von Michael Lünstroth, 27.11.2018

Systemfragen

Systemfragen
Musik als kulturelle Basisbildung: Das ist die Devise in den Thurgauer Musikschulen. Das Foto zeigt eine Szene aus der Musikschule Weinfelden. | © Musikschule Weinfelden

Wie geht es weiter mit den Musikschulen im Thurgau? Fusionen sind kein Allheilmittel, sagt der Schweizerische Musikpädagogische Verband. Die grösseren Probleme liegen ohnehin woanders.

Mit seinem Interview auf thurgaukultur.ch hatte der scheidende Musikschulverbands-Präsident Andreas Schweizer einigen Staub aufgewirbelt. Darin hatte er unter anderem Strukturreformen bei den Musikschulen angemahnt. Es gebe noch zu viele kleine Musikschulen im Kanton, sagte Schweizer damals: «Die Ausbildung in diesen kleinen Musikschulen kann gar nicht so gut sein, wie sie eigentlich sein müsste.»

Vom Schweizerischen Musikpädagogischen Verband (SMPV) kommt dazu jetzt Widerspruch: Die Qualität des Unterrichtes sei nicht von der Grösse einer Musikschule abhängig, sagt Wolfgang Pailer, Präsident des SMPV Thurgau. «Eine Musikschule kann nicht mit einer Fabrik verglichen werden, die Nägel herstellt. Ihre Qualität sollte deshalb auch nicht durch Umsatzzahlen (= Anzahl Schüler/innen) definiert werden. Produkte eines kleinen Ladens müssen keineswegs schlechter sein als diejenigen eines Supermarktes. Oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall», erklärt Pailer im Gespräch mit thurgaukultur.ch. Ausschlaggebend für den Erfolg des Unterrichtes sei vielmehr ein gutes Verhältnis zwischen Lehrer/in und Schüler/in Der SMPV ist der Dachverband der Musiklehrerinnen und Musiklehrer und versteht sich als deren Interessenvertreter. Der Verband strebt auch eine bessere und einheitlichere Bezahlung der Musiklehrer an.

Insgesamt, so Wolfgang Pailer, sei die Lage in den Thurgauer Musikschulen weniger dramatisch als es Andreas Schweizer schildere: «Das Niveau ist sehr gut. Eine Strukturreform muss man zwar mittelfristig im Auge behalten, aber auch nicht übers Knie brechen.» Fusionen sind dafür nach Ansicht des SMPV auch kein Allheilmittel. Wolfgang Pailer plädiert stattdessen dafür, bereits bestehende Kooperationen zwischen den Musikschulen zu intensivieren beziehungsweise diese zu etablieren: «Es wäre zum Beispiel wünschenswert, wenn Schulleiter/innen (wie es bisher schon vorkommt) zwei verschiedene (kleinere bzw. mittelgrosse) Musikschulen leiten würden. Dadurch könnten Synergien entstehen, ohne dass Fusionen nötig wären.»

Verwirrender Tarifdschungel: Was in Aadorf 430 Franken kostet, kostet in Bischofszell 610 Franken

Ob das ausreicht, den in der Thurgauer Musikschullandschaft entstandenen Flickenteppich zu vereinheitlichen, wird von Kritikern allerdings bezweifelt. Tatsächlich ist die Lage auf dem Musikschulmarkt heute auf vielen Ebenen sehr undurchsichtig. Eltern merken das an den sehr verschiedenen Tarifen, die sie für den Musikschulunterricht bezahlen müssen. So kostet beispielsweise ein Semester Einzelunterricht (mit 19 Unterrichtseinheiten zu jeweils 30 Minuten) in Aadorf 430 Franken, in Bischofszell aber mindestens 610 Franken. Musikschullehrer merken das an den unterschiedlichen Honoraren, die sie bekommen. Und die Musikschulen selbst merken das an dem unterschiedlichen Budget, das sie zur Verfügung haben. 

Tabelle: Die Tarife in den Thurgauer Musikschulen (2018)

 

* Quelle: Eigene Recherche auf den Internetseiten der Musikschulen. Bei zwei angegebenen Preisen gilt: Der erste ist der vergünstigte Tarif für Schülerinnen und Schüler aus der Gemeinde bzw. dem Umland. Dieser wird ermöglicht durch die Subventionen, die einzelne Gemeinden den Musikschulen gewähren. Der zweite Wert ist der Preis für Schülerinnen und Schüler aus dem restlichen Kanton. 

