Traut euch!

Traut euch!
Schnecken-Tempo: Kulturpolitische Entscheidungen dauern im Thurgau manchmal lang. Sehr lang. Die Hürden sind oft hoch. Aber mit ein bisschen Wagemut könnte man sie schneller überwinden. | © Canva

Die Entscheidungen bei den kantonalen Museen und die Diskussionen um ein Kulturzentrum in Kreuzlingen haben eins gemeinsam: Sie werden von Zweifeln gehemmt, statt von Zuversicht angetrieben. Warum sich das ändern muss.

Mut ist in der Politik eine schwierige Kategorie. Er wird an den Wahlurnen oft nicht so belohnt, wie er es verdient hätte. Ja, mutige Entscheidungen können zu Machtverlust führen. Trotzdem braucht es Mut gerade mehr denn je in der Politik. Wie sehr, das sieht man oft an Projekten, denen es genau daran mangelt.

Zwei Beispiele dafür sind die jüngsten Entscheidungen des Regierungsrats zur Neuordnung der Museumslandschaft und das jahrelange Hin und Her beim Bau eines Kulturzentrums in Kreuzlingen. Es gibt viele Dinge, die beide Vorhaben trennt. Was sie jedoch eint ist eine zaudernde Zaghaftigkeit in der Art und Weise, wie man die Projekte angeht und über sie in der Öffentlichkeit spricht. Beide werden eher von Zweifeln gehemmt als von Zuversicht angefacht.

Ein wesentlicher Grund dafür ist: Die Angst vor der Unberechenbarkeit des Stimmvolks. Schliesslich werden beide Projekte angesichts ihres finanziellen Volumens am Ende die Zustimmung der Bürger brauchen. Unabhängig davon, dass Angst selten ein guter Ratgeber für mutige Lösungen ist, liegt das viel grössere Problem in der Haltung, die zu dieser Angst überhaupt erst führt.

Das grosse Missverständnis: Kultur als Zumutung

Politik versteht Kultur allzuoft noch als eine Art Zumutung, zu der man die Menschen überreden muss. In der Beliebtheitsskala in etwa auf einer Stufe mit dem regelmässigen Zahnarztbesuch. Dabei ist die Gesellschaft längst weiter. Der Kulturbegriff weitet sich, neue Vermittlungsformate gesellen sich zu üblichen Aufführungsarten. Kultur ist etwas, das nicht nur in Museen, Theatern oder Kinos verhandelt wird, sondern im Alltag eines jeden Menschen. Wie wir miteinander leben wollen, eine zentrale kulturelle Frage aller Zeiten, darüber bestimmt jeder und jede von uns jeden Tag mit seinen und ihren Handlungen immer wieder aufs Neue.

Eine Politik, die das verkennt, wird mit ihren Projekten scheitern. Denn: Wie will man die Menschen für sich gewinnen, wenn man selbst zu den Zauderern gehört? Wie will man andere von der Kraft der Kultur überzeugen, wenn man selbst ein überkommenes Kulturbild im Kopf hat? Wie kann man selbstbewusst auftreten, wenn die Risiken stets, die Chancen verdecken?

Keine PR-Floskeln, sondern Transparenz und Zuversicht

Bitte nicht falsch verstehen: Es geht gar nicht darum, dass die Politik Kulturprojekte blind hochjubeln soll. Es geht auch nicht darum, die Menschen mit hochglänzendem PR-Gelaber zu beschwatzen. Es geht darum, transparent zu kommunizieren, klar zu bleiben in seinen Aussagen und bei allen Zweifeln, die man haben kann, die Zuversicht, die jedem neuen Kulturprojekt innewohnt, nicht aus den Augen zu verlieren.

Immerhin: Beim Kanton scheint man inzwischen den mentalen Turnaround geschafft zu haben. Regierungsrätin Monika Knill betonte zuletzt, dass es bei den Museen nun darum gehe, möglichst viele „Ermöglicher“ zusammenzubringen, um das Projekt auf einen konstruktiven Weg zu bringen. Der Gestaltungswille scheint die Verwaltungsträgheit hier (für den Moment) zur Seite geschoben zu haben.

Wer ungenau kommuniziert, macht sich angreifbar

In Kreuzlingen könnte das noch eine Weile dauern. Seit 12 Jahren versucht die Stadt, den Bau eines Kulturzentrums zu stemmen - und kommt doch nicht wirklich voran. Auf Fortschritte folgten immer wieder Rückschritte. Allzuoft hatte man auch das Gefühl, dass die Politik das Projekt nur halbherzig und nicht mit der eigentlich notwendigen Kraft vertritt.

Wenn dann noch ungenaue Kommunikation über das Projekt dazu kommt, die durch eine einfache journalistische Nachfrage ausgehebelt werden kann, dann schafft man sich ohne Not ein Glaubwürdigkeitsproblem, das dem ganzen Vorhaben mehr schaden kann als die so oft befürchtete offene Debatte über das Für und Wider eines solchen Projekts.

Angst vor einer öffentlichen Debatte? Aber warum denn?

Davor sollte man nun wirklich keine Angst haben. Kultur kann so viel. Kultur kann Brücken bauen, Verständnis über Grenzen schaffen, neue Sichtweisen ermöglichen, gedankliche Horizonte erforschen und im besten Fall dazu beitragen, die heute so komplexe Welt besser zu verstehen.

Es gibt also genügend Gründe, selbstbewusst aufzutreten. Man muss sich nur trauen.

 

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