von Jeremias Heppeler, 04.01.2021

Die Welt als Show

Die Welt als Show
Wer Frank Underwood (Kevin Spacey) in «House of Cards» zusah, der musste folgern: Politik ist schmutzig, nur mit Intrigen kommt man weiter. Das prägte das Politikverständnis vieler ZuschauerInnen. | © Netflix

Realität, Fiktion, Narration: Wir leben in einer Zeit, in der alles verschwimmt und nichts gewiss ist. Wie das allgegenwärtige storytelling unsere Wahrnehmung verändert. Und wie Serien wie «Homeland» und «House of Cards» den Verschwörungsglauben in der Gesellschaft anfeuerten. (Lesedauer: ca. 8 Minuten)

Um 2:24 Uhr mitteleuropäischer Zeit kam es am 5. November während der zu diesem Zeitpunkt brandheissen US-Präsidentschaftswahl zu einem bemerkenswerten Austausch in einer der zahlreichen Expertenrunden von CNN mit Abby Phillip, Dana Bash und Jack Tapper.

Im Angesicht eines sich ankündigenden Triumphs von Joe Biden in Arizona (normalerweise felsenfest in republikanischer Hand), erinnerten sich die Moderatoren an den kürzlich verstorbenen Ex-Senator und ehemaligen republikanischen Präsidentschaftskandidat John McCain.

Das Leben erzählt in Staffeln

Donald Trump hatte den „beloved son of Arizona" in einer giftigen Fehde über Jahre und über dessen Tod hinaus und entgegen aller Warnungen seiner Berater teils geschmacklos beleidigt. Schlussendlich hatten sich zahlreiche namhafte Republikaner (darunter McCains Frau) in Arizona gegen Trump gestellt.

„Was wäre das für eine Geschichte, wenn McCain aus dem Grab heraus Trumps Niederlage besiegeln würde", verkündete Moderator Tapper. „Das Ende würde zu der verrückten Staffel passen, die die Autoren der Donald-Trump-Show dieses Jahr geschrieben haben!" Und bemerkte dabei nicht, dass er in diesem Moment selbst einer dieser Autoren war.

Video: David JP Phillips beim TEDxStockholm über die Macht von Geschichten

Alle wollen nur noch Geschichten erzählen

Denn: Im Corona-Jahr 2020 haben sich Realität und Fiktion in der Medienlandschaft in einem nie dagewesenen Wechselspiel überlagert. Warum aber bedient sich der Journalismus so gerne bei Narrativen der Unterhaltungsindustrie? Und was macht das mit den Rezipienten?

Geschichten erzählen und Geschichten erzählt bekommen sind menschliche Grundbedürfnisse. Urinstinkte. Die Medienwissenschaft beschwört gerne das Lagerfeuer als ursuppigen Mythos, um welches sich unsere Urahnen einst versammelten und lauschten.

Später bezeichnete der Kommunikationswissenschaftler Marshall McLuhan das Fernsehen als „elektronisches Lagerfeuer der globalen Dorfgemeinschaft" und in diesem Metaphern-Kontext müssen wir das Internet wohl als Flächenbrand verstehen.

Fiktion als verzweigtes Netz der alternativen Realität

Fernsehen, Literatur, Kino, Theater, Streams, Computerspiele  - Geschichten in allen Spielformen stehen im Zentrum unserer Kultur, sie formen und schichten sich zu einem weit verzweigten Netz der alternativen Realitäten. Denn wenn der Mensch vor einer Sache Angst hat, dann vor seiner Beschränktheit. Der Beschränktheit der Möglichkeiten. Der Beschränktheit der Lebenszeit.

Geschichten aber bieten uns Eskapismus, ein weiteres, ein aufgefächertes Erleben, ein Eintauchen in Abenteuer und Drama, in die Zukunft und die Vergangenheit. Wer in Narrationen eintaucht, der lebt und erlebt auf Zeit andere Leben, der erforscht neue Blickwinkel und Ansichten, weit weg vom grauen Alltag, der sich in seltsamen Schleifen um sich selbst rotiert. Doch im Angesicht dieses mehrdimensionalen Panoptikums der Möglichkeiten droht die Realität von Zeit zu Zeit zur grauen Maus zu verkommen.

