von Michael Lünstroth, 02.11.2017

Aus dem letzten Loch

Aus dem letzten Loch
"Wirklich relevant ist das für mich nicht“: Der Starflötist Maurice Steger über all die hymnischen Besprechungen, die seine Auftritte und Einspielungen erhalten. | © Marco Borggreve

An der Blockflöte sind Generationen von Kindern verzweifelt. Maurice Steger hat dem Instrument zu neuem Renommee verholfen. Am 22. November spielt er mit der Südwestdeutschen Philharmonie in Konstanz. Ein Gespräch über Superlative, Herausforderungen und den unbedingten Willen.

Von Michael Lünstroth

Es ist noch gar nicht so lange her, da pfiff die Blockflöte aus dem letzten Loch. Die Zeitungen waren damals voll davon. Die „Welt“ schrieb, die Zeit der Blockflöte sei wohl vorbei, „Leise quietscht die Blockflöte“, titelte das österreichische Blatt „Der Standard“ und die „taz“ aus Berlin fühlte sich gar bemüssigt, eine Liebeserklärung an die Blockflöte abzudrucken. Das konnte nichts Gutes heissen, es musste schlecht um das Instrument stehen. Und tatsächlich waren die Zahlen ja durchaus dramatisch, die der Verband deutsche Musikschulen im Dezember 2013 veröffentlichte: In den Jahren von 2000 bis 2013 war die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die Blockflöte lernen wollten, massiv zurückgegangen. Von 86.223 auf 50.215. Oder in Prozent ausgedrückt - die Zahl der Blockflötenschüler sank um satte 42 Prozent binnen 13 Jahren. Im Tierreich landet man mit solchen Bestandszahlen schnell auf der Liste der bedrohten Arten.

Wären die Schlagzeilen ähnlich gewesen als Maurice Steger seine ersten Versuche auf der Blockflöte machte, sie hätten ihn mutmasslich auch nicht von seinem Weg abgehalten. „Ich war dem Klangwunsch damals verfallen und wollte das unbedingt machen“, sagt der 46-Jährige heute. Steger, geboren 1971 in Winterthur, hat es längst geschafft, er gilt als Star unter den Blockflötisten weltweit. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zählte ihn zu den „weltbesten Virtuosen“ an der Blockflöte und „Der Spiegel“ notierte: „Der Schweizer Holzbläser vollzieht auch den wichtigen zweiten Schritt nach dem Nachweis des technischen Könnens: Er entwickelt ein profiliertes Repertoire, das neben aller Artistik auch musikalisch überzeugt.“ Auch andere Artikel über ihn werden nicht selten mit „Der Zauberflöter“ übertitelt. „Ach ja, all diese Beschreibungen“, ächzt der Musiker fast ein bisschen, wenn man ihn auf all die hymnischen Besprechungen voller Superlative anspricht. Es sei schon so viel über ihn geschrieben worden, „wirklich relevant ist das für mich nicht“, bekennt er. Was für ihn mehr zählt: die Erlebnisse mit der Musik und was sie bei den Menschen auslösen kann. Neben vielen anderen Auszeichnungen hat er auch so gewichtige Preise erhalten wie den BBC Music Award, den Preis des britischen Fachmagazins Gramophone und den Echo-Klassik 2015.

Video: So klingt Maurice Steger

Dabei sah es am Anfang überhaupt nicht so aus, als könnte der kleine Maurice diese Höhen erklimmen. Wie so viele Kinder lernte er die Blockflöte auch im Unterricht in der Grundschule kennen. Aber irgendwie sollte es nicht so recht mit den Tönen klappen. „Ich hatte echte motorische Probleme. Die anderen Kinder spielten alle viel besser, die Lehrerin ist fast an mir verzweifelt“, erinnert sich der Musiker. Aufgeben wollte er trotzdem nicht, er wollte aus dem Instrument den schönst möglichen Klang herausholen. Im Alter von 12 Jahren nahm er Einzelunterricht und plötzlich wurde es besser: „Der Klang war da, ich habe gemerkt, dass ich mich mit der Flöte ausdrücken kann“, sagt Steger. Und so geht er seinen Weg. Mit 15 macht er die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Zürich und pendelt fortan zwischen Graubünden - wo er aufwächst und zur Schule geht - und Zürich. „Meine Eltern wollten, dass ich die Handelsmatura mache und etwas Ordentliches lerne. Aber ich wusste damals schon: Flöten ist das Einzige, was ich richtig gut kann. Es gab keine Alternative mehr“, erklärt der Musiker.

Wie sich Steger um das Publikum von morgen kümmert

Spricht man mit ihm über den Einbruch der Schülerzahlen in den Blockflötekursen, dann ist er nicht besonders erstaunt darüber. „Es gab eine Zeit, da mussten alle mit der Blockflöte beginnen, die irgendein Instrument lernen wollten. Es ist nie so förderlich, wenn man etwas aus Pflicht macht statt aus Lust. Aber die Blockflöte ist so schwer zu spielen, dass sie sich auch eigentlich gar nicht als Einstiegsinstrument unbedingt eignet“, findet Steger. Solche Lehrpläne führten bei vielen dann eben zu Frustration und irgendwann zu einem Imageproblem des Instruments. Steger findet eine gewisse Konsolidierung in dem Bereich aber auch nicht dramatisch. Damit ist er sich mit Musikwissenschaftlern einig. Ulrich Thieme, emeritierter Professor für Blockflöte an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, erklärt warum: „Jedes Instrument, das massenhaft gespielt wird, wird oft schlecht gespielt.“ In den 1920er Jahren sei die Blockflöte in Deutschland zu einem Massenphänomen geworden, nun jedoch sei neuerdings das künstlerische Niveau, etwa bei Wettbewerben wie „Jugend musiziert!“, hoch, und unter den Profivirtuosen werde das Holzblasinstrument heute so ausgezeichnet gespielt, wie „noch nie zuvor“ in seiner Geschichte.

