Aus dem Leben eines Künstlers

Aus dem Leben eines Künstlers
Eine der Ausstellenden bei der diesjährigen Werkschau Thurgau: Die aus Frauenfeld stammende Fotografin Simone Kappeler | © Simone Kappeler

Am Samstag, 19. November, startet die Werkschau Thurgau 2016. An sieben Orten werden mehr als 70 verschiedene Kunstpositionen gezeigt. Es ist eine Versammlung moderner Kunst mit Thurgaubezug. Wie bereiten sich die Künstler darauf vor? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

Von Michael Lünstroth

Richtig angefangen hat alles eigentlich erst mit den Molchen. Natürlich hat Simone Kappeler auch schon vorher eine Kamera in der Hand gehabt. „Mit dem Apparat unseres Kindermädchens habe ich am liebsten Tiere fotografiert. Ich war so ein Sammlertyp, Fotos waren da ein gutes Medium für mich", erinnert sich die Thurgauerin. Aber das war das, was Kinder eben tun, wenn man ihnen Kameras gibt. Das mit den Molchen war dann schon eine andere Nummer. Im Biologieunterricht, Kappeler war gerade 13 Jahre alt, hat sie die Entwicklungsstadien der Molche fotografisch festgehalten. Ein eher wissenschaftlicher Ansatz, aber doch findet sich diese Neigung zum Dokumentarischen auch in ihren späteren Arbeiten wieder.

Simone Kappeler ist heute 63 Jahre alt und hat ein umfangreiches Werk vorzuweisen. Sie hat hier in der Region ebenso immer mal wieder ausgestellt, wie auch in einer Galerie in New York. Ihre Arbeiten lassen sich schwer in eine Schublade pressen. Sie beherrscht es, die Stimmung eines Moments ebenso einzufangen, wie sie auch außerordentliche Serien konzeptueller Fotokunst abgeliefert hat. Sie ist eine der Künstlerinnen, die ab Samstag bei der grossen Werkschau Thurgau ihre Arbeiten zeigt. Zu sehen sind neue fotografische Arbeiten der Künstlerin, die während eines dreimonatigen Atelier-Aufenthalts in New York City entstanden sind. Mit schwarz-weiss Polaroidbildern hat Kappeler nächtliche Streifzüge durch die Millionenstadt dokumentiert. Gezeigt werden die Arbeiten während der Werkschau im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen. 

Die Ursprünge der Werkschau liegen im Herbst 2011. Damals hatte die Kulturstiftung des Kantons Thurgau über eine öffentliche Ausschreibung Kunstschaffende aus dem Thurgau zu einer regionalen Werkschau eingeladen. Erklärtes Ziel dieser erstmaligen Initiative war es, das regionale Kunstschaffen in all seinen Facetten und Tendenzen selbstbewusst und kritisch vorzustellen, die gegenseitige Wahrnehmung unter den Kunstschaffenden anzuregen und möglichst viele Kunstinteressierte von nah und fern zu einer Kunstexpedition durch den Thurgau anzuregen. 2013 fand dann die erste Werkschau Thurgau statt.

 

Beitrag von art-tv zur ersten Werkschau Thurgau 2013

Simone Kappelers Weg in die Fotografie war nicht ganz so direkt, wie man das vielleicht anhand der Molchgeschichte denken würde. Kappeler entschied sich zunächst für den anderen Weg und die Naturwissenschaften. Sie schrieb sich für ein Biologiestudium ein, merkte dann aber recht bald, dass sie die Kunst mehr interessiert. Sie sattelte um auf Kunstgeschichte und Germanistik, später ließ sie sich an der Züricher Schule für Gestaltung in der Fachklasse für Fotografie ausbilden. Seit den 1980er Jahren arbeitet sie als freischaffende Fotografin. Über die Frage, warum sie sich letztlich für dieses Medium entschieden habe, muss die 63-Jährige nicht lange nachdenken: „Es sind vor allem zwei Dinge: Mir gefällt die Mischung aus Gestalterischem und Technischem und ich finde es immer noch faszinierend, dass bei der Fotografie das Entscheidende in Sekunden passiert", sagt Simone Kappeler.

Neben vielen Einzelkünstlern sind bei der diesjährigen Werkschau auch einige Kollektive dabei. Zum Beispiel CKÖ aus Zürich. Sara Widmer ist Teil des Kollektivs und stammt ursprünglich aus dem Thurgau. "Ich freue mich darauf mal wieder die Gelegenheit zu haben in der Heimat auszustellen", sagt Widmer im Gespräch mit thurgaukultur.ch. Gemeinsam mit Georg Krummenacher und Daniel Lütolf bildet sie das Kollektiv CKÖ. Bei der Werkschau zeigen sie in der Kunsthalle Arbon eine aus Holz und LED-Röhren gefertigte, funktionstüchtige Raketenabschussrampe namens WATASTATA

Aus der Kunstschmiede CKÖ: WATASTATA wurde erdacht und erbaut vom Zürcher Kunstkollektiv CKÖ. Sie zeigen ihre Arbeit auch bei der Werkschau Thurgau ab 19. November. Bild: CKÖGestatten, das ist WATASTATA von CKÖ: Das Zürcher Kunstkollektiv mit Wurzeln im Thurgau zeigt diese Arbeit in der Kunsthalle Arbon. Bild: CKÖ

 

Seit 2011 arbeiten sie im Trio zusammen und das hat sich eher zufällig ergeben. Bei einer Intervention gegen den Abriss eines Hauses in Zürich haben sie eine Performance gemacht. Danach haben sie einfach immer weiter zusammen gearbeitet. "Wir haben gemerkt, dass das gut passt. Die Ideenfindung läuft bei uns immer gemeinsam, meistens sogar basisdemokratisch", erklärt Sara Widmer. Basisdemokratie und Kunst? Ob sich das verträgt? "Naja", sagt Widmer, "es ist immer wieder eine Herausforderung. Aber es ergeben sich ganz andere Diskussionen, wenn nicht einer einfach die Richtung bestimmt. Der Diskurs bestimmt bei uns das Werk."

