«Mehr Mut täte gut»

«Mehr Mut täte gut»
«Wenn die Stadt ihr Imageproblem verbessern will, muss sie selbst aktiv werden.» Kurt Schmid im grossen Interview über Politik in Kreuzlingen, grosse Pläne und noch grössere Hoffnungen. | © zVg

Kreuzlingen arbeitet seit Jahren daran, ein Kulturzentrum zu entwickeln. Nach vielen gescheiterten Anläufen könnte es jetzt klappen. Das liegt auch am Engagement von Kurt Schmid. Im Interview spricht der Medienwissenschaftler über zähe politische Prozesse, Durchhaltevermögen und warum Städte nicht nur ihre Sportplätze, sondern auch ihre Kulturorte pflegen müssen.

Herr Schmid, warum braucht eine Stadt ein Kulturkonzept? 

Es gehört zur Aufgabe einer wachsenden und sich verändernden Stadt, dass sie sich fragt: Was sind die Erwartungen der Leute, die hierher kommen? Was interessiert sie? Ich vergleiche das gerne mit den Sportstätten hier. Die Stadt kümmert sich da sehr darum, welche Sportstätten es gibt und dass diese unterhalten werden. Und genauso muss sie sich um die kulturellen Aktivitäten kümmern: Was macht es spannend, hier zu leben? Das ist ebenfalls eine wichtige Gestaltungsaufgabe. 

Konkret gefragt: Warum braucht Kreuzlingen ein Kulturkonzept? 

Speziell an unserer Region hier ist, dass an der Grenze mit Kreuzlingen und Konstanz zwei Städte zusammenwachsen, die sehr ungleich sind. Auf der einen Seite gibt es städtische kulturelle Institutionen, auf der anderen Seite nicht. Dafür gibt es in Kreuzlingen aber vermehrt Freiraum für kulturelle Aktivitäten. Da ist es die Aufgabe der Stadt Kreuzlingen sich zu fragen: Wo liegt unsere Chance in diesem ungleichen Verhältnis? 

Haben Sie in Ihren Überlegungen schon eine Antwort darauf gefunden? 

Die Antwort für Kreuzlingen müsste lauten: Wir brauchen nicht dasselbe wie Konstanz. Aber wir müssen kulturelle Aktivitäten unterstützen, sie bekannter und beliebter machen und damit zur Identifikation eines Kulturortes beitragen. Ziel sollte es sein, dass die Menschen das Angebot mit dem Ort identifizieren, dass sie sagen: In Kreuzlingen ist was los. Da findet immer etwas statt. Dafür braucht es aber auch einen zentralen Ort, einen Treffpunkt an dem Wesentliches läuft. Das ist die Idee des Kulturzentrums Kult-X, die sich seit einigen Jahren in der Umsetzungsphase befindet. Da geht es Schritt für Schritt voran. 

„Meine Erwartung wäre, dass das ganze Kulturzentrum bis 2023 steht.“

Kurt Schmid, Berater und Medienwissenschaftler 

Wo steht das Projekt jetzt? Oder anders gefragt: Wann wird aus der Theorie endlich Praxis? 

Es ist einiges im Gange. Architekten haben Pläne für das Gebäude gemacht. Diese Pläne sind so attraktiv, dass ich der Überzeugung bin, wenn es so kommt, wie geplant, dann wird das für Kreuzlingen wirklich ein qualitativer Sprung. Das Kulturzentrum wird eine lebendige Spielstätte in und für Kreuzlingen. 

Wenn es so kommt, dann wird es auch erhebliche Kosten geben. Ist nach Ihrem Eindruck die Kreuzlinger Stadtpolitik bereit zu solchen Investitionen? 

Die Politik und insbesondere der Stadtrat ist sich dessen bewusst. Mein Eindruck generell aber ist: Die Politik weiss noch nicht genau, wie sie mit zu erwartenden Mehrkosten umgehen soll. Je nachdem wie teuer es wird, muss es zu einem Volksentscheid kommen. Und da ist dann Lobbyarbeit für das Projekt gefragt. 

Wie sieht denn ein realistischer Zeitplan für die Eröffnung des Kulturzentrums ist? 

Der Probebetrieb im Kulturzentrum unter dem Label KultX läuft bereits erfolgreich. Von mir aus gesehen kann man die nächste Etappe, also einen Trägerverein gründen und das Programm spezifizieren, innerhalb eines Jahres schaffen. Darauf folgt der Planungs- und Bauprozess. Der dauert nochmals zwei Jahre. Meine Erwartung wäre, dass das ganze Kulturzentrum bis 2023 steht. 

Dann muss aber alles sehr glatt laufen. 

Ja, und es muss dieser Drive entstehen, der Projekte zum Fliegen bringt. Noch haben den nicht alle. Aber eigentlich sind die Voraussetzungen ja super: Die Liegenschaft gehört der Stadt, sie wird sorgfältig renoviert, die wichtigsten Akteure wollen sich engagieren. Was willst Du mehr? Deshalb denke ich, man muss es jetzt machen. 

