von Michael Lünstroth, 14.01.2019

Kollektivspitze

Kollektivspitze
Theater ist Kollektivarbeit. Immer häufiger auch in den Führungsetagen grosser Häuser. Das Foto zeigt eine Szene aus Werkstattaufführung „Kopfhörerkaraoke“ des Jungen Theater Thurgau | © Junges Theater Thurgau

Jahrelang schien klar: Ein Theater braucht einen Intendanten. Diese Vorstellung bröckelt jetzt. Warum immer mehr Teams Intendantenbüros übernehmen.

Das Prinzip der Arbeitsteilung ist jetzt auch endgültig in der Kunst angekommen. In der Bildenden Kunst sind Kollektive heute längst üblich, auch freie Theater- oder Tanzgruppen sind oft als gemeinschaftliche und gleichberechtigte Projekte angelegt. Jetzt zündet aber eine neue Stufe dieses Kollektivstrebens: Teams erobern nun auch die Intendantenbüros. Vor allem in Zürich kann man das in diesem Jahr beobachten: Benjamin von Blomberg und Nicolas Stemann übernehmen ab August das Schauspielhaus und zeitgleich ziehen Julia Reichert, Hayat Erdoğan und Tine Milz in das Intendantinnenbüro am Neumarkttheater.

Woher kommt diese neue Vorliebe für das Kollektiv? Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits ist da gleichermassen Sehnsucht wie Erkenntnis, dass etwas anders werden muss im Theaterbetrieb, wenn das Theater auch im 21. Jahrhundert relevant bleiben will. Das betrifft die inhaltliche Ebene, also die Herangehensweise an Stoffe, aber vor allem auch die strukturelle Ebene. In puncto Mitsprache der Mitarbeiter herrschen an vielen Theatern noch mittelalterliche Verhältnisse. Es gibt einen Autokraten, der die Richtung vorgibt und alle anderen müssen folgen. Inzwischen ist aber auch im Theaterbetrieb angekommen, dass diese streng hierarchischen Strukturen nicht mehr zeitgemäss sind. Ein bisschen mehr Demokratie darf es dann auch in den Stätten sein, die bislang vor allem auf der Bühne so vehement gegen Willkürherrschaft und Diktatur anspielen.

Das Mitbestimmungstheater aus den Siebzigern ist gescheitert

Dazu kommen aber auch ganz praktische Erwägungen der Arbeitseffizienz. In einem Team kann sich jeder auf seine Stärken konzentrieren, Entscheidungen fallen automatisch vielfältiger aus, weil mehrere Sichtweisen in die Entscheidungsfindung einfliessen können, die Last der Verantwortung liegt auf mehreren Schultern und - ganz banal - man kann präsenter sein, wie es Benjamin von Blomberg in einem Beitrag des «Tagblatt» erklärt: „Sobald die Intendanz berufen ist, erwartet die Öffentlichkeit, dass sie sich auch möglichst überall zeigt und in die Stadt eintaucht. Da ist es natürlich super, zu zweit zu sein. Man hat doppelt so viel Präsenz. Und alles ist halb so anstrengend.“

Zugegeben: Ganz neu sind diese Bemühungen um andere Produktionsbedingungen an den Theatern nicht. Schon in den 1970er Jahren versuchten verschiedene Theater unter dem Begriff des Mitbestimmungstheater eine Alternative zu schaffen. Allerdings: Ob das Baby nun Kollektivtheater oder Intendantenensemble hiess, ein langes Leben war ihm oft nicht vergönnt. Oft scheiterte es an der Tatsache, dass am Ende eben doch jemand entscheiden muss. In der Vergangenheit war es aber eher so: Wenn alle entscheiden, entscheidet niemand. In diesem Sinne sind die neuen Modelle in Zürich durchaus eine Fortentwicklung: Es geht nicht um Basisdemokratie im gesamten Haus wie in den Siebzigern, sondern um ein bisschen mehr Demokratie in der Führung der Häuser. 

Nicht einfach, aber es funktioniert. Auch im Thurgau

Wie das funktionieren kann, lässt sich auch im Thurgau beobachten. Nicht an einem grossen Theaterhaus, aber an der freien Gruppe der Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. Vier freischaffende Schauspieler und Regisseure sowie eine Puppenspielerin (Simon Engeli, Joe Fenner, Noce Noseda, Giuseppe Spina und Rahel Wohlgensinger) arbeiten in der vor sechs Jahren gegründeten Truppe zusammen. Über wesentliche Dinge entscheidet das Kollektiv: „Wir haben von Anfang an festgelegt, dass immer nur zur Abstimmung kommt, was für jeden einzelnen trag- und vertretbar ist. Und wenn dem nicht so wäre, dann kommt ein Veto-Recht jedes einzelnen Mitglieds zum Zug. In so einem Fall wird die Abstimmung ausgesetzt und wir diskutieren weiter. Es wird so lange verhandelt  bis eine für alle tragbare Entscheidung auf dem Tisch liegt“, erklärt Giuseppe Spina die Abläufe in der Theaterwerkstatt. 

Allerdings: Die GmbH, die sich um die Infrastruktur des Theaters kümmert, wird von Giuseppe Spina und Simon Engeli geführt. In einer Pattsituation hätten die beiden ein grösseres Stimmgewicht. „Das war aber noch nie nötig“, sagt Spina. Es sei zwar nicht immer einfach, weil Prozesse durch diese Struktur langsamer werden, aber unter dem Strich überwiege der Nutzen der kollektiven Form: „Am Ende können wir alle hinter jedem Projekt stehen, das bei uns produziert wird.“  

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