von Michael Lünstroth, 12.07.2018

Auf die Barrikaden!

Auf die Barrikaden!
Aufstand der Arbeiter: Im November 1918 gingen rund 250.000 Menschen auf die Barrikaden, um unter anderem für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen | © 1918.ch

Ein gesamtes Land in Aufruhr: Der Landesstreik von 1918 brachte die Schweiz an den Rand eines Bürgerkrieges. 100 Jahre danach will ein Mammut-Theaterprojekt die Geschichte wieder erlebbar machen.

Es waren nicht eben gemütliche Tage, damals im November 1918 in der Schweiz: Die Gesellschaft war tief gespalten, die Schere zwischen Arm und Reich klaffte weit auseinander, viele Menschen hatten Hunger und forderten nun Rechte für sich, die für andere schon galten. Auf die sozialen Unruhen reagierte der Bundesrat unnachgiebig - er schickte rund 100 000 bewaffnete Soldaten in die Städte, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Es passierte das Gegenteil: In 19 Schweizer Städten kommt es ab 9. November zu einem Warnstreik, später zu einem Landesstreik an dem sich rund 250 000 Arbeiter beteiligen. In einigen Städten eskaliert die Lage derart, dass es sogar Tote gibt. 

Exakt 100 Jahre sind diese Ereignisse inzwischen her und die dramatischen Entwicklungen von damals kommen nun auf die Bühne: Vom 16. August bis 25. September re-inszeniert der Verein „100 Jahre Landesstreik 2018“ in Olten die Geschichte, die die Schweiz verändern sollte. Liliana Heimberg ist künstlerische Leiterin und Regisseurin des Projektes und steht vor einer Mammutaufgabe. Mit rund 100 Spielerinnen und Spielern verschiedenen Alters und unterschiedlichem Erfahrungsschatz auf einer Theaterbühne will sie die Ereignisse von 1918 zum Leben erwecken. Als wäre diese Herausforderung nicht schon gross genug, setzt Heimberg noch eins drauf: Die von ihr entwickelte Haupthandlung wird von rund 20 Theatergruppen aus dem ganzen Land mit eigenen Szenen aus den jeweiligen Kantonen ergänzt. Pro Aufführung werden jeweils zwei kantonale Szenen eingeflochten auf die Liliana Heimberg bewusst keinen Einfluss nehmen wollte. „Es soll die gesamte Vielfalt der Perspektiven auf den Landesstreik zu sehen sein, deshalb lassen wir den Kantonen da komplett freie Hand“, sagt die Regisseurin. 

„Wir haben gut voran gearbeitet": Regisseurin Liliana Heimberg. Bild: zVg

Allein der logistische Aufwand ist immens

Wie sie das alles koordinieren will? Sechs Wochen vor der Premiere wirkt Liliana Heimberg gelassen: „Wir haben gut voran gearbeitet, ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das alles gut hinbekommen“, sagt sie im Gespräch mit thurgaukultur.ch Das Projekt zu reduzieren, wäre ihr nicht in den Sinn gekommen: „Das Thema und die Anliegen des Landesstreiks sind so weitreichend, das sie eine solch aufwändige Aufarbeitung gebieten“, ist Heimberg überzeugt. In der Alten Hauptwerkstätte in der Nähe des Bahnhofs Olten, einem Ort der zum Zeitpunkt des Landesstreiks Arbeitsplatz für viele Eisenbahner war, hat sie zusammen mit ihrem Team und den über hundert Spielerinnen und Spielern „einen Denkraum geschaffen, um sich einem historischen Ereignis anzunähern, das die Schweiz an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht hat“, wie die Regisseurin erklärt. Hier entstehen die Szenen der Haupthandlung des Stückes, die Kantone liefern ihre Szenen zu den Aufführungen an. Dazwischen gibt es aber natürlich auch Absprachen. Am Ende soll es ja bei aller Verschiedenheit doch ein stimmiges Ganzes ergeben. 

Wer wissen will, wie dramatisch die Lage im November 1918 wirklich war, der sollte mit dem Thurgauer Historiker und Journalisten Stefan Keller reden. Schon mehrfach hat er sich mit dem Landesstreik beschäftigt, auch das Projekt 1918.ch berät er jetzt in historischen Fragen. Stand die Schweiz also damals tatsächlich vor einer Revolution? Stefan Keller winkt ab: „Aus heutiger Sicht war die Angst davor damals stark übertrieben. Die Mehrheit der Arbeiterschaft wollte bessere Verhältnisse, aber keine Revolution.“ Die Novemberrevolution in Russland sei in der Schweiz zwar interessiert beobachtet worden, in der Form wäre das aber in der Schweiz nicht möglich gewesen, ist Keller überzeugt. 

