Rosenegg zur Aufgabe gemacht, das vormalige Heimatmuseum zu übernehmen und zu erneuern. Gleichzeitig werden die Gebäude der Rosenegg erhalten und genutzt. Thomas Fischer hat die schwierige Restaurierungsphase ab Oktober 2012 zuerst als Kassier, dann ab Januar 2015 als Nachfolger von Otto Walthert als Präsident begleitet. Zuletzt wurde unter seiner Präsidentschaft der Schritt von einem ehrenamtlich geführten Museum hin zu einer festen Stelle vollzogen. Seit Juli 2017 leitet Yvonne Istas die Rosenegg als Haus mit kulturellen Aktivitäten.
 
Der musikalisch und kulturinteressierte Treuhändler Adrian H. Müller aus Tägerwilen engagiert sich bereits in mehreren Bereichen ehrenamtlich (Liederkranz am Ottenberg, Stiftung Altersbeihilfe Tägerwilen-Gottlieben, Gönnerverein Seeburg Theater etc.). 

 

Neuer Stiftungspräsident im Museum Rosenegg: Adrian H. Müller (rechts im Bild) übernimmt die Geschäfte von Thomas Fischer, in der Mitte steht Museumsleiterin Yvonne Istas. Bild: Museum Rosenegg

 


 
 
 

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