Stellten den Kulturbericht der Stadt Kreuzlingen im Februar 2017 vor: Margret Meier-Ammann vom Kulturdachverband, Verfasser Kurt Schmid und Stadträtin Dorena Raggenbass. Bild: Inka Grabowsky

 

„Das Problem in Kreuzlingen ist oft die Pattsituation zwischen den Bürgerlichen und den eher linken Parteien im Gemeinderat. Durch diese gegenseitige Blockade wurden schon Dinge verhindert.“

Kurt Schmid

Sie begleiten das ganze Projekt schon lange. Haben Sie irgendwann mal gedacht: Das wird nie im Leben was? 

Oft genug ging es mir natürlich viel zu langsam. Aber die Hoffnung habe ich nie ganz verloren. Auch wenn der politische Prozess oft sehr langsam war. 

Woran liegt es, dass vieles so zäh voran ging? 

Hier in Kreuzlingen gibt es oftmals das Problem einer Pattsituation zwischen den Bürgerlichen und den eher linken Parteien im Gemeinderat. Es hat immer wieder mal Dinge gegeben, die wegen dieser gegenseitigen Blockade verhindert wurden. Bis da mal eine Entscheidung kommt, dauert es einfach. 

Aus Ihren Erfahrungen: Fehlt in der Kreuzlinger Politik manchmal der Mut, sich klar zu Kulturprojekten zu bekennen? 

Ja, das sehe ich schon so. Da täte ein bisschen mehr Mut gut. 

Neben der Politik spielen die Bürger ja auch eine grosse Rolle bei einer möglichen Umsetzung. Wie ist aus Ihrer Sicht die Stimmung in Kreuzlingen jenseits der Kulturbubble? Hätte das Kulturzentrum an der Wahlurne überhaupt eine Chance beim Volk? 

Ja. Zumindest dann, wenn eine präzise Lobbyarbeit einsetzt. Die Leute müssen sich richtig vorstellen können, was sie da bekommen könnten, um die Frage beantworten zu können, ob sie das wollen oder nicht. Ein Kulturzentrum als Wort ist erstmal abstrakt, man muss es herunter brechen und konkret erzählen, was dort passieren wird. Dass dies ein Ort wird mit einem Bistro, mit einem schönen Garten hintendran, mit einem Kino, ein Ort wo man hingeht und sieht, dass viel läuft. So etwas ist attraktiv und das muss man entsprechend vermitteln. Wenn diese Arbeit geleistet wird, dann hat das Projekt eine echte Chance. KultX und Kino sind ja schon mal gut angelaufen. 

Um dieses Projekt geht es: Ansicht des Schiesser-Areals in Kreuzlingen. Bild: Stadt Kreuzlingen
Wie schwer war es, das Bewusstsein für all die Dinge in die Politik zu tragen? 

Zum Kulturbericht kam ich ja, weil die Vorfassungen gescheitert waren. Es war dann relativ schnell für mich klar, das habe ich auch so formuliert: Das Modell, wie hier Kultur unterstützt wird, ist zu eng. So geht das nicht weiter. Da muss man sich nicht wundern, dass nicht wirklich was vorangeht. Bislang kamen seitens der Akteure immer wieder neue Initiativen. Aber irgendwann wurde die Selbstausbeutung so stark, dass die Leute dann irgendwann resignierten.

„Ziel wäre es doch, dass die Leute selbstbewusst sagen: Ja, ich komme aus Kreuzlingen und sich nicht halbwegs dafür schämen.“

Kurt Schmid

Was haben Sie daraus geschlossen? 

Dass die Stadt da selber ran muss. Kreuzlingen hat enorm an Strukturstärke gewonnen in den letzten Jahren. Die Stadtkasse ist über die Steuerzuflüsse voll. aber Kreuzlingen hat auch eine Imageschwäche, weil viele sagen: Kreuzlingen? Also schöner ist es mit dem Wachstum nicht geworden. Und so etwas muss man durchbrechen.  

Wie kann man das schaffen? 

In der Besprechung mit dem Stadtrat habe ich gemerkt, dass ein Stichwort sehr wichtig war, nämlich das der Nachhaltigkeit. Ein Modewort, ich weiss. Aber, was heisst das denn für eine Stadt im Kontakt mit ihrer Bevölkerung und in Bezug auf die Imageschwäche der Stadt? Ziel wäre es doch, dass die Leute selbstbewusst sagen: Ja, ich komme aus Kreuzlingen und sich nicht halbwegs dafür schämen. Nachhaltigkeit beutetet dann auch, dass über Identifikation das Engagement der Leute entsteht. Im Kultursektor lebt sehr viel davon, dass die Leute sich engagieren, sei es als Publikum oder als Akteur. Über das Engagement wiederum steigt auch die Freude an der Situation vor Ort und dann entsteht so etwas wie Identifikation und Zufriedenheit. Das ist für mich Nachhaltigkeit. Die Frage war dann: Was tut denn die Stadt Kreuzlingen selber dafür, dass sich so etwas wie eine Stadt-Identität herausbildet? Von sich aus passiert so etwas nicht. Und wenn da ein Imageproblem besteht, dann hat man nicht nur eine fehlende Stadt-Identität, sondern ein veritables Problem. 

