von Michael Lünstroth, 17.10.2017

Gekommen, um zu bleiben

Gekommen, um zu bleiben
"Wir wollen etwas Bleibendes schaffen": Erich Hausammann in seiner Galerie Kirchgasse in Steckborn. | © Michael Lünstroth

Seit gut einem Jahr gibt es die Galerie Kirchgasse in Steckborn. Sie will internationale Künstler in die Region holen. Zur Zeit sind Arbeiten des als Kauz geltenden André Butzer zu sehen

Von Michael Lünstroth

Die Kirchgasse 11 in Steckborn ist kein guter Ort für Gespräche. Breite Fensterfront nach aussen, jahrhundertealtes Gebälk, das manchmal zu flüstern scheint und, abgesehen von der Kunst an den Wänden, sonst ein ziemlich leerer Raum. Akustisch sind das schwierige Bedingungen. Aber es geht ja jetzt auch nicht um Musik, sondern um Bildende Kunst. Erich Hausammann sitzt an seinem improvisierten Schreibtisch und lächelt erstmal. Vor gut einem Jahr hat der Sammler und Kunstliebhaber seine Galerie in Steckborn eröffnet - und fühlt sich mit der Entscheidung offenbar immer noch ganz wohl: „Hierher zu kommen war richtig. Der Ort ist wie gemacht für Kunst, die Dialoge eröffnen soll“, sagt Hausammann. 

Und genau das will der Galerist. Das Programm, das er sich selbst verschrieben hat, ist ambitioniert: „Wir wollen etablierten internationale Künstlerinnen und Künstler hier herholen, aber auch jungen aufstrebenden Künstlern eine Plattform bieten“, erklärt der Hausherr im Gespräch. Der Fokus liegt dabei aber weniger auf dem Kunstschaffen in der Region und mehr auf dem Blick darüber hinaus. Regionaler Proporz interessiert Hausammann nicht, ihm gehe es alleine um die Qualität der Arbeiten, sagt er. Und noch ein Ziel: Die Kirchgasse soll ein Ort für Symbiosen sein: Die Landschaft, die Kunst, die Künstler - aus diesem Dreiklang ergebe sich eine spannende Mischung, so Hausammann. Trotzdem bleibt da die Frage: Warum ausgerechnet Steckborn? Dazu muss Erich Hausammann etwas ausholen: „Die Nähe zu den Kunststädten München, Stuttgart und Zürich macht Steckborn zum idealen Ort für eine neue Kunstgalerie. Ausserdem kann man hier machen, was man in den grossen Galerien nicht mehr tun kann: jungen Künstlern eine Plattform bieten.“ Der Verkaufsdruck in den Grossstadt-Galerien sei auch aufgrund der hohen Mieten so stark, dass man es sich dort fast nicht mehr leisten könne, Nachwuchs-Künstler auszustellen, glaubt Hausammann.

Die Galerie setzt auf sparsame Hängung. Gut so.

Nun ist es nicht so, dass Erich Hausammann frei vom Markt agiert. Er achtet schon auch darauf, dass Künstler bei ihm ausstellen, die sich auch verkaufen. Wohl auch deshalb hat er sich für ein eher internationales Profil seiner Galerie entschieden. Hilfreich bei seiner Arbeit sei ihm sein persönliches Netzwerk: „Viele der Künstler kenne ich persönlich seit Jahren, das macht es oft leichter, sie auch hier herzuholen“, sagt Hausammann. 

Bei der Hängung der Ausstellungen agiert der Galerist eher zurückhaltend. Es gilt das Motto: Weniger ist mehr. Die gezeigten Bilder sollen Raum bekommen und ihre Wirkung entfalten können. „Zu viele Galerien machen den Fehler, ihre Räume vollzustopfen mit Arbeiten, das will ich hier ganz bewusst anders machen“, so der Kunstliebhaber. Beobachten kann man das auch in der noch bis 4. November zu sehenden Ausstellung von André Butzer. Die Arbeiten des am Rande von Berlin lebenden Künstlers sind wohltuend sparsam gehängt. 

