von Sascha Erni, 19.01.2021

Ein Akt der Solidarität

Ein Akt der Solidarität
So rückt das Ghost Festival in die Öffentlichkeit: Mit dem Balken deuten die Werbeplakate bereits an – dieser Event findet, wie alle bis mindestens Ende Februar – nicht statt. | © zVg

Es wird das wohl grösste Musikfestival der Schweiz: Am 27. und 28. Februar treten rund 300 Bands sowie Musiker und Musikerinnen, darunter nationale Grössen wie Züri West oder Gustav … nicht auf. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)

Mit einer ungewöhnlichen Solidaritätsaktion möchte der Verein Ghostclub auf die schwierige Lage der Musikschaffenden hinweisen und aktive Unterstützung bieten. Das Ghost Festival vom 27. und 28. Februar wird der vielleicht grösste Musikevent der Schweiz, komplett mit Werbeplakaten in 15 grossen Schweizer Städten, Ticketverkauf und Merchandise – aber ohne Auftritte.

Der Verband Schweizer Musikclubs und Festivals PETZI und der Berufsverband der freischaffenden Musiker*innen SONART unterstützen die Aktion. Der Erlös fliesst vollumfänglich an die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler.

Ein Tropfen auf dem heissen Stein, aber nach der Corona-Flaute des letzten Jahres, die noch lange ins 2021 nachwirken wird, besser als nichts. «Wir schaffen es ohne Applaus, ohne Anerkennung, ohne Ekstase, sogar ohne Musik, aber nicht ohne Essen und ohne Dach über dem Kopf», sagt zum Beispiel Rapperin Big Zis. «Und um Essen und Dach zu bezahlen, braucht es Geld.»

Unterstützung für 1277 Direktbetroffene

Das Organisationskomitee trat erstmals am 18. November zusammen, um die Planung und Umsetzung anzugehen. «Wir waren uns bewusst, dass es sicher auf unserem Planeten schon solche Aktionen gegeben hat, aber wir haben alles selbst entwickelt», erklärt Dominik Huber vom Verein Ghostclub.

Die Vorarbeiten verliefen gut, bei manchen Acts hätte das Booking aber ein wenig Überzeugungsarbeit leisten müssen. «Einige Bands haben nicht sofort verstanden, dass sie sowieso nicht auftreten werden und es deshalb ihre interne Planung nicht verändern wird», so Huber. Am Ende kamen 295 Bands, Solokünstlerinnen und -Künstler zusammen, gesamthaft also 1277 direkt betroffene Musikschaffende.

Werbung für ein Festival, das nicht stattfindet: Das Plakat mit dem Balken macht auf das Ghost Festival aufmerksam. Bild: zVg

Musik als Teil des Lebens

Jetzt hoffen diese Musikschaffenden auf die Unterstützung der Fans. Es sei Zeit, den Menschen Danke zu sagen, die die Bevölkerung mit Musik beschenken, zeigt sich das Organisationskomitee überzeugt. Und erklärt damit den Namen des Festivals: «Ohne die Musikschaffenden gibt es keine Musik, ohne sie verstummen unsere Gefühle, das Feuerwerk erlischt, es wird still und kalt, leer und grau … wie in einer Geisterwelt.»

Wie bei einem gewöhnlichen Festival soll ein Grossteil der Einnahmen durch Ticket-Verkäufe geschöpft werden, der Vorverkauf startete am 11. Januar. Verschiedene Partner und Sponsoren wie Migros und «Die Mobiliar» sowie Merchandising sollen ebenfalls dazu beitragen, dass mehr als bloss der symbolische Stutz in die Taschen der Kulturschaffenden fliessen kann.

Aber im Zentrum des Festival-Konzepts stehen klar die Fans. Die teilnehmenden Acts werben koordiniert über ihre eigenen Social-Media-Kanäle für das Festival und damit für Solidarität mit der Branche.

Awareness statt Lobby-Arbeit

Die Corona-Krise hat mit den Veranstaltungseinschränkungen das Leben von Kulturschaffenden und besonders von Musikerinnen und Musiker auf den Kopf gestellt, quasi in besagte Geisterwelt verschoben. Bund und Kantone versuchen, mit Corona-Soforthilfen und Härtefall-Regelungen einem Sterben der Branche entgegenzuwirken. Bisher mit nur mässigem Erfolg, wie verschiedene offene Briefe an den Bundesrat oder die Night of Light wiederholt betont haben.

Das Ghost Festival sieht sich zwar nicht als politische Aktion, sondern als Soforthilfe für Betroffene. Aber es scheint klar: Je stärker das Bewusstsein um die Thematik in der Bevölkerung vertreten ist, desto eher werden Bund und Kantone genauer zuhören wollen. Oder zuhören müssen.

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