Der Kanton zahlt allen Musikschulen dasselbe: 716,50 Franken pro Schüler

Dabei ist die finanzielle Grundlage, die die Musikschulen vom Kanton erhalten zunächst mal dieselbe: Pro Semester und pro Schüler bekommen alle Musikschulen im Thurgau 716,50 Franken vom Kanton für 19 Unterrichtseinheiten á 30 Minuten. Danach endet dann aber auch die Gemeinsamkeit, weil die Voraussetzungen an den verschiedenen Orten so unterschiedlich sind. Manche sind privat organisiert als Verein, andere sind öffentlich-rechtlich zum Beispiel in einem Schulverband eingegliedert. Daraus ergeben sich auch unterschiedliche Kostenstrukturen. So haben einige Schulen in der Regel kaum oder gar keine Mietkosten, weil sie gemeindeeigene Gebäude mitbenutzen können. Dieser Kostenvorteil hilft ihnen im Wettbewerb um Schülerinnen und Schüler: Sie können günstigere Kurse anbieten. Das ist ein Grund dafür, weshalb der gleiche Unterricht in Aadorf 430 Franken, in Bischofszell aber 610 Franken kostet. Ein anderer liegt in den Zuschüssen aus den jeweiligen Gemeinden. Manche Musikschulen erhalten sie, andere nicht. Bei grösseren Musikschulen zahlen zum Teil auch umliegende Gemeinden einen Beitrag. Das ermöglicht den Musikschulen, Jugendlichen aus den zahlenden Gemeinden günstigere Tarife anzubieten. Die Höhe dieser zusätzlichen Subventionen ist allerdings sehr verschieden. Auswirkungen auf den Wettbewerb bleiben da nicht aus.

Wettbewerbsverzerrung? Private drängen auf eine Vereinheitlichung der Tarife 

Das ist auch der Grund, weshalb vor allem die privat organisierten Musikschulen darauf drängen, das Gebührenmodell im Kanton zu vereinheitlichen. Ob sich daran zeitnah etwas ändert, ist derzeit kaum absehbar. Immerhin: Seit Juni 2018 befasst sich eine neue Arbeitsgruppe beim Amt für Volksschulen mit der Zukunftsfrage bei den Musikschulen. Erste Ergebnisse sollen bis Ende 2019 erarbeitet sein. Themen, die dort behandelt werden sollen, sind nach Angaben von Martin Schläpfer vom Amt für Volksschulen: Überprüfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen der Musikschulfinanzierung inklusive möglicher Finanzierungsmodelle, eine Vereinheitlichung der Administration beziehungsweise Rechnungslegung, sowie eine Definition von Qualitätsstandards im Bereich der Unterrichts- und Schulqualität. Drei bis vier Mal pro Jahr will die Gruppe tagen. Mitglieder sind neben Martin Schläpfer auch Julia Kräuchi (Musikschule Arbon & Vorstand des Verbands der Musikschulen Thurgau), Vreni Reifler (Amt für Volksschulen) und Andreas Schweizer (Noch-Präsident des Verbands der Musikschulen Thurgau). 

Ob Schweizer auch nach seinem Ausscheiden beim Verband in der Arbeitsgruppe bleibt, sei noch offen, erklärt Martin Schläpfer auf Nachfrage: „Wir werden abwarten, wie die Nachfolge von Andreas Schweizer im Verband geregelt wird und dann im Gespräch mit dem Verband seine künftige Vertretung in der Arbeitsgruppe besprechen.“ Sollte Andreas Schweizer im Gremium verbleiben, dürfte das zu weiteren Diskussionen führen. Nach dem Zerwürfnis zwischen Schweizer und vielen Musikschulenleitern rund um seinen Rücktritt möchte sich kaum ein Musikschulleiter mehr von Andreas Schweizer erklären lassen, wie er seine Schule zu führen hat. 

Was Fusionen von Musikschulen bedeuten können, kann man auch in der Nachbarschaft beobachten: Bei der Jugendmusikschule Winterthur und Umgebung sind neben der Stadt Winterthur weitere 16 Gemeinden angegliedert, die Musikschule Zürcher Oberland ist zuständig für 16 Gemeinden. Was solch ein Modell für den Thurgau bedeuten könnte, hat Wolfgang Pailer vom Musikpädagogen-Verband mal hochgerechnet: «Für den Thurgau mit seinen 80 Gemeinden würde das bedeuten, dass es hier eines Tages, statt wie bisher 14, nur noch 5 Musikschulen geben würde.» Eine Vision, die Wolfgang Pailer skeptisch betrachtet: «Ob dies für die Schüler/innen, die Lehrpersonen und die Eltern mehr Vorteile als Nachteile bringen würde ist ungewiss und angesichts des enormen organisatorischen und gesellschaftspolitischen Aufwands auch fragwürdig.»

 

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