Weil Maurice Steger um die Schwierigkeit seines Instruments weiss und die Defizite im Ausbildungssystem selbst erlebt hat, begann er irgendwann mit eigenen musikpädagogischen Projekten. Zum Beispiel mit dem Projekt Tino Flautino. Mit Musik alter Komponisten hat er viele Schülerinnen und Schüler erreicht. Wie er das geschafft hat? „Wir sind von Stimmungsbildern ausgegangen, die für Kinder wichtig sind, und haben versucht mit textlichen und musikalischen Mitteln Naturelemente, menschliche Gefühlszustände und Szenen darzustellen und sie in ein Gesamtkunstwerk, in dem eine spannende Geschichte erzählt und eingängige Musik gespielt wird, zusammenzufassen“, erklärt der 46-Jährige. Seine Erfahrungen dabei will er nicht missen: „Kinder sind ein fantastisches, ehrliches, direktes Publikum. Sie merken, ob etwas echt ist. Das ist eine gute Schule für uns Musiker!“ Wichtig bei all seinen Projekten mit Kindern und Jugendlichen sei gewesen, dass man die jungen Menschen auf mehreren Ebenen anspreche, „allein die musikalische Ebene reicht da nicht mehr aus“, meint Steger. Vielmehr gehe es um eine Kombination aus Sprache, Erlebnis, berührbaren Gegenständen und handgemachter Musik. Viele Kinder wüssten gar nicht mehr, wie Musik wirklich entsteht, hat Steger in seinen Projekten bemerkt. Berücksichtige man die Dinge, bekomme man ein interessiertes und dankbares Publikum, ergänzt er. Vielleicht auch eine Konsequenz aus solchen Projekten - die Zahl der Blockflötenschülerinnen und -schüler an den deutschen Musikschulen steigen wieder - von 2013 bis 2015 wuchs der Anteil um fast 7 Prozent auf 65.013 Nachwuchs-Blockflötisten.

Wie ein Programm für ein Konzert entsteht

Die Flöte blieb allerdings nicht die einzige Leidenschaft. Mit seinem Erfolg als Solist wuchs auch die Nachfrage, ob er nicht auch eigene Orchesterprojekte leiten wolle. Maurice Steger zögerte nicht lange und begann ein Dirigierstudium bei Marcus Creed in Stuttgart. Nach dem erfolgreichen Abschluss spielt er immer wieder - wie jetzt auch mit der Südwestdeutschen Philharmonie - Konzerte in Doppelfunktion als Solist und Dirigent. Das Programm für solche Abende erstellt Maurice Steger nach mehr oder weniger festen Kriterien. Einerseits gehe es um eigene programmatische Ideen, um einen musikwissenschaftlichen Ansatz oder die Frage, was das Publikum von einem solchen Abend erwarten würde. „Dazu kommt aber auch, dass es abwechslungsreich sein sollte, eine gewisse Bandbreite zeigen soll“, erklärt der Musiker. Ebenso eine Rolle spielen aber auch: „Wie könnte es in einem bestimmten Setting klingen? Und kann das jeweilige Orchester das gewählte Programm ideal aufführen?“, so Steger.

Er selbst - das merkt man auch am Programm des Konzertes mit der Südwestdeutschen Philharmonie - ist ein grosser Freund und Kenner der so genannten Alten Musik. Dazu gehören europäische Musikstile aus verschiedenen Epochen (Mittelalter, Barock, Renaissance) etwa vor dem Jahr 1750. Was er daran mag? „Das Spannende an der Alten Musik ist doch, dass in den Archiven noch ungemein viel schlummert. Wir haben das Privileg, jahrhundertealte Schätze wieder ans Licht zu ziehen und als frische, neue, unerhörte Musik zu präsentieren“, erklärt er. Ein solcher Schatz ist für ihn Georg Friedrich Händel „Suite de danse aus der Oper Almira“. „Wenn ich etwas Werbung machen darf in unserem Gespräch, dann würde ich sie für dieses Werk einsetzen“, sagt der Musiker im Interview und lacht. „Nein, im Ernst: Das ist fulminant, eine Rarität, die so gut wie nie gespielt wird. Allein dafür müssen die Leute ins Konzert kommen“, findet Maurice Steger.

Termin: Das Konzert "Gedanken" mit Maurice Steger und der Südwestdeutschen Philharmonie findet statt am 22./24. und 26. November im Konzil Konstanz um 19.30 Uhr beziehungsweise 18 Uhr (26.11.). Ein weiteres Konzert läuft am Samstag, 25. November, 20 Uhr, in der Stadthalle Singen. Alle Infos zum Ticketverkauf (Preise zwischen 18 und 48 Euro) gibt es hier 

Video: Maurice Stegers Auftritt beim Echo 2015

 

 

 

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