Aussergewöhnliche Kunst trifft aussergewöhnlichen Ort

Zu solch aussergewöhnlichen Arbeiten gesellt sich bei der Werkschau auch mindestens ein aussergewöhnlichen Ort für Kunst - die Kehricht-Verwertungs-Anlage (KVA) Weinfelden. Das massive Betongebäude mit seinen immer tönenden Maschinen ist kein typischer Kunstort. Sehr industriell, sehr mechanisch, sehr monoton. Gerade deshalb passt hier die Kunst so gut rein. Kuratiert wurde die Schau hier von der Remise Weinfelden. Eine der Ausstellenden ist das Duo steffenschöni. Das Duo versteht sich als so etwas wie Archäologen der Gegenwart. Sie spüren zivilisatorischen Hinterlassenschaften nach und interessieren sich für weggeworfenes und liegengelassenes Material, für Reste eines Hausabbruchs oder eines Strassenbaus und für die Spuren der Kultivierung der Natur. 

Wir treffen Heidi Schöni drei Tage vor der Vernissage in der KVA. Sie wirkt entspannt, der grösste Teil der Arbeit ist erledigt. Jetzt geht es um die Feinarbeit. In einem dieser endlos langen Flure der KVA hat das Künstler-Duo einen Tisch aufgebaut. Darauf allerlei Arbeitsmaterialien. "Wir machen bei unseren Arbeiten immer auch gerne den Entstehungsprozess transparent. Deshalb kann man hier sehen, wie die Werke entstanden sind", erklärt Heidi Schöni. Sie zeigen zwei Arbeiten bei der Werkschau "fehlstellen" und "Blub". Beide sind im Zusammenhang mit dem Ort entstanden. Gestapelte Styroporplatten, auf Tischen arrangierte Asphaltblöcke und Elemente aus Beton und Zement suggerieren eine Art archäologische Werkstatt. "Steffenschöni fertigen Objekte, wie sie unsere Nachfahren dereinst vielleicht einmal ausgraben, um wissenschaftliche Schlüsse über die Menschen des 21. Jahrhunderts zu ziehen", heisst es in dem Begleitheft zur Werkschau.

In der KVA ausstellen zu dürfen empfindet Heidi Schöni als Herausforderung und Chance. "Man muss die Arbeit so konzipieren, dass sie nicht von dieser Architektur verschlungen wird. Die Arbeiten wirken hier auch ganz anders als in Galerien. In solch einem Kontext weiss man als Besucher nicht auf Anhieb, was ist jetzt Kunst und was gehört zum Alltagsbetrieb der KVA. Das finde ich reizvoll", so die Künstlerin.

Simone Kappeler benutzt Kameras wie ein Maler seine Pinsel

Nochmal zurück zu Simone Kappeler. Die Arbeit führte die Künstlerin in den vergangenen Jahren unter anderem nach Japan und in die USA, um dort ungewöhnliche Alltagsmomente festzuhalten. Genauso ist sie aber auch auf heimischen Feldern unterwegs, um Birnbäume abzulichten. Ihre Stile unterscheiden sich dabei übrigens mindestens so sehr wie die Apparate, die sie dafür verwendet. Spiegelreflex- und Fachkameras gehören zu Kappelers Handwerkzeug wie auch eine amerikanische Plastikkamera namens „Diana". Die Fotografin nutzt das, was ihr gerade angemessen erscheint. Wie ein Maler, der auch verschiedene Pinsel benutzt.

Dabei suche sie oft nicht nach einem bestimmten Motiv. „Mich interessieren eher zwei Dinge: Das Flüchtige des Moments oder ein bestimmtes Motiv immer wieder anders zu zeigen", erläutert Kappeler. So etwas wie richtiges oder falsches Licht gibt es für sie nicht. Man müsse sich eben nur das richtige Motiv aussuchen. Das erscheine immer in einem speziellen Licht.
In diesen Momenten ist die Fotografin so rätselhaft und beinahe mythisch wie es auch ihre Kunst sein kann. So zum Beispiel die Serie von Frauenakten, die hell erleuchtet vor schwarzem Grund einen Saibling oder einen Froschlaich in den Händen halten. Aber gerade das macht Kappelers Werk ja so spannend. Was da noch kommen wird? „Ich werde jedenfalls nicht aufhören zu fotografieren", sagt die Künstlerin. Das klingt nach einem Versprechen.

 

Das komplette Programm der Werkschau Thurgau gibt es hier


Einblicke in einen der Kunstorte der Werkschau. Bei Widmertheodiridis stellen mehrere Künstler aus. Samantha Zaugg hat die verschiedenen Orte der Werkschau vorab besucht und kleine Videoreportagen mitgebracht. Weitere Videos zu den verschiedenen Schauplätzen der Werkschau 2016 finden Sie hier 

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