André Butzer also. Mit dem 1973 in Stuttgart geborenen, längst international bekannten Künstler, bringt Hausammann eine spannende Figur in die Region. Nicht nur wegen seiner bisweilen radikalen Ansichten („Zeitgenössische Kunst gibt es nicht. Und alles was nach Paul Cézanne kam, gehört vernichtet“), sondern auch weil er Mitbegründer der Avantgardegruppe in der Akademie Isotrop war. Die Beteiligten waren hier Studierende und Lehrende zugleich, die Seminare für Philosophie, Kunstgeschichte und Grafikdesign fanden in Wohnungen statt. 

Der Galerist und des Künstlers Werke: Erich Hausammann präsentiert eine Arbeit von André Buzer.Der Galerist und des Künstlers Werke: Erich Hausammann präsentiert eine Arbeit von André Butzer. Bild: Michael Lünstroth

Der 44-Jährige galt in der Szene lange als Kauz. Weil er immer sein eigenes Ding machte, den Galerien die Art und Weise der Zusammenarbeit diktierte und weil man nie genau wusste, wie ernst er das mit der Kunst jetzt eigentlich meint. Ironie, Selbstinszenierung, Vorführung der Mechanismen des Kunstmarktes - all das gehört durchaus zum Gesamtkunstwerk von Andre Butzer. Dazu passt, dass er seiner Steckborner Ausstellung einen im schwäbischen Dialekt verfassten Text mit auf den Weg gibt. Darin schreibt er unter anderem: „Ohsinn isch ganz genau, was mir Kinschtler am Ende wellat. Aber des isch net leicht, isch klar. Du misch emmer widder von vorne ofanga und eifach so Ohsinn gibts halt nedda, voller Sinn sich dr’Ohsinn nemmlich, wenn mir genau nohgugget.“ Von der Kunstkritik wurde Butzer lange nicht ernst genommen. „Butzers Malerei ist dürftig, inkonsequent und huschig“, schrieb beispielsweise das Handelsblatt. Dass ein Text über ihn in einem Wirtschaftsmagazin erscheint, zeigt aber auch - kommerziell ist das Schaffen von Butzer durchaus erfolgreich. Und in der Tat: Sammler mögen seine Arbeiten, sie sind Teil zahlreicher Sammlungen auf der ganzen Welt. Sie gelten auch als marktgängig. Die grossformatigen Werke kosteten schon vor sechs jähren zwischen 70 000 und 90 000 Euro. Diesen Wert haben auch weltweit Galerien erkannt: Zwischenzeitlich wurde Butzer von zehn (!) Galerien, zwischen Berlin, Tokio und Dubai, vertreten.

Butzer malt manchmal wie ein Walt Disney auf Absinth

In Steckborn sind nun Arbeiten aus den 2000er Jahren ebenso zu sehen, wie neuere Werke. Es zeigt sich die Entwicklung des Künstlers - von seinen noch figürlichen Arbeiten, die so aussehen als hätte sie Walt Disney im Absinthrausch gemalt - bis hin zu den fast monochromen, schwarzen Flächen. Man bekommt einen Eindruck von der Schaffensbreite des Mannes. Übrigens: Auf die Kritik an seinem handwerklichen (Nicht-)Können, hatte André Butzer selbst mal erwidert: „Ich bin kein Maler, ich bin Künstler“. 

Dass sich Erich Hausammann überhaupt auf dieses Abenteuer als Galerist eingelassen hat, sei auch eine Herzensentscheidung gewesen, sagt er. Nach seiner Karriere in der Industrie, Hausammann war Geschäftsführer eines Herstellers von Fernwirk-, Energiemanagement und Überwachungssystemen, habe er nochmal etwas anderes machen wollen. Seine Pläne mit der Galerie seien langfristig: „Wir wollen hier etwas Bleibendes aufbauen“, sagt Hausamman. Insgesamt sechs Ausstellungen sind pro Jahr in der Kirchgasse zu sehen. Die nächste beginnt am 25. November und zeigt Arbeiten von Cedric Eisenring. Der 34-Jährige hat in diesem Jahr den Swiss Art Award erhalten.

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