Eine Lehre von 1918: «Es ist legitim, sich zu wehren.»

Dramatisch sei die Lage damals trotzdem gewesen: „Der Landesstreik steht für die grösste und vielleicht gefährlichste Auseinandersetzung in der Schweiz nach dem Sonderbundskrieg und der Gründung des Bundesstaates“, erklärt der Historiker. Die Forderung von damals sind für ihn bis heute aktuell: „Fragen der Arbeitszeit, AHV, Gleichstellung, Preistreiberei und Spekulation bewegen uns noch heute“, so Stefan Keller. Die wichtigsten Lehren für ihn aus dem damaligen Konflikt: „Es ist legitim, sich zu wehren, man muss sich nicht alles gefallen lassen. Gleichzeitig bliebt es aber auch wichtig, miteinander zu reden, im Gespräch zu bleiben. Die schweizerische Konkordanz ist aus diesem Konflikt geboren.“ Auch im damals stark industrialisierten Thurgau sei die Beteiligung am Landesstreik hoch gewesen: „Arbon war mit dem Sitz von Saurer ein Zentrum des Streiks im Thurgau. Es wurde dort viel gestreikt, alles lief aber weitgehend friedlich ab“, blickt der Historiker zurück. 

Kavallerie auf dem Paradeplatz Zürich während des Landesstreiks im November 1918
Kavallerie auf dem Paradeplatz Zürich während des Landesstreiks im November 1918. Bild: Von Unbekannt - Scanned from the book "L'aventure Suisse de siècle en siècles", Migros (1991), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5104415 


Nicht nur deswegen entsendet der Thurgau eine eigene Theatergruppe nach Olten. Die Leitung dafür liegt bei Giuseppe Spina und Simon Engeli von der Frauenfelder Theaterwerkstatt Gleis 5. Seit April dieses Jahres laufen die Proben mit den 12 Laienspielern, die sich für das Projekt gemeldet haben: „Die meisten von ihnen haben kaum oder keine Theatererfahrung, deshalb mussten wir zu Anfang viel Grundlagenarbeit machen“, sagt Giuseppe Spina im Gespräch mit thurgaukultur.ch Sechs Minuten dauert die Szene, die die Thurgauer zum Gesamtprojekt beisteuern (zu sehen ist sie an den drei Abenden vom 5. bis 7. September in Olten). Der heimliche Star des Projektes ist ein grosser Saurer-Transportwagen aus dem Jahr 1913. Die Geschichte, die die Thurgauer Truppe erzählen möchte handelt von der so genannten Milchsperre: Thurgauer Bauern hatten damals die Idee, den Revolutionäre auszuhungern und ihnen die Milch zu verweigern. „Für uns war das die interessanteste Geschichte, deshalb haben wir sie ausgewählt“, sagt Regisseur Spina. Damit erfüllt er auch das, was die künstlerische Leiterin Liliana Heimberg will - sie möchte die Geschichten der Menschen von damals erzählen und das sehr konkret. Dieses Konzept gefiel Giuseppe Spina: „Bei Liliana Heimberg geht es nicht darum, ein bestimmtes politisches Lager gut aussehen zu lassen, sondern die Erlebnisse der Menschen von damals, die Menschen von heute nochmal nachfühlen zu lassen“, so Spina.

Der heimliche Star der Thurgauer Szene im Theaterprojekt: Ein Saurer-Lastwagen aus dem Jahr 1913.
Der heimliche Star der Thurgauer Szene im Theaterprojekt: Ein Saurer-Lastwagen aus dem Jahr 1913. Bild: Giuseppe Spina

 

«Lange waren die Ereignisse des Novembers 1918 stark tabuisiert.»

Liliana Heimberg, künstlerische Leiterin des Projektes  

Letztlich - und daraus macht die künstlerische Leiterin Liliana Heimberg gar keinen Hehl - ist «1918.ch -100 Jahre Landesstreik» auch ein Geschichtsvermittlungsprojekt: „Wir erhoffen uns davon, einen Schritt weiterzukommen in der Rezeption des Landesstreiks. Lange waren die Ereignisse des Novembers 1918 stark tabuisiert, bis heute werden sie in Schweizer Schulbüchern nur sehr vorsichtig behandelt. Dem wollen wir mit einem Blick auf die jüngste Forschung zum Thema entgegen wirken“, sagt Heimberg. Unter anderem bezieht sich die Produktion auf eine Studie des Historischen Instituts der Universität Bern mit dem Titel: „Krieg und Krise: Kultur-, geschlechter-, und emotionshistorische Perspektiven aus den schweizerischen Landesstreik vom November 1918“.

