von Inka Grabowsky, 29.07.2019

Kultling rockt noch einmal die See-Bühne

Kultling rockt noch einmal die See-Bühne
Ankathie Koi mag glamouröse und provokante Outfits. Beim Kultling-Festival spielen sie am Samstagabend. | © zVg

Seit fünf Jahren nutzt das Openair-Festival die Infrastruktur des See-Burgtheaters während des Fantasticals für alternative Musik. In diesem Jahr zum letzten Mal im bewährten Format.

„So ein tolles Bühnenbild könnten wir sonst natürlich nicht bieten“, sagt Kathrin Wittgen vom Verein kultling begeistert. Die Kulisse, in der noch bis zum 7. August „Arsen und Spitzenhäubchen“ gespielt wird, bildet vom 9. bis 11. August den Hintergrund für die kultling-Konzerte. Während im Stück die Drehbühne ständig in Bewegung ist, dürften die vielen Kabel der elektrischen Instrumente und der Scheinwerfer es unmöglich machen, das Heck des Missisippi-Dampfers zu zeigen – der Innenraum muss reichen. „Wir haben auch dieses Jahr keinen Dixie-Jazz“, sagt Kathrin. „Insofern hätte der Stil ohnehin nicht gepasst.“

Ansonsten aber bietet kultling fast alles: Live gespielt werden Rock von Doesntmatteranyone und Mr Leader, Folk (Freequencies Collective), Gypsy (Krüsimusig), Punk (Mike Ständer Band), Disco-Punk (Blind Butcher), Pop (Ankathie Koi) und Electronica (Jessiquoi). Elektronische Tanzmusik macht auch DJane Ju’el, die Samstagnacht auflegt. Zusätzlich gibt es Clownerie für Kinder und Erwachsene am Samstagnachmittag. Der Freitag ist den Künstlern aus der Region gewidmet, am Samstag machen national bekannte Grössen das Seeufer zum Undergroundclub.

Bis 7. August wird hier Theater gespielt, danach darf das Festival «Kultling» die Kulisse nutzen. Bild: Mario Gaccioli

 

Sonntag organisiert der Kulturdachverband Kreuzlingen einen Brunch mit der Klezmer-Band Urbalz. „Unsere Headlinerinnen am Samstag sind beide schrill, bunt und berühmt für tolle Bühnenshows“, so Vereinspräsident Valentin Huber voller Vorfreude: „Ankathie Koi kommt aus Wien und macht mit einzigartigen Kostümen Dancepop. Jessiquoi aus Bern bringt Beats zwischen Electronica, World, Rap und Gesang. Und vor diesen beiden Powerfrauen spielen Blind Butcher, die in Glamour-Glitzer-Anzügen und Bodysuits auftreten und einen eigenen Punkrock-Stil zwischen Ernst und Ironie zum Besten geben.“

Das Festival will sich verändern, um nicht langweilig zu werden

Das Programm stellt seit fünf Jahren ein Kernteam aus acht Mitgliedern zusammen. „Wir hören alle gern Musik, gehen regelmässig auf Konzerte und sammeln so Ideen“, erklärt Kathrin Wittgen. „Im Winter treffen wir uns, um zu sortieren. Alles wird noch mal angehört. Die Musiker, die am meisten Punkte bekommen, werden angefragt.“ Einige Engagements scheitern aus Termingründen – diese Bands bilden dann den Grundstock für das Programm des nächsten Jahres. Schon deshalb wird es mit kultling weitergehen, allerdings nicht unbedingt in gleicher Form. Während Kathrin Wittgen sich freut, dass mittlerweile Erfahrungswerte für mehr Sicherheit sorgen, stört sich Valentin Huber an den Routinen, die sich eingeschliffen haben. Ungewissheiten und Nervosität begünstigten neue Ideen und Kreativität, meint er.

