von Inka Grabowsky, 27.04.2022
Seit 2500 Jahren aktuell

Das See-Burgtheater wird ab Juli „Lysistrata“ von Aristophanes am Bodenseeufer spielen. Eigentlich wollten die Theatermacher das Thema Frauenrechte in den Vordergrund stellen, doch nun hat der Krieg in der Ukraine den Fokus verschoben. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Durchaus pragmatisch waren die Leiter des See-Burgtheaters an die Stückauswahl gegangen. «Die Gedenkveranstaltungen zu fünfzig Jahren Frauenstimmrecht haben uns angeregt», sagt Leopold Huber. «Lysistrata war immerhin die erste Frau in der Literaturgeschichte, die sich politisch geäussert hat.»
Bei seiner Frau Astrid Keller, Co-Leiterin des Theaters, rannte er offene Türen ein: „Ich wollte schon immer mal einen alten Griechen machen, und nach 33 Jahren hat es endlich geklappt.»
Giuseppe Spina, der Regisseur in dieser Saison, sah zunächst den Aspekt der Abwechslung: «Im See-Burgtheater gleicht keine Inszenierung der anderen. Nach Shakespeares ‹Was ihr wollt› und dem Schweizermacher-Musical wollte ich etwas vollkommen anders machen.»
Schauspieler als Regisseur
Spina ist vor allem als Schauspieler bekannt, inszeniert aber seit geraumer Zeit auch selbst – zuletzt beim «Weissen Rössel» in Sirnach. «Ich habe meine Ausbildung in der Dimitri-Schule begonnen», erklärt er.
«Dort kreiert man viele Szenen selbst und rutscht so automatisch in die Regie hinein.» Nun springe er von Projekt zu Projekt zwischen den beiden Aufgaben hin und her. Als Schauspieler freue er sich jeweils auf die Aufführungen, als Regisseur auf die Proben.
Starke Frauen in Fiktion und Realität
Anfänglich sah Spina im Stück die starken Frauen, die sich gegen Unrecht, das ihnen widerfährt, organisieren. «Es ist stossend, dass diese Ungleichbehandlung der Geschlechter schon vor 2500 Jahren Thema war», sagt er. Er begann aus dem Urtext eine entsprechende Fassung zu entwickeln. «Aber Ende Februar mit dem Kriegsausbruch in der Ukraine hat sich unser Schwerpunkt verändert».
Die Bilder der Bomben, die nur 2000 Kilometer entfernt fielen, stellten sich sofort ein, wenn man sich mit Krieg und Frieden im alten Griechenland beschäftige. «Ich möchte nicht nur auf trauernde Soldatenmütter verweisen, sondern Frauen zeigen, die nicht hilflos sind, sondern etwas ändern wollen. Sie lehnen sich gegen Fremdbestimmung auf.»
Inspiriert habe ihn die Lektüre von Leymah Gbowees Buch «Mighty be our Powers». Die Friedensnobelpreisträgerin organisierte 2003 in Liberia unter anderem einen Sex-Streik, um den Bürgerkrieg zu beenden.
Werkgetreu bis auf die Sprache
Prinzipiell halten sich die Kreuzlinger an die Vorlage von Aristophanes. Sogar das Bühnenbild wird die Zuschauer nach Griechenland versetzen. Damian Hitz, der auch bei «Die Schweizermacher» und «Was ihr wollt» für spektakuläre Bühnenbilder im Seeburgpark verantwortlich war, wird auf zwei Schiffscontainern einen Akropolis-Felsen aufbauen - zwölf Meter breit und sechs Meter tief.
Spina freut sich schon darauf, welche Möglichkeiten der Bewegung die Schauspieler bei den Proben entdecken werden. «Es gibt spezielle Effekte, wenn man weiss, wo man hinaufklettern kann oder wo sich überraschende Einblicke ergeben.»

«Lysistrata formuliert bei uns scharf und rücksichtslos.»
Astrid Keller, Schauspielerin (Bild: Inka Grabowsky)
Ebenfalls wie in der antiken Aufführungspraxis üblich werden zwei Chöre – je einer für die Frauen und einer für die Männer - die Handlungen der Figuren kommentieren. Astrid Keller übernimmt die Rolle der Stratyllis, der barschen Anführerin der Frauengruppe.
Anders als im Original wird die Sprache der weiblichen Protagonisten klingen. Ihre Textpasssagen hat Guiseppe Spina in unsere moderne Ausdrucksweise übertragen. «Die Männer sind bei Aristophanes stehen geblieben», meint er. Verständnisprobleme dürfte es trotz der altertümlichen Deutsch-Übersetzung nicht geben. «Lysistrata formuliert bei uns scharf und rücksichtslos», erklärt Astrid Keller. «Da freut man sich dann, einen Ratsherrn in gesetzter Sprache zu hören.»
Musik vermittelt Emotionen
Das See-Burgtheater arbeitet bei den Open-Air Inszenierungen fast immer mit Musik, so auch diesmal, wenngleich kein Musical aus der Komödie werden soll.
«Die Charaktere werden Protestsongs aus den sechziger und siebziger Jahren anstimmen», so Spina. Begleitet werden sie von einer Harfinistin. Die musikalische Leitung übernimmt einmal mehr Philippe Frey.
Sexualität zentral
Aristophanes’ Grundidee, Friedensverhandlungen zu erzwingen, indem die Frauen den kriegführenden Männern den Sex verweigern, führt im Laufe des Stücks bekanntlich zu allerlei komischen Situationen.
Leopold Huber sieht im Originaltext keine Parteinahme für die friedensliebenden Frauen. «Ist die Verweigerung nicht auch eine Form von Gewalt, die den Männern angetan wird?», fragt er mit Verweis auf entsprechende Textstellen. Ganz jugendfrei wird das Stück aufgrund der Thematik nicht werden. «Anspielungen auf Sex sind häufig», sagt Guiseppe Spina. «aber die Aufführungen fangen ja um 20.30 Uhr an. So viele kleine Kinder wird es nicht im Publikum geben.»
Er habe bei einer Inszenierung des Stoffs vor fünf Jahren mit einem Laientheater die Erfahrung gemacht, dass die Anzüglichkeiten im Laufe der Vorstellung für das Publikum normal würden. «Man errötet nicht mehr bei jedem Wort, wenn man länger darüber redet», meint auch Leopold Huber. Astrid Keller ergänzt: «Es ist doch spannend, dass das Thema bei den alten Griechen kein Tabu war.»
Premiere am 14. Juli
Lysistrata
Premiere: Donnerstag, 14. Juli, 20.30 Uhr
Aufführungen jeweils von 20.30 bis 22.30 Uhr:
Juli
Do 14.7. / Fr 15.7. / Sa 16.7.
Di 19.7. / Mi 20.7. / Do 21.7. / Fr 22.7. / Sa 23.7.
Di 26.7. / Mi 27.7. / Do 28.7. / Fr 29.7. / Sa 30.7.
August
Di 2.8. / Mi 3.8. / Do 4.8. / Fr 5.8. / Sa 6.8.
Di 9.8. / Mi 10.8.
Die Zuschauertribüne ist gedeckt.
Eintritt
CHF 54.- (1.-8. Reihe)
CHF 48.- (9.-10. Reihe)
Ticketreservationen sind hier möglich: https://www.see-burgtheater.ch/tickets/

Von Inka Grabowsky
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