von Michael Lünstroth, 17.10.2018

Nah am Abgrund

Nah am Abgrund
Gute Idee, bräuchte aber mehr Mut zu gedanklicher Vielfalt: Die 5. Ausgabe des Literaturmagazins "Mauerläufer". | © Michael Lünstroth

In diesem Jahr erscheint das regionale Literaturheft „Mauerläufer“ zum fünften Mal. So lobenswert, die Idee hinter dem Magazin immer noch ist, so sehr zeigt die aktuelle Ausgabe auch die Mängel des Projektes auf

Mit der Literatur ist das manchmal so wie mit den Brotsorten. Obwohl wir alle wissen, dass, sagen wir mal, Vollkornbrot viel gesünder, anregender und im Hinblick auf ein später aufkeimendes Hungergefühl viel nachhaltiger ist, greifen doch sehr viele von uns lieber zu dem weissen, papsigen Brot, das ruckzuck die Kehle runter schwimmt und auch sonst eher wenig nachdrücklichen Eindruck hinterlässt. Ähnliches im Bereich der Literatur: In diesem Sinne leichte Literatur, hat es in Sachen Aufmerksamkeit und Verkaufszahlen oft einfacher als die zähe, bisweilen anstrengende und um einen Kunstwillen bemühte Literatur. Freilich heisst das nicht, dass jeder Text, der verrätselt, grobkörnig und schwer verdaulich daher kommt, automatisch gute Literatur ist. 

Damit wären wir dann bei der fünften Ausgabe des Magazins „Mauerläufer“, das sich seit einigen Jahren als die Stimme regionaler Autoren rund um den Bodensee (und darüber hinaus) etabliert hat. Idee und Geist des Heftes sind lobenswert: Die Redaktion, die nach eigenen Angaben ehrenamtlich arbeitet, gibt regionalen Autoren eine Veröffentlichungsplattform. Das hilft einerseits den Autoren, weil sie so etwas sichtbarer werden. Es hilft aber auch einem Publikum, die Literaten aus der Region und ihre Werke ein wenig besser kennenzulernen. Grundsätzlich gilt: Gäbe es den „Mauerläufer“ nicht, man müsste ihn wohl erfinden. Der Name des Heftes leitet sich im Übrigen von dem gleichnamigen Vogel ab. Einem kleinen, rund 17 Zentimeter langen Tier mit auffallend breiten Flügel mit dunkelziegelroten, weiß punktierten Deckfedern und einem langen nach unten gebogenen Schnabel. Der Mauerläufer bewohnt Felswände und Schluchten in Gebirgen, lebt also gewissermassen immer am Abgrund. Noch so eine Parallele zur Literatur.

Eine Autorin und sechs Autoren aus dem Thurgau beteiligt 

Die fünfte Ausgabe des jährlich erscheinenden Heftes steht unter dem Titel „WortMachtWort“. Es geht um Sprache, Worte und die Wechselbeziehungen zwischen Wort, Macht und Mensch. Auf rund 180 Seiten setzen sich 57 Autoren (darunter auch einige bildende Künstler) mit dem Thema auf ganz unterschiedliche Weise  - mal prosaisch, mal lyrisch - auseinander. Unter den Autoren sind auch dieses Mal wieder einige aus dem Thurgau: Zsuzsanna Gahse, Christoph Rütimann, Stefan Keller, Jochen Kelter, Conrad Steiner, Alfred Wüger und Severin Schwendener

Tatsächlich ist Schwendeners Text „WortMachtSpiele“ einer der besten des Heftes. In der Erzählung beschreibt der 1983 geborene Autor die Geschichte, wie ein Wort in die Welt kommt, was es dabei anrichten kann und wie es im Zweifel von den Mächtigen auch bekämpft werden kann: „Vier Jahre dauerte das Morden, es verloren alle. Manche mehr, manche weniger. Als der Krieg vorüber war, triumphierte einzig das Wort.“ Lesenswert sind auch die Beiträge der Konstanzer Autorin Chris Inken Soppa und des Ermatinger Dichters Jochen Kelter. 

Chris Inken Soppa wagt ein schönes literarisches Experiment

In „Fáilte“ setzt Soppa der nordirischen Autorin Anne Devlin und deren Kurzgeschichte „Naming the Names“ ein kleines Denkmal, in dem sie eine Ich-Erzählerin auf den Weg in Devlins Welt schickt - allerdings 30 Jahre später. „Hier brannten die Häuser vor achtundvierzig Jahren, am Tag meiner Geburt. Ich bin ein Donnerstagskind aus einer ganz anderen Welt. Als ich achtzehn war, stand ich mit Tadhg erstmals an der Falls Road.“ Ein schönes literarisches Experiment, Figuren einer Geschichte nach einer gewissen Zeit wieder zu besuchen. Am Ende wird es auch die Geschichte einer literarischen Erweckung.

Jochen Kelter zieht in seinem Beitrag „Irrfahrten, Irrwege“ eine Bilanz seiner Arbeit mit Flüchtlingen in den vergangene Jahren. Unaufgeregt und in klaren Worten schildert er Probleme und Ungereimtheiten der Migrationspolitik und kommt zu einem eher ernüchterten Fazit. Der Beitrag ist übrigens unter anderem Titel im Januar 2018 auch auf thurgaukultur.ch erschienen.

Erzählerische Leichtigkeit und Witz fehlen fast vollkommen

Neben den erwähnten Beiträgen finden sich beim Blättern durch das Heft zwar hier und da Entdeckungen, aber trotz opulenter grafischer Gestaltung lässt sich in vielen Texten doch vor allem eine gewisse resignative Freudlosigkeit im Bezug auf den Zustand der Welt herauslesen. Das ist zwar nachvollziehbar angesichts eben jenen Zustands, macht die Lektüre bisweilen aber mühsam. Und führt zu dem zurück, was wir bereits eingangs erwähnt haben: Nicht jeder Text, der verrätselt daher kommt, ist automatisch gute Literatur. Der angestrengte Wille zur Kunst ist in vielen Texten greifbar. Mit der Konsequenz, dass so etwas wie erzählerische Leichtigkeit, Humor und Gewitztheit dem Heft nahezu vollkommen abgeht. Fast einzig in Christa Ludwigs „So what!“ blitzt genau das gelegentlich auf. Anhand dieses Beispiels wird das Dilemma des Magazins deutlich: Es zeigt, dass der „Mauerläufer“ so viel mehr sein könnte, wenn er sich unterschiedliche Perspektiven auf diese Welt, jenseits des immergleichen Kulturpessimismus, zutraute. 

Das Heft (14 Franken) kann man per Mail bestellen unter bestellung@mauerlaeufer.org  Es ist aber auch in verschiedenen Buchhandlungen erhältlich. Alle bisherigen Ausgaben zum digitalen Durchblättern gibt es auf der Internetseite www.mauerlaeufer.org Am Freitag, 19. Oktober, 20 Uhr, wird das Heft auch im Bodmanhaus in Gottlieben vorgestellt. Dann lesen Zsuzsanna Gahse, Severin Schwendener und Alfred Wüger aus ihren Geschichten. Jochen Kelter moderiert.

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