100’000 Franken für Promenaden

100’000 Franken für Promenaden
Die Entscheidung: Renate Bruggmann, Präsidentin der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, gratuliert Richard Tisserand und Reto Müller zum Sieg beim Wettbewerb Ratartouille. | © Publikumswahl Ratartouille, Kulturstiftung des Kantons Thurgau, Foto: Michael Lio

Richard Tisserand und Reto Müller sind die Gewinner des Wettbewerbs „Ratartouille“. Das Finale zeigte die Chancen von Publikumsbeteiligung in der Kulturförderung - aber auch die Tücken. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Als am Freitagabend in St. Petersburg im EM-Viertelfinale gegen Spanien noch lange kein Elfmeter geschossen war, war die Entscheidung in Weinfelden in einem echten Finale längst gefallen: Richard Tisserand und Reto Müller haben die 100’000 Franken aus dem Wettbewerb „Ratartouille“ der Kulturstiftung des Kantons Thurgau für ihr Projekt „Promenaden“ gewonnen. Es gab zwar keinen Konfettiregen im Theaterhaus, dafür aber dann doch recht zufriedene Gesichter bei den Gewinnern.

Und einen Satz, der das ganze Für und Wider um dieses neue Projekt der Kulturstiftung doch ziemlich gut auf den Punkt brachte. „Ich war ja eher skeptisch, was die Publikumsabstimmung betrifft, aber jetzt wo wir gewonnen haben, finde ich es doch ganz gut“, sagte Richard Tisserand, Künstler und Kurator des Kreuzlinger Kunstraums, in seiner ihm eigenen kauzigen Verschmitztheit.

„Ich war ja eher skeptisch, was die Publikumsabstimmung betrifft, aber jetzt wo wir gewonnen haben, finde ich es doch ganz gut.“

Richard Tisserand, Künstler, Kurator, 100’000-Franken-Gewinner (Bild: Inka Grabowsky)

Denn das war ja tatsächlich das Neue an dieser Veranstaltung: Nicht Kulturfördergremien oder eine Jury sollte über die Vergabe der 100’000 Franken entscheiden, sondern das Publikum vor Ort. Ganz analog und per gelbem Stimmzettel durften die ZuschauerInnen die drei verschiedenen Projekte in eine Reihenfolge bringen: Wer wird Erster? Wer Zweiter? Wer Dritter?

61 Stimmen wurden an jenem Abend abgegeben, die Mehrheit entfiel schliesslich auf das Projekt „Promenaden“. Wie gross diese Mehrheit war, erfuhr man an diesem Abend nicht, nur dass das Projekt „Kultur im Tankkeller“ auf Platz 2 rangierte und „Thurgau fix“ den dritten Platz holte.

Mit Müllers und Tisserands „Promenaden“ gewann nun ein Projekt, das vor allem auf die bestehenden Kulturangebote im Kanton setzt und versucht, diese neu zu verbinden. Es geht um gemeinsame Ausflüge, Entdeckungen und darum, den Kanton auf ungewöhnliche Weise neu kennenzulernen. Das alles gesteuert über eine noch zu entwickelnde App, die Bestehendes verbindet und etwas Neues daraus entstehen lassen will (eine ausführliche Vorstellung des Projektes gibt es hier). „Wir freuen uns sehr, dass wir gewonnen haben, jetzt müssen wir liefern“, sagte Reto Müller am Ende des Abends.

Reto Müller und Richard Tisserand bei der Präsentation ihres Projektes Promenaden.Publikumswahl Ratartouille, Kulturstiftung des Kantons Thurgau, Bild: Michael Lio

 

Auch das Netzwerk hat zum Sieg verholfen

Zwei Stunden zuvor war er noch ein bisschen nervöser gewesen. Müller und Tisserand machten den Auftakt, sie präsentierten als Erste ihre Idee dem Publikum. Jedes Team hatte rund 15 Minuten Zeit, danach gab es eine offene Fragerunde für das Publikum. Eine echte Debatte gab es nicht, aber es war doch interessant zu höre, worauf die ZuschauerInnen Wert legten: Kosten, Nachhaltigkeit und die mögliche Einbindung des Publikums. Wohl auch deshalb machte das Projekt von Müller/Tisserand am Ende das Rennen.

Neben der inhaltlichen Stärke von „Promenaden“ liegt ein weiteres Erfolgsgeheimnis des Duos auch in der seit Jahrzehnten gewachsenen Vernetzung von Richard Tisserand in das Thurgauer Kulturleben. Dieses Netzwerk hat Tisserand genutzt, um Werbung für sein Projekt zu machen und möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, zum Finale ins Theaterhaus zu gehen und für ihn abzustimmen.

Und so bewegte sich der Abend ein Stück weit auch auf einem schmalen Grat. Denn: Solche Publikums-Votings müssen immer mit dem Vorwurf leben, dass am Ende nicht das beste Projekt gewinnt, sondern das Projekt, das am meisten Unterstützer mobilisieren kann.