Klingt schlüssig. Aber hat die Erkenntnis jetzt auch irgendeine Konsequenz? 

Wenn die Stadt das ernst meint und sich wirklich darum kümmern will, dann muss sie gemäss Kulturkonzept eine städtische Kulturkommission gründen, die strategisch all diese Themen bearbeitet. Sie betreibt eine Art Monitoring des Kulturlebens gegenüber der Stadtpolitik, aber auch der Bevölkerung, indem sie regelmässig schaut, was machen wir gut und was können wir noch besser machen? 

„Wenn die Stadt das ernst meint und sich wirklich darum kümmern will, dann muss sie gemäss Kulturkonzept eine städtische Kulturkommission gründen, die strategisch all diese Themen bearbeitet. “

Kurt Schmid

Wie unterscheiden sich die vorgeschlagene Kulturkommission von der bereits existierenden Kunstkommission? 

Es ist etwas völlig anderes. Die Kunstkommission hat den Auftrag, Kunstprojekte im öffentlichen Raum zu lancieren. Sie macht das sehr sorgfältig und berät auch die Stadt bei Ankäufen beispielsweise. Das ist ein ganz klar limitierter Auftrag. Die Kulturkommission ist eine strategische Kommission, die generell die kulturelle Situation anschaut und antreibt. Die Kommission soll wachsam sein, Prozesse überblicken und auch immer wieder nachhaken. Zudem soll sie auf die Einhaltung der Vorgaben des Kulturkonzeptes achten. Es wird eine stadträtliche Kommission sein. 

Ernsthaft? Eine weitere Kommission, in der Politiker über Kunst und Kultur entscheiden? 

Es sollten eben nicht nur Politiker sein, die in die Kommission einsitzen. Das Gremium muss auch offen sein für andere. Sie sollte zahlenmässig klein gehalten und vor allem auch immer wieder neu zusammengesetzt werden, je nach Projekt: Klein, offen, schlagkräftig.

 

Kurt Schmid und die Pläne der Stadt

Kurt Schmid: Geboren 1949 und aufgewachsen in Arbon. Kam 1980 nach dem Studium der Pädagogischen Psychologie, Kunstgeschichte und Philosophie sowie wissenschaftlicher Tätigkeit wieder in den Thurgau zurück. Seminarlehrer und Dozent für Medienbildung und Philosophie an der PHTG. Mitinitiant der Ausstellung Kunstgrenze 1984, der Kulturstiftung 1991, des Kunstraums 1993. Studien zu Adolf Dietrich und die Fotografie (1994)  sowie über Aby Warburg im Kreuzlinger Bellevue (2015). Betreibt an der Hauptstrasse 26 in Kreuzlingen den Kulturclub LOKAL.

 

Das Kreuzlinger Kulturkonzept ist öffentlich. Sie können es hier herunterladen: Kulturkonzept Kreuzlingen_2019.pdf

 

Die Pläne der Stadt: Die Stadt Kreuzlingen hat im November ihre Ziele für die Legislaturperiode bis 2023 formuliert. Der Kreuzlinger Stadtrat erarbeitete gemeinsam mit den Abteilungsleitern das «Legislaturprogramm 2019–2023» für Kreuzlingen (nachzulesen auf der Internetseite: www.legislaturprogramm.kreuzlingen.ch  Darin definiert der Stadtrat Aufgabenschwerpunkte sowie Ziele und Massnahmen für die laufende Legislatur. Für den Bereich Kultur hat sich die Stadt eigene Ziele gegeben. Dazu zählt zum Beispiel, das von Kurt Schmid erarbeitete Kulturkonzept umzusetzen, das «Kulturzentrum Schiesser» zu realisieren und den grenzüberschreitenden Kulturraum Kreuzlingen-Konstanz bewusst zu machen. Erreicht werden soll das über diese Massnahmen: 

- Kulturkommission bestellen 
- Aufgaben- und Anforderungsprofil für die Kulturkommission festlegen
- Richtlinien zur Förderung der Kulturarbeit erarbeiten
- Betriebs- und Ausbaukonzept für das «Kulturzentrum Schiesser» erarbeiten und mit einer breit abgestützten Trägerschaft aufbauen
- Gemeinsame kulturelle Aktivitäten an der Grenze zur Stadt Konstanz initialisieren

 

In einer Vision von Kreuzlingen im Jahr 2030 heisst es: „Kreuzlingen zeichnet sich auch in Zukunft durch eine hohe Wohn- und Lebensqualität sowie ein friedliches Zusammenleben verschiedenster Nationen und Kulturen aus. Eingebettet in eine wunderschöne Landschaft am See, schafft unsere Stadt einen inspirierenden Rahmen für Bildung, Arbeit, Freizeit und Kultur. Zusammen mit Konstanz bildet Kreuzlingen einen interessanten und vielseitigen Lebensraum mitten in Europa.“

 

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