Video: Wie die Trump-Jahre die Popwelt verändert haben

Realität vs. Popkultur

Denn wenn man so will tritt sie, also die Realität, in direkter Konkurrenz mit Kultur und Popkultur. Das stellt vor allem Journalistinnen und Journalisten vor ein ziemliches Dilemma. Grob gesagt: Wie schaffe ich es Leser und Zuhörer für das biedere Reale zu begeistern, wenn er parallel dazu auch mit Superhelden durch kunterbunte Popcorn-Welten preschen könnte - ganz ohne Gefahr für das eigene Selbst?

Nun wirkt dieser Gedanke, in Zeiten in der wir die umfassendste globale Krise seit dem zweiten Weltkrieg erleben, wohl ein wenig fehl am Platz und des Pudels Kernproblem entwickelte sich sicherlich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten.

Die Auswirkungen indes blubbern aber in Krisenzeiten besonders prägnant an die Oberfläche. Denn der Journalismus hat sich zuletzt verstärkt einer eigenwilligen, aber auch nachvollziehbaren Strategie bedient: Er übernimmt Ideen, Narrationen und Topoi aus der Popkultur und stülpt sie der Realität über.

Das Spiel mit den Images ist nicht neu

Dieser Ansatz ist alles andere als revolutionär: Bereits die Geschichtsschreibung des römischen Kaiserreichs verpasste seinen Herrschern bunt leuchtende Images, was nicht selten dazu führte, dass (zumindest in Geschichtsbüchern) auf jeden volksnahen Kaiser meist ein waschechter Tyrann folgte.

Hierbei ging es vor allem um konkrete Abgrenzungen und - man ahnt es - um Geschichten, die sich griffig und anschaulich verbreiten liessen. Frei nach dem Motto: Es gibt keine schlechte Publicity!

Überhaupt könnte man jetzt anführen, dass es in jedem Wahlkampf darum geht, einen möglichst packenden Narrativ zu kreieren und der gedankliche Sprung zum Stichwort „Propaganda" lässt sich hierbei kaum vermeiden.

Das Problem: Realität ist viel zu kompliziert für billige Vereinfachung

Doch genau da zeichnet sich ein entscheidender Unterschied ab: Die Vermischung von Realität und Narration steht heute nicht ausschliesslich unter dem Einfluss der Politik. Es geht auch ganz profan um Unterhaltung. Um Stil. Um Bilder und Metaphern. Darum, komplizierte Systeme (und ja, die Realität ist halt verdammt kompliziert) auf den Punkt zu bringen. Darum, nuancierte Aufschichtungen von Grau in Richtung Schwarz oder Weiss zu swipen. Dafür braucht der Journalismus starke Rollen und Bilder und Rollenbilder.

Starten wir mit dem vielleicht prägnantesten Beispiel: „House Of Cards". Die Serie, die sich mittlerweile durch die Missbrauchsvorwürfe gegen Hauptdarsteller Kevin Spacey (und dessen anschliessen Rauswurf), sowie konsequent schlechter erzählte Staffeln zuletzt zusehends selbst degradierte, darf durchaus als revolutionär bezeichnet werden.

Video: Trailer zu House of Cards

Die Intrige als einzig wirksames politisches Instrument

„House Of Cards" segelte als erstes Flagschiff-Projekt unter Netflix-Flagge und transformierte Politik zu Mainstream-Thriller-Unterhaltung. Hauptfigur Frank Underwood intrigiert sich skrupellos dabei durch den amerikanischen Kongress.

Die Intrige wird innerhalb der Serie zum zentralen, ja vielleicht sogar einzig wirksamen politischen Instrument. Eine extreme Überhöhung, die selbstverständlich in der Realität gründet, nun aber rückwirkend (in den Köpfen der Rezipienten) auf ebendiese zurück spiegelt. Ein Ping-Pong-Spiel zwischen den Dimensionen, das es für die Rezipienten manchmal schwierig macht, den Bällen zu folgen.

Donald Trump als schlechtes House-of-Cards-Abziehbild

Und spätestens hier kommen wir zurück zu Donald Trump. Jener Figur, die wie keine zweite unsere gewohnten Realitäten verwischte, jener Figur, in deren Angesicht sogar die Southpark-Macher Matt Parker und Trey Stone kapitulierte: „Satire ist Realität geworden. Es ist wirklich, wirklich schwer, sich da noch drüber lustig zu machen."