Abstimmung mit Stimmzettel: So konnten die ZuschauerInnen bei Ratartouille für ihr Lieblingsprojekt voten. Bild: Michael Lünstroth

 

Enttäuschung und Unmut bei den Verlierern

Entsprechend war am Ende des Abends in Weinfelden auch ein gewisser Unmut bei den Verlierern zu spüren. „Ich frage mich schon, wozu wir diesen Abend überhaupt machen, wenn viele ZuschauerInnen schon vor den Projekt-Präsentationen ihre Entscheidung getroffen hatten“, sagte beispielsweise Andrin Uetz vom Egnacher Projekt „Kultur im Tankkeller“.

Aus seiner Sicht hätte sich die Kulturstiftung mehr Gedanken über die Besetzung des Publikum machen müssen am Finalabend. So habe nun kaum Chancengleichheit geherrscht, findet Uetz.

Stefan Wagner, Beauftragter der Kulturstiftung und wesentlicher Initiator von „Ratartouille“ verteidigt dagegen sein Konzept: „Alle Projekte hatten dieselben Startvoraussetzungen, jeder hatte die Möglichkeit für sich zu mobilisieren, insofern hatten alle dieselben Chancen. Die Tickets wurden zudem verlost, es war also nicht vorhersehbar, wer am Ende im Publikum sitzt.“ Er könne die Enttäuschung der unterlegenen Teams verstehen, aber das Konzept habe aus seiner Sicht funktioniert.

Der Geschmack von Most: Andrin Uetz (links) und Pascal Leuthold bei der Präsentation ihres Projektes im Wettbewerb Ratartouille. Bild: Michael Lünstroth

So einfach ist das mit der Publikumsbeteiligung eben nicht

Vielleicht wäre es trotzdem besser gewesen, wenn jedes Projektteam nur ein bestimmtes Karten-Kontingent erhalten hätte und der Rest an ein unabhängiges Publikum gegangen wäre. Aber andererseits - wie will man das kontrollieren, wer, wie, mit wem verbandelt ist?

Eine Lehre des Abends ist denn auch - so einfach ist das mit der Beteiligung des Publikums nicht. Sollte es eine neue Auflage der Ausschreibung geben, dann wäre die Kulturstiftung alle mal gut beraten, diesen Finalabend besser zu durchdenken.

Am Ende ein Zeichen der Versöhnung

Als in St.Petersburg längst der letzte Elfmeter verschossen war, gab es bei aller Unzufriedenheit in Weinfelden dann aber doch auch ein Zeichen der Versöhnung: Die Kulturstiftung kündigte an, dass sie auch die unterlegenen Projekte weiter unterstützen werde.

Nicht mit 100’000 Franken, aber beide Teams können sich zumindest um weitere Gelder der Stiftung bemühen. Sowohl Christine Müller Stalder für „Thurgau fix“ als auch Andrin Uetz für „Kultur im Tankkeller“ sagten zu, dass sie ihre Festivals weiterhin realisieren wollen.

Christine Müller Stalder bei der Präsentation ihres Projektes «Thurgau fix».  Publikumswahl Ratartouille, Kulturstiftung des Kantons Thurgau, Bild: Michael Lio

 

Die gute Nachricht kommt zum Schluss

Und das wäre ja dann doch die erfreulichste Nachricht dieses Abends: Der Thurgau kann sich 2022 nicht nur auf ein, sondern auf drei neue Festivals freuen.

Transparenz-Hinweis: Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau ist eine von zwei AktionärInnen der gemeinnützigen Thurgau Kultur AG, die thurgaukultur.ch betreibt. Alle Details zur Struktur und Finanzierung von thurgaukultur.ch findet ihr hier.

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kulturpolitik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kulturförderung

Werbung

Jetzt abonnieren

Der Newsletter für kulturelle Kinder- & Familienangebote.

Openair-Kinos

... die 7 schönsten der Region

#lieblingsstücke

quer durch den Thurgau

«Kultur für Klein & Gross» #1

Die perfekte Übersicht über die kulturellen Familien- & Kinderangebote, Erlebnisse & Veranstaltungen während den Sommerwochen. Alles auf einen Blick.

Deine «Tipps der Woche»

#30-32 vom 16. Juli bis 15. August 2021

Wer wir sind

Alles rund um thurgaukultur.ch

Ähnliche Beiträge

Kulturpolitik

Kult-X: Pro-Komitee nimmt Arbeit auf

Am 26. September stimmen die Kreuzlinger StimmbürgerInnen über den Fortbestand des Kulturzentrums an der Hafenstrasse ab. Die Befürworter starten jetzt ihren Wahlkampf. mehr

Kulturpolitik

Die grossen Unterschiede

Frauen verdienen weniger, sind weniger sichtbar und seltener in Leitungspositionen: Eine neue Vorstudie der Universität Basel zeichnet ein ernüchterndes Bild von der Gleichstellung im Kulturbetrieb. mehr

Kulturpolitik

Traut dem Publikum mehr zu!

Welche Kultur soll gefördert werden? Und wozu braucht es heute noch Kulturpolitik? Die Kulturwissenschaftlerin Theres Inauen über Gerechtigkeit, Black Boxes und Lehren aus der Corona-Zeit. mehr