Kathrin Wittgen und Valentin Huber wollen sich in Zukunft vor allem dem Nachwuchsmusiker Bela widmen. Bild: Inka Grabowsky


Deshalb soll es im kommenden Jahr konzeptionelle Veränderungen geben. Auch personell verschiebt sich etwas: Ausbildung oder Beruf ziehen zwei Mitglieder des Teams in die Ferne, Kathrin Wittgen und Valentin Huber haben einen Sohn bekommen, der in ihrem Leben andere Prioritäten setzt. „Wir haben weiterhin die Bühne, eine überdachte Tribüne, das Gastrozelt und – sollte der Termin am Fantastical bleiben – auch Laufkundschaft. Das sorgt für einen gewaltigen Effizienzbonus“, so Valentin Huber. Was ausserdem bleiben soll, ist der Spass an der Freud, sowohl bei den Organisatoren wie auch beim Publikum.

Video: Ankathie Koi bei Acoustic Sessions von FM4

Mit Sondergenehmigung: In diesem Jahr wird es ein bisschen lauter

Mit rund tausend Zuhörern rechnet kultling, die ganz gezielt wegen der Bands und des kultling-Ambientes kommen. „Wir hören immer wieder, dass in Kreuzlingen genau solche Events gewünscht sind. Andere Besucher kommen zufällig vorbei, weil sie vom Park aus zum Festgelände unterwegs sind. Sie bleiben auf ein Bier und ein paar Songs, werden zu treuen Kultlingern oder ziehen zufrieden weiter.“ In diesem Jahr könnte der Sound Publikum aus noch grösserer Entfernung anlocken: Kultling hat eine Sondergenehmigung erwirkt, die Lautstärke für Live-Konzerte von 93 auf 96 Dezibel zu erhöhen. Gratis Ohrenstöpsel für Empfindsame stehen schon bereit. „Bei 93 kann man sich vor der Bühne noch unterhalten“, so Huber. „Bei uns soll es sich aber nur um die Musik drehen – wer reden will, darf sich gerne auf die Tribüne setzen.“

Ehrenamtliche Unterstützung ist gross

Für drei Tage voller Musik und Show braucht es rund 55 Helfer, die in mehrstündigen Schichten für Auf- und Abbau oder Bewirtung sorgen. Bisher haben die sich immer zusammengefunden, und viele helfen alljährlich wieder mit. „Es macht eben glücklich“, sagt Kathrin Wittgen. „Am Sonntag nach dem Aufräumen werde ich natürlich völlig fertig sein – aber auch erfüllt von den Erlebnissen der drei Tage.“ Helfer und Fans kommen übrigens zum Teil aus Konstanz, und das nicht erst, seit kultling für das Open See Festival im Mai mit dem Kula grenzüberschreitend zusammengearbeitet hat. Die Kreuzlinger organisierten Schweizer Bands für den Eröffnungsabend, Valentin Huber sass in der Jury für den Bandcontest. „Wir freuen uns, dass uns die coolen Kollegen vom Kula nun auch bei unserem Festival unterstützen“, so kultling-Mitorganisator Martin Leuch. Damals hatte es Doesntmatteranyone aus Konstanz ins Finale im Stadtgarten geschafft, nun präsentieren sie ihren Alternative Rock am Schweizer Ufer.

Video: Jessiquoi spielt Samstagnacht ab 0.30 Uhr

Trotz ehrenamtlicher Arbeit hat kultling ein Budget von 25.000 Franken, das von Sponsoren getragen wird. Zwar spielen einige Bands gegen eine Hutkollekte, doch andere brauchen eine Gage. Alle Musiker müssen essen, trinken und irgendwo schlafen. Die Miete der Ausrüstung, das Honorar der Profis am Mischpult und Licht, die Standgebühr oder Versicherungen schlagen zu Buche. Deshalb sind die „Kultlinger“ froh, wenn das Publikum freiwillig ein paar Franken berappt. Denn abgesehen vom am Samstag fälligen Eintritt ans Fantastical kommen die Zuhörer nach wie vor gratis in den Konzertgenuss. „Wir wollen uns für alle engagieren, nicht bloss für jene mit dem dicken Portemonnaie“, so Huber.
 
Vollständiges Programm unter http://www.kultling.ch/fantastical2019/ 

Reinhören: Diese Bands spielen beim Kultling-Festival 2019


 
 

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