Tatsächlich wirkte die Donald-Trump-Show wie ein schlechtes Abziehbild von "House Of Cards", wie eine Art Remix, in welchem die Hauptfigur besagtes Kartenhaus bereits in der ersten Folge mit dem Hinterteil einreisst. Auch an anderen Stellen verwickelten sich Gegenwartspolitik und Popkultur in einer überdrehten selbst erfüllenden Prophezeiung.

Video: Nawalny, die russische Opposition und das Internet 

Wir denken an die Ermordung von Kim Jong-uns Bruder Kim Jong-nam oder die Vergiftung von Alexei Nawalny. Die James Bond-Szenarien schreiben sich in diesen realen und real aufgearbeiteten Episoden wie von selbst - und wurden von der Presse auch genau so erzählt.

Dazu passt: Laut Mafia-Experten wie dem Autor Roberto Saviano schauen echte Mafiosi besonders gerne Mafia-Filme und kopieren teilweise bewusst, teilweise unbewusst, die Verhaltensmuster der Filmfiguren. Das Wechselspiel, das Spiegelkabinett zeichnet sich immer deutlicher ab.  Passend dazu wird Stephen King das Zitat: „Die Fiktion ist die Wahrheit in der Lüge” („Fiction is the truth inside the lie”) zugeschrieben.

Wie TV-Serien den Boden für Verschwörungsglauben bereiten

Wir merken: Serien wie „House Of Cards”, „24” und „Homeland” erzählten über Jahre hinweg von mehr oder minder politischen Szenarien und korrupten Eliten, die komplett von Intrigen und Verschwörungen durchfressen waren.

Solche Narrative klammern sich fest - und tragen ihren Teil dazu bei, dass heute, wo wir uns tatsächlich in einem weltweiten Katastrophenszenario befinden, der Verschwörungsglaube auf überaus fruchtbaren Boden trifft.

Wir erwarten regelrecht von unseren Politikern, dass sich diese wie Serienfiguren verhalten. Und auf der Grundlage dieser Denkstrukturen sind selbst die absurdesten Sprünge wie etwa zu Bill Gates als Bond-Bösewicht, der die Welt verchippen möchte, nicht mehr besonders weit.

Video: Trailer zu Homeland

Corona: Wie aus Virologen Helden wurden

Lohnend erscheint vor dem Hintergrund der Corona-Krise vor allem der Blick auf die Virologie. Hier driftete eine Wissenschaft plötzlich ins Zentrum des öffentlichen Interesse, welche die breite Masse zuvor kaum wahrgenommen hatte.

Eine Art naturwissenschaftliche Helden-Geschichte, die wir aus Romanen wie Frank Schätzings „Der Schwarm” kennen, in welchem Meeresbiologen plötzlich dazu gezwungen werden, als regelrechte Superhelden zu agieren und die Welt zu retten.

Ähnliches verlangen wir nun auch von unseren Virologen, Nischenforschern also, die zuvor weitesgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit agierten. In Deutschland wurde Christian Drosten schnell zum Virologie-Superman erklärt, inklusive aller Huldigungen und Schmähungen, die eine solche Überhöhung mit sich bringt.

Video: 5 Wege, ein Held zu werden

Klar: Jeder Held braucht seinen Schurken

Und weil jeder Clark Kent sich vor allem auch durch seinen Lex Luthor definiert, entwickelten sich Bösewicht-Narrative um den Virologen Hendrik Streeck (der sich immer wieder gegen Drostens Erkenntnisse und Pläne stellte) und den schwedischen Staatsepidemiologen Anders Tegnell, der den alternativen schwedischen Weg etabliert hatte. Aus Sicht von Schwurblern und Corona-Leugnern funktionieren diese Narrative selbstredend auch spiegelverkehrt.

Wie aber war die Situation in der Schweiz? Wen könnte man da besser fragen, als die im Appenzell verwurzelte Autorin Jessica Jurassica? Sie hat dieses Jahr mit ihrer erotischen Alan-Berset-Fanfiction massive Empörungswellen von blick.ch bis Republik aufgeschäumt und gründete (das sei der Transparenz halber gesagt) im vergangenen Jahr gemeinsam mit Rapper Daif und mir die Punkband „Dieter Meiers Rinderfarm”.