Bei der Beantwortung der Frage, ob der Landesstreik trotz seines jähen Endes - am 14.November brach das Oltener Aktionskomitee aufgrund der zugespitzten Lage den Streik bedingungslos ab - ein Erfolg war, verweist der Historiker Stefan Keller auf die langfristigen Folgen des Streiks: „Die Forderungen von damals sind später Schritt für Schritt - zum Teil in schnellen, zum Teil in sehr langsamen Schritten - auf demokratischem Weg erfüllt worden. Die Schweiz könnte man sich ohne die zentralen Forderungen des Landesstreiks heute nicht mehr vorstellen.“ 

Termine und Tickets 

Premiere: 16. August 2018 in Anwesenheit des Bundespräsidenten Alain Berset
Weitere Aufführungen: 17., 18. , 22., 23., 24., 25., 29., 30., 31. August
1., 5., 6., 7., 8., 9., 12., 13., 14., 15., 19., 20., 21., 22., 23. September Zusatzvorstellungen: 24., 25. September; die Thurgauer Szenen sind in den Aufführungen vom 5.,6. und 7. September zu sehen. Vorstellungsbeginn: 20 Uhr an Werktagen, 17 Uhr an Sonntagen. Dauer: 2 Stunden ohne Pause

 

Spielort: Olten, Alte Hauptwerkstätte SBB (Gösgerstrasse 52, 4600 Olten). Der Spielort ist in etwa 5 bis 10 Minuten per Fuss ab dem Bahnhof Olten erreichbar.  

 

Tickets: Die Plätze auf der Tribüne sind nicht nummeriert und haben einen einheitlichen Preis. 48 Franken für Erwachsene ab 18 Jahren, 38 Franken für Kinder, Studierende und Lernende. Pro Abend sind 500 Tickets im Angebot. Tickets gibt es über die Internetseite des Projektes: https://1918.ch/ticketing 

 

Mitwirkung aus den Kantonen: Aargau, Appenzell Innerrhoden & Ausserrhoden, Bern, Genf, Glarus, Jura, Neuenburg, St. Gallen, Thurgau, Uri, Waadt, Wallis, Zug und Zürich

 

Weiterlesen: Eine kurze und gute Zusammenfassung der historischen Ereignisse rund um den Landesstreik kann man hier nachlesen. 

  

Ein lesenswertes Interview zum Thema Landesstreik haben unsere Kollegen von Saiten mit der Choreografin Gisa Frank und dem Historiker Stefan Keller geführt: https://www.saiten.ch/der-landesstreik-von-unten-erzaehlt/ 

Weitere historische Bilder zum Landesstreik

Truppen auf dem Waisenhausplatz während des Landesstreiks
Truppen auf dem Waisenhausplatz (Bern) während des Landesstreiks. Bild: Swiss Federal Archives, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29952767 

 

Aufruf zum Landesstreik in Arbon
Aufruf zum Landesstreik in Arbon. Bild: Historisches Museum Arbon

 

Flugblatt des Oltener Komitees mit dem Aufruf zum «allgemeinen Landesstreik»
Flugblatt des Oltener Aktionskomitees mit dem Aufruf zum «allgemeinen Landesstreik». Abbildung: Von Sidonius, 1.3.2008 - Aus: Willi Gautschi: Der Landesstreik 1918. Benziger: Zürich, Einsiedeln, Köln 1968, S. 281., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3637605 

 

Wachmannschaft im Bundeshaus während des Landesstreiks
Wachmannschaft im Bundeshaus während des Landesstreiks. Bild: Swiss Federal Archives, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29964443 
Plakat der Ordnungstruppen in Zürich
Plakat der Ordnungstruppen in Zürich. Abbildung: Emil Sonderegger 1868-1934 - Schweizer Armee, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=66677940 

 

Verladen der Bahnpost durch Soldaten während des Landesstreiks
Verladen der Bahnpost durch Soldaten während des Landesstreiks. Bild: Swiss Federal Archives, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29938841 

 

 

 

 

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