Video: arttv.ch über Jessica Jurassica

Jessica Jurassica über Alain Berset und Daniel Koch

Auf Twitter schreibt sie mir: „Ich würd sagen, dass die Helden hier in der Schweiz (wo es abgesehen davon sehr sehr schwierig ist stabile Helden zu haben weil wir so langweilig und demokratisch sind lol) bereits am Kapital zerbrochen sind.”

Ihre Folgerung daraus: Das Superhelden-Modell habe in der Schweiz nicht so richtig funktioniert: „Also klar, am Anfang waren wir alle froh, hatten wir Alain Berset und Daniel Koch und es hat geholfen, dass Alain ausschaut wie Bruce Willis und Daniel wie John Malkovich. Die Sehnsucht nach Helden war definitiv da.

Neue Helden? In der Corona-Pandemie wurden Wissenschaftler, Politiker und Virologen wie Alain Berset oder Daniel Koch entweder zu Helden oder Schurken stilisiert. Dabei helfen solche Zuweisungen niemandem. Bild: Jeremias Heppeler

 

Aber Daniel Koch ist irgendwann gekippt. Der ist kurz vor seiner Pensionierung in diese Sache reingerutscht und zum Helden geworden, nachdem er seine gesamte Karriere an Schreibtischen und in Labors verbracht hat. Auf dem Peak der ersten Welle hat er seine Consulting Webseite online geschaltet und jetzt ist er pensioniert und hat Mandate grosser Sportvereine setzt sich für Grossveranstaltungen ein und macht lustige Instagram-Videos.

„Der greift nicht mehr mit väterlich starker Hand durch, sondern zögert.”

Jessica Jurasssica, Autorin, über Alain Berset

Er ist der Aufmerksamkeit und der Macht verfallen und somit auch eher zum Bösewicht geworden. Der ist der Heldenrolle einfach nicht gewachsen.”

Und weiter: „Alain Bersets Rolle ist übrigens iwann auch gebröckelt, ich habe irgendwo die Schlagzeile gesehen, dass er schwach geworden ist und die Interessen der Wirtschaft in den Vordergrund stellt. Der greift nicht mehr mit väterlich starker Hand durch, sondern zögert.”

Wie Geschichten Überleben sichern

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf ist es kaum möglich auf gemeinsame Fotos von Berset und Koch zu schauen, ohne sie im Kopf zu Filmplakaten mit Willis und Malkovich umzuformen und sie in einen wendungsreichen Drama-Plot hineinzuschreiben.

Der Mythos, die Geschichte legt sich über die Realität wie ein Instagram-Filter. Und das ist nicht schlimm. Nein, das ist - und hier schliesst sich der Kreis - (ur)menschlich. Und wichtig, ja entscheidend für Stabilität unserer Gesellschaften.

Eine kurze Geschichte der Menschheit

Zumindest wenn wir dem israelischen Geschichtsprofessor und Bestseller Autor Yuval Noah Harari folgen. In seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ vertritt Harari die These, das es vor allem die Fähigkeit fiktives zu erzählen war, die einst die Erfolgsgeschichte des Homo Sapiens einleitete.

Während unsere Verwandten wie die Neanderthaler durchaus in der Lage waren, Fakten wie „Vorsicht, am Wasser ist ein Raubtier“ wiederzugeben, entwickelten unsere Vorfahren eine komplexe, eine fiktive Sprache, die sie dazu ermächtigte, Dinge zu erfinden, zu lügen und zu lästern.

Video: Yuval Harari im SRF

Warum wir Mythen brauchen

In der Entwicklung einer fiktiven Sprache verankerten sich im weiteren Lauf der Geschichte elementare Konzepte wie Mythos, Religion, (Staats)-Gemeinschaft und Unterhaltung, die konsequent zur Ausformung einer menschlichen Gemeinschaft mit all ihren positiven und negativen Auswirkungen beitrug.

Eine Gesellschaft braucht diese Mythen. Braucht den Mythos. Aber natürlich gilt es das immer zu hinterfragen. Und zu dekonstruieren. Heute mehr als je zuvor.

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